kluge Gesetzgeber muss gewisse Fälle dem Menschen anheimstellen, wo er frei sein kann; sonst würde er zuverlässig auch den menschenfreundlichsten Landesherrn Tyrann heissen, und sich sein Joch abschütteln, so sanft, so wohlmeinend es ist. Dagegen würde der Mensch den grössten Tyrannen ertragen, wenn er ihn nur hie und da im Freien liesse. Monarchen, die Religionsfreiheit einführen, können immer Zoll und Accise höher stellen. Der Geiz, der Sammlungstrieb, gehört auf diese Rechnung. Man ist ein Sklave, um einst frei zu werden; man dient als Soldat, um nicht als Bürger zu gehorchen; man ist Ehemann, man ist ein Sklave, um zu glauben, man sei frei. Selbst dieser so ausgeartete Trieb führt, oder könnte uns auf den Punkt führen, den Christus angab: er sei bei uns alle Tage bis an der Welt Ende; zu einer Teokratie, wo jeder dem andern lässt, was er hat, wo im erhabensten Sinn jeder für sich und Gott für uns alle ist; wo wir nicht messen und wägen, wo alles in den Tag hinein lebt. – Diese güldene Zeit, dieses mannbare Weltalter, wann wird es kommen? Wann die leibliche Teokratie, wann die geistliche das Reich der Gnaden und der Herrlichkeit? Amen! Komm du schöne Freudenkrone! singt meine Frau.
Diess ist das Paradies aus grundsätzen, das sich der Mensch selbst bauen kann.
Denkt man sich aber einen verwilderten Naturmenschen, der gewiss in keinem Paradiese sein wird, wenn es ihm nicht ein anderer gebauet hat, so kann er freilich Herr der Tiere sein; allein wenn er seines Gleichen sieht, denen er die nämliche Vernunft, die nämliche Quelle zu Zwangsmitteln ansieht, so flieht er. H o b b e s hat dem ungeachtet Recht, wenn er behauptet, dass der natürliche Mensch den Begriff von Botmässigkeit und Herrschsucht in sich trägt. Herrschsucht, Tyrannei und Furcht sind sich so nahe verwandt, als möglich. Ein Grad mehr Furcht am andern zu erblicken, macht den Wilden nachdenkend. Jener läuft, dieser verfolgt ihn; jener verkriecht sich, dieser spürt ihm nach. Freilich, wenn sich jener umsehen, nur umsehen, nur hervorblicken möchte, würde dieser umkehren; allein da jener sich nicht umsieht, da er nicht hervorblickt, so wird dieser sein Meister. Aus Furcht wird er ihn beherrschen, damit er sich nicht mehr vor ihm fürchten dürfe. Im wilden Naturstande müsste man also den Herrn bloss als ganzen Menschen, die Untertanen aber als verstümmelt, blind, krumm und lahm sehen. Mit der Zeit würde sich der Mensch besser kennen lernen; es würde dem herrschenden Scharfrichter leid tun, dass er diesem die Hand, jenem das Bein gelähmt, und man würde sich in Verbindungen mit einander setzen. Wenn sich gleich beim Anfange ein paar Warmherzige begegnen, sollte nicht, ohne den Weg durchs Hospital zu gehen, eine Gesellschaft zu stand kommen? – – Der Stand der natur ist ein Stand des krieges; allein der polizirte Staat ist es auch, bis wir zum stand der Gnaden, zu allgemeinen Weltgesetzen kommen, welches der Vorhof zum Reiche Gottes im eigentlichsten Sinne ist. (Ich habe so manches Lobopfer ausgelassen, welches bei dieser gelegenheit dem monarchischen staat gebracht ward; indessen fand auch Hr. v. G –, der Freund und Feind meines Vaters, seine Rechnung bei dieser Deduktion.) Die Hauptfrage blieb mir: bringt die Monarchie oder die Freiheit am nächsten zum Reiche, oder, wie Herr v. G – es wollte, zum stand der Gnaden? – Im Naturstande denkt der Mensch darum nicht an gesetz, weil er gar nichts denkt. Sich zu erhalten, sich fortzupflanzen, das würde das einzige sein, was ihm auffallen und was ihn beschäftigen könnte. Es liegt alles in uns! Allein dieser Nähe unerachtet, wer würde es finden, wer es nur suchen? Tausend und abermal tausend Menschen im Naturstande würden auf keinen Buchstaben von natürlicher Religion und natürlichem Rechte fallen, wenn nicht die Gotteit es ihnen noch näher gelegt hätte. Die Gotteit kann sich Menschen nicht anders als durch Menschen offenbaren, und die bleiben Menschen, wenn gleich sie Gottes Menschen sind, getrieben vom heiligen Geist. Niemand hat Gott je gesehen; erhabene, grosse Menschen sendet Gott zu Menschen, um ihnen zu sagen, was sie gleich alle wissen, wenn es ihnen nur gesagt wird. Wir sind Alles und Nichts. Das Licht der Vernunft, das in uns ist, muss angezündet werden, sonst bleiben wir beständig Kinder der Finsterniss. Das natürliche Recht ist, so lange der Mensch nicht göttlich unterrichtet wird, das, was das römische Recht sehr treffend von ihm sagt: w a s d i e N a t u r a l l e n T h i e r e n l e h r t . Die Kräfte, die der Mensch noch darüber hat, unterscheiden ihn vom Tiere. Selbst die Gesellschaft, die Vereinigung, die die natur dem Menschen so sichtlich beibringt, indem seine Jungen weit später zu sich selbst kommen, als andere Jungen, fordert ihn zur Gesellschaft auf; allein wenn es auf einen Streit ankäme, würde ich denen eher beitreten, welche glauben, dass ein Ungefähr die Menschen zusammengebracht, und nicht die Vernunft. Selbst jetzt regiert wohl die Vernunft im Grossen. Sie lebt so in bedrückter Kirche, dass man von ihr behaupten könnte, sie wohne in Höhlen, in Klüften, und doch darf man von