Kirchenchrie, ein Exercitium, und sehr richtig.
Wer, pflegte er zu sagen, sich ein Gebet auswendig lernt, spottet Gott des Herrn. Entweder muss man gar nicht auf der Kanzel beten, oder man bete nach der göttlichen Vorschrift: "ihr sollt nicht viel plappern." Sonst war mein Vater der Meinung, dass junge Leute nicht eher die mindeste Ausarbeitung machen sollten, als bis sich ihre Seele entfalten könne. In jedem Menschen, sagte er, liegen Zurüstungen und Triebfedern zu allen Charakteren. Die erste Schrift die ein junger Mensch entwirft, muss der Kupferstich seiner Seele sein. Notabene der Kupferstich. – Wer die Tropen und Figuren erfand, erfand Masken für Diebe, Verräter, Mörder und Ehebrecher. Man schreibt s i c h jetzt nicht aus, wenn man schreibt, sondern man hat eine Vorschrift. – Auf die erste Predigt ist wenig von dem, was ich gesagt habe, zu deuten. Schwerlich, wenn sie auch ohne Lineal gemacht wird, kann daraus mehr erhellen, als ob der junge Mensch zum Gesetzoder zum Evangelienprediger gedeihen werde.
Meine Mutter hätte gern gesehen, wenn ich ein Paar Verse nach mütterlicher Weise eingewirkt hätte, allein es ging ihre Meinung nicht durch. Warum predigt man denn nicht mitten im lied? fragte mein Vater. Meine Mutter konnte nichts dagegen singen.
Alles, was man wünschen konnte, wünschte mir Glück, nur M i n c h e n nicht, diese ging aus Nr. 5, als ob sie nichts gehört hätte. Ihr Scherflein, ein verstohlener blick, galt aber mehr, als alle übrige klingende Münze. Sie hatte mich nach dieser Predigt noch lieber als ehemals, ohne dass ich einsehen konnte, was eine Predigt auf die Liebe für einen Einfluss haben könne.
Nach der Zeit erklärte ich mir dieses Rätsel. Das Frauenzimmer liebt Leute, die öffentlich reden und Geschäfte treiben; vielleicht weil es Herzhaftigkeit verrät, vielleicht weil die Ehre, die auf den Verehrten fällt, auf sie zurückprallt. Kurz ich gewann bei M i n c h e n . Ich hatte sie in der Predigt angesehen, ich hatte Gott in der Kirche (so kam es ihr vielleicht vor) hierdurch zum Zeugen unsrer Liebe angerufen. Wir waren nur eine Seele vor der Predigt, nach der Predigt war ich der Mann ihrer Seele und sie das Weib der meinigen. Im Küssen kamen wir uns nach dieser Predigt oft auf dem halben Wege entgegen, an mehr dachten wir beide nicht.
Der alte Herr wollte wieder mit einem Spruch bei meiner Mutter gut machen, was er mit einem Spruch verdorben hatte. Man kann vom jungen Herrn, versicherte er, nicht sagen, was man vom Herrn Pastor in – sagte, der die Gemeinde von seinem Herrn Vater erbte, und mit ihr des Vaters Concepte. "Alles, was der Vater hat, ist sein, und von dem Seinen wird er's nehmen, und euch verkündigen."
Meine Mutter sprach gleich nach eingenommenem Mittagsmahl von Universitäten, allein mir schienen Universitäten ein sehr unnötig Ding zu sein. Ich wiederholte ihr das, was mein Vater darüber verkündigt hatte.
Müssen denn alle Bäume, die ihr Haupt emporheben sollen, ehe sie an Stelle und Ort kommen, in einer Baumschule ihre Jahre stehen? Wo Gott und die natur ist, da ist eine hohe Schule. Gott wohnet nicht in Tempeln, mit Menschenhänden gemacht, nicht in Jerusalem, sondern in ihm leben, weben und sind wir.
Wer läugnet, dass auf Universitäten geschickte Männer sind; allein ich glaube, dass ein geschickter Mann sein Licht nicht bloss auf der Universität leuchten lassen, sondern schreiben werde. Professor Sokrates schrieb nicht; allein, es schrieben andere für ihn, und sobald ein Professor schreibt, warum sollen wir hin, ihn zu sehen? – Warum soll ich einen Geistlichen bitten, die Predigt zu halten, die gedruckt ist? Ist's wo, damit ich reden höre, kann ich denn nicht laut lesen?
Da griff mich meine Mutter. Dein Vater und sein Wort in Ehren, nur in diesem Stücke hat er Grundsätze, dass man beinahe glauben sollte, er wäre auf keiner Universität gewesen.
"Wollte Gott, er wär's nicht, denn in Wahrheit, er verdient so sehr Pastor zu sein, als die auf zehn gewesen sind."
Alles gut, allein beim Hebräischen stehen die Ochsen am Berge.
"Ein Conversus."
Sag mir nichts vom Conversus, Gott leite den unsrigen auf meinen Instruktionswegen! Besser wär's für ihn gewesen, wenn ich ihn schriftlich instruirt hätte. Was kann (um auf deinen Vater zurück zu kommen), was kann, im Grund genommen und aus der Tiefe geschöpft, was kann ein Conversus? Muss man nicht in die Kirche, obgleich Predigtbücher feil sind?
"Doch nicht jeder?"
Nicht jeder?
"Nein."
Nicht?
"Der Prediger." –
Hätt' ich meiner Mutter einen Augenblick Zeit bei dieser Antwort gelassen, wär' ich verloren gewesen, allein ich erklärte mich, dass ein Prediger nicht hörte, sondern redete, und mitin eigentlich nicht in der Kirche wäre.
Diese Erklärung öffnete ihr viele gelegenheit, mich zu überzeugen, dass er erst sich und dann andere zu bekehren zur Pflicht hätte, wie er denn sich auch selbst hörte, im Fall er nämlich nicht taub wäre. Ich oder eigentlich mein Vater fuhr fort:
"Es ist unmöglich in drei Jahren alles