1778_Hippel_037_405.txt

* *

Wie kann sich aber der Mensch bei dem Bewusstsein, gesündigt zu haben, beruhigen? Es gibt im eigentlichen Sinne nur Sünde wider seinen nächsten. Wir sündigen wider Gott in so weit als wir unsern Bruder beleidigen. Die Liebe zu Gott hat keinen andern Beweis, als die Liebe zum Bruder. Die meisten Menschen glauben, den lieben Gott so behandeln zu müssen, wie einen vornehmen Herrn, obgleich Christus ihn als Vater dargestellt hat. Er hat sich uns z u m V a t e r h e r g e g e b e n . Wer hat sich aber nicht von Jugend auf angewöhnt Gott zu schmeicheln, den Herzenskundigen mündlich zu versichern, was uns nicht ums Herz ist, ihn mit den Lippen zu ehren, und die Seele, sein Gnadenwerk, von ihm zu entfernen?

Kurz, wer bemüht sich nicht, durch süsse Reden Gott ums Herz zu betrügen? Solch eine Führung halt' ich gerades Weges für Menschengebot und Menschentand. Wenn es mich angreift, schrei' ich aus. Ich bin zuweilen ordentlich bös' auf den lieben Gott und da wett' ich, das muss ihm lieber sein, als wenn ich den Widerwärtigkeiten äusserlich begegne, wie einem Boten von ihm, und innerlich wünsche, dass dieser Abgeordnete zum T – wäre! – Ich bekenne es frei, dass ich nicht danken, nicht beten kann, wenn mich Unglück trifft. Wenn's donnert, ist der lustigste Vogel hypochondrisch, und wenn's ein schöner Morgen ist, wie jubilirt die ganze Schöpfung! Ueberhaupt denke' ich vom Gebet anders, als der Pastor, obgleich ich das meiste von seiner Meinung auf- und angenommen, und wohl eins mitbete, wenn's so die gelegenheit gibt. Tor! Was kann denn dem göttlichen Wesen damit gedient sein, dass du seinetalben die Augen verkehrst, dich krampfartig stellest, die hände ins Kreuz hältstdes Sonntags so tust, als hättest du die Wache vor seinem Palast?

Mit diesen meinen Gesinnungen stimmt meine Hymne, die ich Gott dem Herrn beim Eingange dieses Aufsatzes angestimmt, und die mich zuweilen so anwandelt, dass ich mich kaum auf den Füssen halten kann. Ich springe, als wollt' ich gegen Himmel springen, so ein alter, steifer Kerl ich bin. Eine Ader hab' ich mir dabei nicht verrenket. Da hab' ich zuweilen eine Hymnestunde, wo mir das Herz die Brust durchstossen will. Hinauf will es, und alles um mich her hat dann eine allerliebste stimme, alles singt melodisch: G o t t a l l e i n d i e E h r e ! lachen ist ein Kranz, der gemeinhin sauren Wein anpreiset. Meine Freude braucht keinen Kranzdie natur hat eine Wonnecirculation, die mich zu dieser Freude auffordert.

Was kann es dem lieben Gott helfen, wenn ich, dem lieben Gott zu Ehren, meiner begangenen Sünden halber einen Trauerrock anlege, mit Klötzen an den Füssen gehe? Das nenn' ich die edle Zeit tödten und Sünden mit Sünden häufen. Anstatt Leib zu tragen um meinen Tobten, erzieh' ich meine übrigen Kinder und sage zum verstorbenen Sohne: ruhe wohl! Es besser machen, durch Schaden klug, wie neu geboren werden, ein ander Leben anfangen, das heisst Busse tun, und diess führt die Vergebung der Sünden mit sich. Das Bewusstsein einer guten Tat, wodurch wir uns am Morgen des neuen Lebens auszeichnen, vertreibt die vorige finstere Nacht der Sünden! – Es ist so, als wenn man ein frisches Hemd anzieht! – Ist die Sünde zu ersetzen; gilt vor dem Ersatz keine andere gute Handlung? Mit zinsenreichem Ersatz fängt sich das Werk der Bekehrung an. Ist aber diese Genugtuung nicht möglich, so nehme ich die Einbildungskraft zu hülfe und stelle mir jemand dar, dem ich's vergelte, dem ich in des Beleidigten Namen Gutes tue, in eines Jüngers Namen ein Glas wasser reiche. Gott, denke' ich, hat doch einmal einen vollkommenen Menschen gesehen, Jesum Christum, der gerecht ist. Wenn's auch mit dir fehlt hie und da, sei unverzagt; – und ich bin's auch! – Bete du nur zehn Jahre und gib der witwe nicht das Stück Weizenland wieder, um das du sie betrogst; wirst du Ruhe haben, wenn dich ein hitziges Fieber ergreift oder es sich sonst über deinem haupt zusammenzieht? – Mit nichten. Die beste Cur ist eine gute Handlung, wodurch das Bewusstsein in dir auflodert: dir sind deine Sünden vergeben. Diess war das Recept, das Christus verschrieb, und wahrlich! es ist kein Kraut, kein Pflaster, was so heilet, wie diess! – Viele Leute werden gesund, wenn sie ein Testament gemacht haben, und ich halte diess für ein gewisseres N o t h m i t t e l , als das versparte Aderlassen. Sobald der Mensch ruhig ist, sobald er empfindet, seine Sünden sind ihm vergeben, so steht er bald auf und wandelt! – Pastor! Sie sagten einst, wie mich dünkt: man muss die Körpercur mit der Seelencur anfangen! – Die Hypochondrie ist gemeinhin eine im Gemüt stecken gebliebene Sünde, d i e i c h a n m i r s e l b s t verübt. Gibt's denn Sünden an mir selbst? Freilich, denn ich bin mir selbst der Nächste; allein solche Sünden haben mir noch keine schwere Lebensstunde