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sie Menschenkindern zu Ehren sich in unsre Gestalt verlieben sollte. Sie wird es nicht.

Las Herr v. G. ja etwas, so musste es leserlich geschrieben sein. Der Autor musste, wie er sagte, ihn nicht breitschlagen oder zum Besten haben wollen. Mein Vater hatte ihm einige Stellen aus den Alten verdeutscht, und Herr v. G. war so gütig, sie ein Brennglas zu nennen, wodurch wir die Sonne an die Pfeife zögen. Er liebte nicht, mit Schriftstellern umzugehen. Die sich frisch und gesund lesen lassen, sagte er, sind, wie ich gehört habe, stockstill in Gesellschaft. – Man sagt ein Hephata nach dem andern, die Zunge wird nicht los. Herr v. G. selbst war, ehe er schrieb, noch schwieriger wie mein Vater; hatte er indessen die Feder einmal ergriffen, gings, seinem eigenen Ausdruck zufolge, wie aus der Pistole. Er strich so wenig, wie meine Mutter, und nie hatte er ein Blatt zerrissen, um es besser zu schreiben. Warum soll ich mich mit mir selbst schlagen? warum mich selbst herausfordern? Ich bin sehr für den Hausfrieden, das ist, für den mit mir selbst. Nie machte er ein Couvert; am liebsten schrieb er auf unbeschnittenem Papier. Gemeinhin schrieb er mit umgekehrter Feder; kehrt man denn nicht, sagte er, den Hut um, wenn die Sonne scheint? Die Ursache war, weil er nicht gern Federn schneiden machte, und da meinte er es denn so ehrlich mit jeder neuen Feder, dass sie bald unbrauchbar ward. Hermann schnitt ihm zuweilen Federn; allein gemeinhin waren sie ihm zu spitzig.

Plane, pflegte er zu sagen, kann man erzählen; Ausführungen reden von sich selbst.

Nie zog er seine Stiefeln um, wie andere ehrliche Leute. Schuhe hat er so wenig getragen, wie der König von Preussen.

Das Brod schnitt er sehr gerade. Schade! pflegte er zu sagen, dass es geschnitten werden muss! Was nur möglich war, ass er ohne Gabel und Messer. Hatte er zuweilen eine Mahlzeit, die er durchweg ohne dergleichen Mordgewehr, wie er es nannte, vollbringen konnte, so war sein Gratias an Gott desto inbrünstiger.

Er war hitzig; da möchte ich, sagte er selbst, gleich das Haus zum Fenster hinauswerfen; allein wenn ich näher komme, sehe ich, dass das Fenster zu klein ist!

Die Feder gilt nichts, wenn sie zertreten ist, war sein Sprüchwort; warum er diess Sprüchwort eben von der Feder entlehnt, weiss ich selbst nicht.

Jeden seiner Herrn Brüder hielt er drei Schritte vom leib. Nie liess er sich zu nahe kommen; allein auch er kam keinem zu nahe.

Mit dem Künstler, M e i s t e r H e r m a n n , sprach er wie Naturmann. Er fragte sich nie: was werden andere Leute sagen? allein er lebte wahrlich so, dass niemand von ihm auch nicht einmal etwas Böses denken konnte; darauf, fügte er hinzu, muss man es anlegen. Der Schmähsucht entgeht niemand. Selten wird ein Mann sein, der so gleichgültig gegen das Urteil anderer ist, als er war. Um von gewissen Leuten nicht gelobt zu werden, hätte er sogar etwas tun können, das er sonst nicht würde getan haben!

Es gibt Krippenreiter in Curland, die es recht geflissentlich dazu anlegen, ihre Brüder in Versuchung zu führen, ihnen auf die Zähne zu fühlen; indessen nur alsdann, wenn die Zähne los sind, stossen sie sie ihnen aus. Da hatte einer eine Ohrfeige erhalten und nichts dagegen vorgenommen, als gefragt: wie er diese Zweideutigkeit verstehen sollte? Das war sehr natürlich unserm v. G. ein Stachel im Auge. Der Tor! sagte er. Sieh den andern, der dich ansieht, wieder an, und sein Auge sinkt. Ziele nur, der andere wird wanken, wenn er Herz hat, und sich zurückziehen, wenn er keines hat. Umgekehrt, so wird ein Vers draus. Auf den Hohn: das Pulver scheint der Herr Bruder nicht erfunden zu haben, gleich den Trumpf: aber zu gebrauchen weiss ichs! Ich wette drauf, der Pulvererfinder wird sich in bester Ordnung zurückziehen!

Herr v. G., der standhafte Mann, blieb indessen gefällig. Seine Lieblingstiere waren Hühner, und nur nach ihnen folgten Hunde! Er überrumpelte niemanden; jeden liess er zum Wort und beim Worte. – Keine Dissonanz in seinem Umgange; er war immer gestimmtimmer heiter.

In seinen Zimmern war ein eigener Geschmack, kein fournirter Tisch, keine Falschheit. – Keine Weste, wo hinten Leinwand war, wäre sie auch von Gold und Silberstück gewesen, ist je an seinen Leib gekommen. Von allem, was ihm gefiel, sagte er, es schmecke ihm: So schmeckte ihm ein Zimmer, dieser oder jener Freund. – Er behauptete, auch ein Zimmer habe seine Physiognomie, und aus der Schlafstube, oder vielmehr aus einer solchen, wo kein Fremder so leicht einen Zutritt hat, müsste man den Hausherrn beurteilen.

Vom Trinken machte er mehr als vom Essen. Kalt ass und trank er am liebsten.

Das natürlichste, pflegte er zu sagen, ist, wie Diogenes zu essen, wenn man Hunger hat, ohne sich an Morgen und Abend zu binden. Gesünder würde man dabei sein, auch älter werden; allein wir würden mehr einbüssen, als gewinnen.