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gedeihen; – man weiss nicht wie. Sie sehen, Pastor! wie weit ich in der Ortodoxie gekommen. Sie sind nur drei-, ich gar viergliedrig. Wenn Sie die teologische Distinktion vom Reich der Allmacht, Reich der Gnaden und Reich der ewigen Herrlichkeit zum grund legen, tue ich ein gleiches mit dem stand der Unschuld, stand der Sünden, stand der Gnaden und stand der ewigen Herrlichkeit. Die Sache genau genommen, hebt sich der Bruch und eins geht mit dem andern auf. Ich bin für S t ä n d e , Sie für R e i c h e . Ich wünsche den Stand der Gnaden, Sie das Reich der Gnaden, Sie sind ein Königischer, ich ein Curländer! – Den Stand der Gnaden würde ich fast so bestimmen, dass es in der ganzen Welt wie in Curland stände. – A u ss e r d i e s e n B a n d e n , sagt der Apostel Paulus, und freilich muss Curland noch von vielen Ungnaden geläutert werden, ehe es ein wahrer Stand der Gnaden ist. Auf dem Wege dazu ist es. Wie sind wir denn unterschieden, Pastor? Sie wissen mehr als ich, und glauben mehr als ich. Ich weiss wenig, und glaube wenig. Sie haben ein Perspektiv ich mein leibliches Auge. Sie Schule, ich gemeines Leben! – Man ist nur so gross, als man gewachsen ist! – Sie denken verfänglich von Curland und Semgallen, und ich von der Schöpfung. Alles hebt sich. Wir sind beide im Jammertal und werden beide gegen Zion kommen. Wollen Sie noch mehr vom stand der Gnaden?

Der Stand der Gnaden ist ein durch Vernunft gereinigter Naturzustand, nach welchem die Vernunft den Menschen regiert, nach welchem er ihre ewigen gesetz verehrt, ihnen folgt, und wenn Klima und Denkart sich ihr Votum vorbehalten, so hält der Mensch auch diess Votum, sobald es die Vernunft an Kindesstatt annimmt, oder ihm beitritt, in Ehren. – Kann man denn nicht bei leiblichen Kindern auch Kinder adoptiren! Auch noch eher, als der Mensch zu diesem Glücke des Standes der Gnaden gelangt, kann er sich selbst in diesen Stand hinein denken, ihn sich so eigen machen, als wäre er wirklich schon da, und wenn das viele täten, wie der Pastor und ich, ich wette drauf, Gottes Reich, wie der Pastor will, oder der Stand der Gnaden, wie ich will, käme einige Jahrhunderte eher als jetzt. Vor unserer Trennung war dieses Reich und respektive Stand der Gnaden in unsern beiden Wohnungen. Mein Weib bisweilen abgerechnet.

Auch noch, Geliebte in dem Herrn! auch noch ist der Mensch, wenn er will, wie im Paradiese. Er ist mehr drin, wie vorhin. Er setzt sich jetzt selbst herein, und erst kam er so dazu, mir nichts dir nichts. Erworbenes Brod schmeckt am besten, und bekommt auch so. Der Teppich der Erde ist mit den vortrefflichsten Kräutern angefüllt. Nur wir sind nicht mehr Schoosskinder. Wir müssen Hand ans Werk legen. Wie die natur nur ein Kind hatte, da hielt sie's freilich auf dem Schooss; jetzt aberwas sollte sie mit so viel Tagdieben anfangen? – – – – Bloss das Gute kennen, Freund Pastor? Ist's denn so herrlich, oder ist's nicht besser, wie Gott wissen, was gut und böse ist, aus dem Paradiese in die Welt gehen, aus der bloss simpeln Unschuld zur Vernunft? Die vernünftige Unschuld ist was göttlichesallein jene rotbäckige, gemeine Unschuld, was hat sie denn für Reiz? Wüsste denn wohl Adam sich eine Talubbe (Schlafpelz) zu machen? Ich mag ihm keinen Namen beilegen, diesem Namengeber, denn wahrlich, er würde nicht sonderlich abkommen, wenn ich ihn taufen sollte.

Ist der Mensch denn nicht noch jetzt der Herr der Erde? Er ruft alle Geschöpfe mit Namen und kann ihnen Namen geben, sobald er ihnen nur ins Auge sieht, falls sie nämlich noch nicht benannt sind. Der Mensch verträgt alle Gegenden, und hat er einen guten Hund, das natürlichste Hausgesinde, das Gott dem Menschen zugeordnet hat, wie wir alle wissen, hetzt er Löwen wie Hasen, obgleich der Löwe Herzog unter den Tieren ist, als welches ich ihm gar nicht streitig machen will. König mag ich, mit des Herrn Pastors erlaubnis solch ein edles Tier nicht nennen. Wo ist denn Unkraut? Nirgends. Freunde, nur dann ist etwas Unkraut, wenn es nicht an der rechten Stelle steht, wenn es nicht gebraucht, sondern gemissbraucht wird. Dem Toren ist alles Unkraut. Dem Weisen ist alles Kraut, alles ist ihm gut, was in der Welt ist; er macht's wie Gott der Herr, siehet an, was Gott gemacht hat, und es ist alles sehr gut.

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Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe da, es war alles sehr wohl!

Was böse scheinet, ist Gewinn,

Der Tod selbst mein Leben!

singt Ihre Frau! Der Schein trügt. Das was böse aussieht, die Grundtriebe, womit der Mensch auf die Welt kommt, wie wickeln sie sich vortrefflich aus! Lasst sie nur wachsen, ohne an einen Stock zu binden. Lasst sie wachsen, wie Gott und sie wollen, und siehe da, es ist alles sehr gut! Die Menschenfurcht, die das Misstrauen