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was auszurichten im stand sein soll. Der Staat ist der Mensch im Plurali; im Plurali indessen gilt eben das, was im Singulari gilt. Der Staat ist der vollkommenste, der die meisten Menschen hat, die wie Einer scheinen. Je volkreicher ein Land ist, je mehr scheint es sich dieser probe eines wohleingerichteten Staates zu nähern. In Staaten, hab' ich gesagt, müssen auch die gesetz aus der natur erklärt werden, falls sie nicht ägyptische Plagen sein sollen, und wenn ich hinzufüge, dass es natur aus der ersten und natur aus der zweiten Hand gäbe, so hab' ich mich näher bestimmt. Im Naturzustande, wo sich der Mensch ganz allein denkt, im Paradiese, ist er zwar ein Gott der Erde; allein so lange er so denkt, wie Adam und die zeitigen Adamskinder, wird er gewiss vom verbotenen Baume essen, und bei der Mühe und Arbeit und dem Schweiss seines Angesichts, mit dem er sein Brod isst, sich weniger bedauern, als in der Einsamkeit, wo der Müssiggang ihm eigen ist, wo er vielleicht länger lebt, und ohne viel Schmerz einschlummert, wo indessen gegen eine einzige Stunde jetzigen Lebens Tage und Wochen dieser Einsamkeit wie gar nichts sind. Was ist ihm solch ein Baum des Lebens? Er lebt hier auch im Singulari. Im staat lebt der Mensch im Plurali. Zwar kann man sich einen Stand der natur denken, und der erste bekannte Schriftsteller entwirft uns ein Bild im paradiesischen Adam von dem Naturstande, so wie der Stifter der christlichen Religion, der zweite Adam, ein Urbild des vollkommensten Menschen im staat ist.

Wenn Feinde seines Namens behaupten wollen, Christus habe ein weltliches Reich stiften wollen, so ist's aus zwei Drittel Ursachen eher unglaublich, als glaublich; allein gesetzt, er wollt' es, so war es bloss, um die Menschen auf diesem Wege zu dem Ende des Vaterunsers, zu dem zu bringen, dessen allein das Reich, die Kraft und die Herrlichkeit ist! Dahin ging er auf dieser Welt! und wenn die Menschen so stockblind waren, dass sie das Licht nicht sahen, das er ihnen anzünden wollte; wenn er in sein Eigentum kam, und die Seinen ihn nicht aufnahmen, so liess er uns wenigstens ein Vorbild, nachzufolgen seinen Fussstapfen. Es gibt eine doppelte Teokratie; die eine würde körperlich, die andere geistig zu nehmen sein. Was ist glaublicher, als dass die Menschen über kurz oder lang zu allgemeinen Weltgesetzen kommen werden, wo jedem staat sein bescheiden teil angewiesen ist, und wo, wenn der eine weiter gehen will, er alle übrigen vereinigten Staaten wider sich hat? Diess verbesserte Völkerrecht, möchte' es doch bald kommen! Wie weit näher wären wir alsdann schon dem Ende des Vaterunsers, als jetzt! Man könnte von dieser körperlichen Teokratie, von dieser Welt-Regierungsform sagen: es ist eine Heerde und ein Hirte; allein auch selbst alsdann ist noch alles leiblich! Geistlich wird es sein, wenn wir selbst diese allgemeineren Weltgesetze nicht mehr brauchen, wenn der göttliche Codex eintritt, wenn der Glaube an Gott schon alles in allem ist! – Um sich die Sache noch begreiflicher zu machen, kann man den Redegebrauch der Teologen beibehalten. So wie die Welt jetzt ist, könnte man sie das Reich der Allmacht nennen. Das Reich der Gnaden wäre die körperliche Teokratie, wenn die Menschen anfingen allgemeine Weltgesetze zu machen, wohin es gewiss kommen müsste, wenn der gemeine Mann zu mehreren Kenntnissen käme, als er jetzt hat. Das Reich der Herrlichkeit wäre jenes Reich der Möglichkeit, wo wir alles um Gottes willen täten, – wo

War es Wunder, um wieder auf den ersten Adam zu kommen, war es Wunder, dass die natur ihm so wohl anstand? Adam kam aus den Händen des Schöpfers, er war die Blüte des Naturstandes, zu Früchten kam es mit ihm nicht, er fiel als Blüte ab. Schade! Er war allein und durfte sich vor keinem fürchten, und konnte jede Creatur durch Vernunft beherrschen.

Man kann sich einzelne Menschen denken ohne gesetz, ohne Zäune, wie Götter auf Erden unter einander herumwandeln. Die Welt ist gross für alle; niemand darf dem andern vorbauen, zu solch einem stand hat Gott den Menschen angelegt; allein dem Menschen fiel das Mein und Dein ein, wovon er erst nicht wusste; jetzt wird sein Stand ein wahrer Stand der Sünden, wissentlicher und unwissentlicher Schwachheits- und Bosheitssünden. Diese Erde, diese Menschenwelt, das läugnet niemand, ist jetzt noch in der Kindheit, hie und da ein Kopf. Eine Schwalbe aber macht keinen Sommer. Ich kann mir aber denken, dass der Mensch wieder zurückkommen werde, und zwar aus grundsätzen zurückkommen werde, wo er ausging, dass zuletzt wieder die Welt ein Paradies sein und jeder Mann Adam, und jedes Weib seine Rippe sein werde. Das tausendjährige Reich, wovon so viele träumen, liegt sehr verworren in diesem Gedanken, sehr verworren! kein Stein auf dem andern. Meine Beruhigung ist, dass alles, was möglich ist, auch wirklich sei oder werde. Warum wär' es sonst möglich? Die Gelehrten haben sich oft gestritten, ob der Mensch gesellig oder ungesellig sei? So oft die Gelehrten sich gleich vergebens gestritten, so ist doch diese Frage keine vergebliche. Jeder Mensch sucht selbst im Staat sich zu befreien; es ist seine Herzenslust, wenn er sich nur einigermassen in Freiheit setzen kann. Jeder