ist. Vor diesem wäre der Mensch lebendig gegen Himmel gekommen; er wäre in dieser Welt eingeschlafen und im Himmel aufgewacht.
Das lässt sich schön hören, lieben Freunde in dem Herrn! allein eingemachte Früchte sind auch nicht zu verwerfen, und eine vorhergegangene Krankheit, hat sie denn nicht ihren grossen Nutzen? Macht sie uns nicht das so liebe L e b e n e k e l ? Ich habe schon oben gesagt: es ist gut, zu wissen, dass man wacht, und dass man schläft, und so könnte ich auch behaupten eben so gut sei es auch, zu wissen, dass man stirbt, und dass man lebt. Ist denn die Kürze des Lebens so etwas schreckliches? Ja, wenn das Wohlgehen mit dem langen Leben verbunden ist; wem geht's aber in der jetzigen argen, bösen Welt wohl, wo selbst in Curland ein Herzog ist? Ost lebt man darum so gern lange, damit man sich nicht den Vorwurf zuziehe, sein Leben verkürzt zu haben. Ein langes Leben scheint uns ein Testimonium des Wohlverhaltens gegen uns.
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Der Fluch, der die Weiber traf, gehört er nicht auf
die Rechnung der Weichlichkeit und Verzärtelung? Weiber, die sich weniger verzärteln, empfinden von dem Fluch: "D u s o l l s t m i t S c h m e r z e n K i n d e r g e b ä r e n , " noch bis diesen Augenblick wenig oder gar nichts, und wenn sie selbst, wie im Naturzustande, arbeiten und sich nicht bloss vom Herrn General ernähren lassen, haben sie so gut ihren Willen, als die Männer. Eignen sich nicht viele Weiber diesen Eigenwillen, besonders im adelichen stand, schon wegen ihres Eingebrachten zu? – Dass sich Gott erbarme! In seinem eigenen haus ein Sklave sein!
Der Stand der Unschuld, oder der Stand der ersten natur, das Paradies, war ein Zustand, da der Mensch, so wie die Tiere, wandelte, nur dass ihn seine Vernunft zum Herrn über seine Schulkameraden machte! Der Mensch sass in Prima. Keinem Menschen fiel es ein, sich Grenzen abzuzeichnen. Eine Höhle, das war alles, was er nötig hatte, und auf die war er so wenig neidisch, und hatte es auch so wenig Ursache zu sein, dass niemand so leicht dem andern in den Weg kam. Er ging nackt und brauchte keine Kleider. Kleider sind eben das, was den meisten Zank unter den Menschen verursacht, denn sie sind beständig sichtbar; dagegen Speise und Trank, wenn es gleich Neid verursacht, ihn auch wieder dämpft, weil es nicht ins Auge fällt. Die Vernunft braucht gesetz, sobald sie heranwächst. Diese Zäune, diese Grenzen brauchte auch das menschliche Geschlecht, da es mehr seine Stärke fühlte. Die herrschaft über die Tiere brachte es zur herrschaft unter sich. Die ersten Grenzzeichen waren Bäume; wer sie nicht achtete, war der Mensch. Das Weib reizte den Mann, der Kinder halber, an, die mit dem zugewiesenen Platz nicht auskommen würden, und so brach der Mensch die Grenze, und von diesem Zeitpunkt an lernte er aus der Sünde, aus der Grenzübertretung, das Gute und Böse erkennen, was er erst nicht kannte, da er vor diesem so in den Tag hinein lebte, Gott den Vater walten liess, das Maul aufsperrte, wenn es regnete, und den Apfel nicht eher ass, als bis er halb faul vom Baume sich herabschlich. Da lobe ich mir, ein Sprindt zu suchen und den Apfel herabzuholen, ehe er natürlichen Todes so alt und schwach stirbt, dass er inwendig faul und auswendig zusammengefallen ist. Freilich hätten die grenzstreitigen Parteien sehr leicht auseinander kommen können, wenn sie so klug gewesen, nur ein paar Schritte weiter zu gehen, wo sie eine vortrefflichere Gegend, eine Gegend v o l l L e b e n , kennen gelernt, und wo sie, ohne sich zu nahe zu kommen, hinreichend entschädigt gewesen wären. Sie durften nicht nach Amerika! – Mit dem rohen Adamsnaturstande ist's indessen so eine Sache! Zu ein paar Schritten weiter waren sie nicht zu bringen.
Der Stand der Sünde, der Stand, da aus Familien allmählich Staaten wurden, hat freilich sein vieles Böse an sich; indessen ist er doch auf der andern Seite nicht ohne sein vieles Gute. Der Staat ist wirklich ein Baum des Erkenntnisses Gutes und Böses.
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Der Mensch ward feiner an Leib und Seele. Schande und Sünde ist's freilich, dass die Seele nicht wachsen kann, wenn nicht zugleich auch der Körper verzärtelt wird oder abnimmt.
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So geht's! Der Stand der Sünde bringt uns gerades Weges zum stand der Gnaden. Durch den Pastor – bin ich zuerst auf diese Begriffe gekommen; indessen irrt er, wenn er des Glaubens ist, dass der monarchische Staat zum stand der Gnaden eher, als der aristokratische und demokratische führen werde. Mit nichten! Der monarchische Staat ist vielmehr der Stand der w i r k l i c h e n Sünden; die andern Staatenarten sind E r b s ü n d e . Wenn der monarchische Staat erst zum höchsten Despotismus hinausgewachsen, kommt man wieder in's Freie; wogegen der freie Staat kaum den Namen des Standes der Sünde verdient. Durch einen sanften Schlaf kann man aus ihm zu den Seligkeiten des Standes der Gnaden