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recht mit Fleiss schaffen wollen? Wenn sie gedacht, lasst mich einen Curländer machen, ein Ideal?

Herr v. G. hatte, wie jeder Junker, seinen Hofmeister. Dieses war zum Unglück ein so ausgelernter Künstler, dass er wider die Landesgewohnheit viel tote Kenntniss besass, die in der curischen Dunkelheit hell schien, so wie faules Holz gewöhnlich im Finstern. Unser Jüngling war seinem Führer am verstand unendlich überlegen, dieser aber jenem an Sprüchen; und da der gute Goliat an dem Herrn Vater unseres kleinen Davids einen Verehrer gefunden, so war der junge Herr gezwungen, den Kürzern zu ziehen, seine Schleuder ungebraucht zu lassen, und sich höchstens mit einem verstohlenen blick des Beifalls von seiner guten Mutter zu begnügen. Dieses edle Weib hatte die gerechtesten Klagen wider ihren Mann, besonders in puncto puncti. Auch ausser dem puncto puncti nahm sich der alte Herr v. G. so manche schreiende Härte nicht übel, und befand sich dabei recht wohl. Fiel ja ein Gewissensbiss vor, so hatte der Hausarzt ein Recept von Sprüchen, die ihn auf der Stelle beruhigten. Arzt und Patient waren gleich kurzsichtig. Aus seines Vaters haus ging unser seliger Mitbruder in die akademische Welt, liess seiner denkart, die bisher Ziegel gestrichen, den freien Lauf und ward – D r e i s t d e n k e r . Anfänglich war es nur, um das Grossmaul, den t h e o l o g i s c h e n G o l i a t h , zu Gottes Erdboden zu bringen. Obgleich dieser A u s f o r d e r e r in dem väterlichen haus zurückgeblieben war und mit keinem kleinen Stein erreicht werden konnte, so war er doch unserm David so lebhaft, dass er mit einem kleinen Steinchen nach dem andern seine Stirn probirte. Dieser Steinwurf ward ihm eigen. Jung gewohnt, alt getan. Die Gewohnheit ist eine andere natur, hätte ich bald gesagt; allein in Wahrheit nicht die andere, sondern die erste, die eigentliche, die natur selbst. Unser Seliger studirte L e b e n s - und nicht S c h u l w e i s h e i t , von der er immer der Nachfrage halber eine Kiste erhandeln können! Freilich, sagte er, hätte ich, und es tut mir oft leid, dass ich's nicht habe; allein wenn es mir wieder einfällt, dass alle die Raritäten so sehr der Mode unterworfen sind, als es kein Kopfputz meiner Frau ist, warum sollte ich? – Wahrlich! Gelehrsamkeit ist Weiberkopfputz; der erste unter den Gelehrten geht frisirt! – Pfui! da ehre mir Gott mein eigen Haar, wenn's gleich nicht kraus ist, wie die gute Pastorin es gerne sieht. Nicht war er in sich selbst verliebt; ist denn das die natur? Lässt sie nicht die Kunst in ihre geheimsten Zimmer? – Hilft ihr nicht die galante Kunst beim Anziehen, bald hätte ich gesagt, reicht sie ihr nicht oft das Hemde; allein ist sie darum eine Buhlschwester? Mit nichten.

Alles, was Herr v. G. aus der zweiten und dritten Hand hatte, war ihm nur insoweit teuer und wert, als ein gutes Stück natur darunter war. So konnte er sich über n a i v und L a u n e nicht zufrieden geben, obgleich diese ganze Lehre viel Kopfputz entält! Ich habe die Schule durchgelaufen, pflegte er zu sagen, spornstreichs, setzte er hinzu. Was tut's? Er hatte mehr beim Fenstereinwerfen und beim Ständchen, bei einer Professor-Cour, und was weiss ich, wo mehr, gelernt, als hundert seiner Gesellen in den Collegien, die sich ärgerten, wenn jemand dem natürlichen Wink seiner Nase folgte, und sie mit dem Schnupftuch in der Hand störte. Da sehe ich noch so manchen Nachschreiber lebhaft, der gern dem guten Pastor nachgefragt hätte: Wer grunzt in der Gemeinde? wenn diess Milchknäbchen nicht befürchten müssen, es würde ihn ein Spiessgeselle angewiesen haben, seine weise Nase ins Heft zu stecken.

Herr v. G. behauptete, Gelehrsamkeit sei nur, um nachzuschlagen, und wenn man ein so gutes Lexikon in der Nähe hätte, wie mein Vater, so wäre nichts überflüssiger, als sich den Kopf mit Worten zu überladen, oder mit der Schale zu schöpfen!

Es gibt Schrift- und Redgelehrte, Sokrate und Platone, so wie es gehende und sitzende gibt. Ich mag deren keines. Zum Erfinden, sagt der Pastor, gehört Einfalt, kindische Einfalt! Selten ist ein Erfinder ein Gelehrter. – Wenn ich doch ja was sein sollte, wollte ich ein Erfinder sein. Da gibt's freilich Professoren, die sich auf ein Definitionchen so viel einbilden, als auf eine eingenommene Festung mit Sturm oder List! Die Toren! Was hilft's, in schönem Porcellan jämmerliche Kost, ohne Geruch und ohne Geschmack? Was im krystallenen Pokal verschalter Wein? – Ein Definitionskrämer wird wahrlich kein Newton werden, obgleich auch dieser über die Offenbarung Johannis schrieb.

Herr v. G. las blutwenig! Wenn ich ein Buch lese, sagte er, lassen mich meine Gedanken nicht zum Worte kommen! Böse Gesellschaften verderben gute Sitten. Die natur wollte ihn nicht verführen lassen! Die gute Mutter natur! Bald hätte ich geschrieben, die gute Frau v. W. Ich habe mir immer eingebildet, so würde die natur aussehen, wenn