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ist, ist es nicht bei Gott. Wie langsam geht's mit der wahren erkenntnis Gottes und mit der Tugendübung! Wahrlich, Christus leidet nochwie seine Worte gekreuzigt werden!

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Getrost!

Johannes, der Schoossjünger Christi, sah, da er ein hohes Alter erreicht hatte, ein, dass die Zwölfe nicht im stand gewesen, dieses grosse Werk auszuführen; allein seine Hoffnung war noch fest! – Die Religion Christi war nicht Menschenwerk. Er half sich mit der Einbildungskraft da, wo er sich verlassen fühlte. In seinem gesicht sah er einen Engel vom Himmel fahren, der hatte den Schlüssel zum Abgrunde und eine grosse Kette in der Hand. Doch warum diese Züge von einem so ins Grosse gemalten Bilde? – Er ergriff das Erdenelend und band es tausend Jahr. Johannes, der es empfand, wie menschenunmöglich es sei, Christi Reich auf Erden zu verbreiten, ohne dass Tyrannei und Bosheit gefesselt würden, bildete sich ein: es sei also. Er stellte sich, um sich nicht zu vergessen, vor, dass die Märtyrer, die Zeugen Jesu, welche die Malzeichen an Stirn und Hand hätten, jetzt in diesen Gnadenstand eingehen und tausend Jahre mit Christo regieren würden! – Selig ist der und heilig, der teil hat an der ersten Auferstehung, über solche hat der andere Tod keine Macht, sondern sie werden Priester Gottes und Christi sein und mit ihm regieren tausend Jahr.

Der hat den Himmel auf Erden, dessen Lebenszeit in diese tausend Jahre fällt, wo man einsehen wird, was Christus und die Märtyrer beabsichtigt. Nach dieser tausendjährigen Regierung bildet sich Johannes wieder Tyrannei und Blutvergiessen ein! Das Erdenelend wird wieder losgeschlossen; allein nach seiner Vorstellung soll es nicht lange dauern. Hallelujah! Es kommt ein neuer Himmel, eine andere denkart von Gott, eine neue Erde, andere Menschen. Da ist er! Ein immerwährender Stand der Herrlichkeit!

Ich, sagte Johannes, sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem von Gott aus dem Himmel herabfahren, zubereitet als eine geschmückte Braut ihrem mann und hörte eine grosse stimme von dem Stuhl, die sprach: Siehe da eine Hütte Gottes bei den Menschen und er wird bei ihnen wohnen und sie werden sein Volk sein, und er selbst Gott, mit ihnen, wird ihr Gott sein, und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leib, noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein; denn das erste ist vergangen. Und der auf dem Stuhl sass, sprach: Siehe! ich mache alles neu; und er spricht zu mir: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss. Amen! Amen!

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Meditiren, wie die Gelehrten es nennen, nachdenken, wie der gemeine Mann sagt, heisst in vielen Fällen: beten! – Wer das Gebet als einen Erzwang in Hinsicht der Sachen, die er bittet, ansieht, irrt sich; es ist nur die Connexion, in die man sich mit Gott setzt. Das Vaterunser kann jeder Mensch beten; wenn wir indessen, wenn Gott will, in den Stand der Gnaden und in den Stand der ewigen Herrlichkeit eingetreten, müssen wir ein anderes Gebet haben, nicht wahr, lieber Pastor? dazu uns Gott seine Gnade und seines Geistes Beistand, Stärke und hülfe verleihen wolle! – Ja, Gott, der in uns angefangen hat das gute Werk, wolle es durch seinen heiligen Geist in uns bestätigen und vollführen bis auf den Introductionstag des Standes der ewigen Herrlichkeit bis auf den Tag Jesu Christi. Getreu ist Gott, der euch ruft, wird's auch tun.

Ein Ateist ist der, welcher seinen Bruder nicht liebt, den er sieht! Selbstverläugnung ist Ersparung an sich selbst, um gegen den nächsten freigebig zu sein. Freude ist Danksagung. Wollte Gott, dass ich alle Menschen diess zu üben bewegen könnte! Das würde heissen: sie beten lehren! Vergib deinem Bruder, vergiss nicht, dass du erst von den mehreren Pfunden, die Gott dir verlieh, Rechnung abzulegen verbunden bist, ehe du vor Gott treten kannst! – Vor Johanni bestellen die Leute ein Gebet beim Prediger, nah Johanni, sagt Gevatter Hans, will ich schon mit meiner Grete beten. Warum haben die gemeinsten Leute Neigung zu Spöttereien? Man sollte ihnen nicht mehr zu glauben aufgeben, als glaublich ist. Ein Tomas wirst alles über und über und sein Nachbar glaubt, was das Zeug hält, um mit Glauben dem Tun auszuhelfen! – Aufforderungen zu guten Handlungen sind nicht Handlungen selbst, das Geläute keine Predigt. Der Christ hat zwar seinen Stern am Himmel, wie die Weisen aus dem Morgenlande; allein er muss auch seine Lampe in der Hand halten, wie die fünf klugen Jungfrauen. Viele berufen, wenige auserwählt.

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Die Welt ist vorderhand nicht im stand der Gna

den. Man muss sie so verbrauchen. Doch befinde ich mich unter Wesen, die mit mir zu einer klasse gehören, denen Gott Augen, Ohren, Vernunft und alle Sinne gegeben hat. Was ist billiger, als dass ich in Rücksicht dieser meiner geliebten Mitbrüder genau nah den Vorschriften verfahre, die uns der Wille unseres gemeinschaftlichen Urhebers vorgeschrieben hat? Im Worte Bruder liegen alle diese Pflichten zusammen. Bruder ist ein grosses Wort Mich freut es recht von Herzen, dass hiess Wort in Curland so gang und gäbe ist! – Zwar ist es in den meisten Fällen nur