1778_Hippel_037_406.txt

gemacht; ich leide ihretalber die natürlichen Strafen. Ich sterbe ihretwegen täglich und suche mir durch Bewegung und ein Glas Wein die Gedanken zu vertreiben, wenn sie mir ins Ohr raunen: du bist ein Selbstdieb! Gottlob, ein Selbstmörder bin ich nicht! – Wer aber nie an sich selbst gesündigt, der hebe den ersten Stein wider mich! Ich bitte, den Herrn Generalsuperintendenten nicht ausgeschlossen, ich bitte!

G o t t s e y m i r S ü n d e r g n ä d i g ! Das war so herzlich als: G o t t a l l e i n d i e E h r e !

Es gibt Seelen, die sich immer gleich und wie ein sanfter schöner Tag sind, wo es immer scheint, es wolle die Sonne hervor, es wolle regnen und es regnet nicht und es scheint nicht die Sonne! Ich habe auch dergleichen Tage gehabt. Man könnte sie heilige Tage nennen, und den, der sie zu leben versteht, einen, der geheiligt ist! Da komm einem, was da will, es regnet nicht, es scheint nicht die Sonne. Die Empfindung, dass uns alles, alles zum Besten dient, wirkt so stark auf unser Herz, dass wir innerlich und äusserlich ruhig sind! Da sieht man, so zu sagen, in allem Gott den Herrn. Jaget nach der Heiligung, sagt der Apostel, ohne welche wird niemand den Herrn sehen! Gott, lass mich so leben, so sterben!

* * *

Leidenschaften sind Engel und können Teufel werden. Sie sind Beförderer, Mitwirker des Guten. Sie geben Spannkraft und Tätigkeit dem Müden, – Wärme und Leben dem Kaltgewordenen.

Wohl dem, der sich der Eigenschaften zu seinem eignen und zum Vorteil seines nächsten bedient, der alles zu edlen Absichten lenkt! Hat doch jemand gesagt, das Ungeziefer wäre bloss da, um die Faulen zur Arbeit zu treiben! – Dass dich doch die Mücke dafür stäche!

* * *

Noch nie hat sich ein Mensch seiner Sünden als Sünden gerühmt. Er wollte vielmehr durch diese seine Offenherzigkeit den andern auf das Gute aufmerksam machen, was in diesem Bösen lag. Wer Böses von sich sagt, ist oft der feinste Lobredner auf sich. Man denkt, er wolle sich was Leides tun; allein er tut sich was zu gut, sowie sich niemand ums Leben bringt, der vor aller Welt Augen die Pistole ladet und laut ruft: auf mich! Wen er lieb hat, den züchtigt er, könnte man vom Menschen sagen, der übel von sich selbst spricht.

* * *

Da Christus den grossen Zweck seiner Sendung nicht erreichen konnte, sondern bei der evangelischen Lehre des Gnadenstandes, des Heilstandes nichts anders als Verachtung und den Tod selbst erduldete, so war es kein Wunder, dass seine Jünger, die so weit von ihrem Meister abstanden, ob diesem Werke verzweifelten, bis sie endlich, nach sehr geheimen Beratschlagungen, sich entschlossen, das Evangelium zu verkündigen, bis dass er käme, bis dass sein Reich käme und wir ihn wieder im Geist dargestellt sähen! – Ein einmütiger heiliger Geist beseelte die Jünger so, dass sie das Werk anfingen mit Freuden, und für so eine gute Absicht Märtyrer zu werden kein Bedenken trugen.

* * *

Obgleich Menschensatzungen die Religion Jesu so sehr verdunkelt, dass wenn Christus herabkäme, er die Christen nicht kennen würde, sagt, ist sie nicht noch jetzt, so wie sie da liegt, vortrefflich? Ist sie nicht die einzige, die den Menschen zum Gnadenreiche, zum stand der Gnaden zu bringen Kraft und Stärke hat? Ich hab' es anfänglich so nicht eingesehen; allein jetzt glaube' ich, dass in dieser Lehre Leben für diese und Seligkeit für die andere Welt liege.

* * *

Die Jünger Christi waren ehrliche Kerls bis auf den Judas, der ihn verriet. P e t r u s war feurig, J a c o b u s strenge, J o h a n n e s sanft. Keiner hat sich Schätze erworben. Wie lebten sie, wie starben sie? So lebt, so stirbt kein Leutebetrüger!

Vornehm werden wollen, heisst darauf ausgehen, dass man bewundert oder beneidet wird. Beides taugt nicht! Sich Glück wünschen, heisst andere kleiner verlangen als man selbst ist, andere auf seine Kosten unglücklich wissen! – Solche eigennützige, strafbare Wünsche sind geradenwegs dem Gnadenreiche Christi entgegen, wo kein Kronprinz, kein Königsbruder ist. Der Erste ist der Letzte, der Letzte der Erste; der Geringste der Vornehmste, der Vornehmste der Geringste. – Gegenseitige Gesinnungen bei seinen Besten zu bemerken musste den Erretter, den Erlöser des ganzen menschlichen Geschlechts ganz natürlich zum Rückhalt gegen diese seine sonst guten Freunde bringen, welche die zwölf Stämme unter sich teilten und durchaus etwas vorstellen wollten! – War es Wunder? Wären wir in allen ihren Umständen besser gewesen? Ich glaube' es nicht. Christus nahm sie also wie Kinder, denen man durch Gleichnisse, durch Erzählungen auf den rechten Weg hilft; und sagt, Freunde! wenn Christus in Curland gewandelt hätte, wo doch alles von Freiheit spricht, wär' er nicht gekreuzigt? Sie, Pastor, sind eins mit mir. Was würde nicht im despotischen, im monarchischen staat werden! Noch jetzt kann man Christi Absicht, so klar sie gleich da liegt, weder erraten noch ertragen. Man hält sie unmöglich. Was aber bei Menschen unmöglich