im Vertrauen, dass mein Vater weit besser getan haben würde, es bei drei Teilen bewenden zu lassen. Er hat ja selbst, setzte sie hinzu, im vorigen ganzen Kirchenjahre nur ein einzigesmal vier Schüsseln oder Teile aufgetragen. Indessen war der vierte teil so wenig Schuld daran, als ich mein Schnupftuch zu hülfe nehmen und husten musste, dass mich vielmehr der angenehme Rauchgeruch aus der Fassung brachte. Ich besann mich bald wieder, und meine Predigt kam in der Speisekammer mit vielem Beifall zum Ende. Meine Mutter hatte herzlich geweint. Wie ich die Sünder anredete, musste ich das Gesicht gegen die weissen Erbsen wenden (sie waren dieses Jahr sehr wurmstichig). Sobald ich aber von diesen auf die Frommen kam, die ich in meiner Predigt meine Brüder nannte, musst' ich das Gesicht m e i n e r M u t t e r zukehren, welche anfänglich durchaus verlangte, ich sollte auch m e i n e S c h w e s t e r n dazu setzen, bis ich sie durch die heilige Schrift selbst auf andere Gedanken brachte. Sie umarmte und segnete mich, wiewohl wieder zweigliedrig mit beiden Händen, so dass jede Hand ein Segensstück sich zueignete. Die Zeit der Ernte ist vorhanden! sagte sie, weisst du noch, was ich dir hier an dieser heiligen Stätte gewünscht habe? Meine Ermahnungen sind auf ein gut Land gefallen. – –
über diese Zurückerinnerungen bei diesem Erntefest vergass ich das Stück rohen Schinken, welches mir meine Mutter für diese Cabinetspredigt versprochen hatte. Sie selbst hatte bei der in der Speisekammer genossenen Seelenspeise den Leib ganz und gar vergessen. Ich habe indessen diese Schuldpost mit Zinsen usque ad ultimum solutionis momentum zurückerhalten. Die ganze letzte Woche vor der Predigt wurde von meiner lieben Mutter so wie der heilige Abend vor einem der drei hohen Feste angesehen. Sie feierte Weihnachten, Ostern, Pfingsten meinetwegen auf einmal, und alles ging auf Zehen. Am Freitage führte mich mein Vater zwischen zehn und elf des Abends in die Kirche, und setzte mich mit meiner Mutter, die eine kleine Laterne in der Hand hielt, in seinen Beichtstuhl. Ich wurde durch diesen Schein der Lampe in ein so heiliges Feuer gesetzt, dass ich meine Predigt mit einer solchen Rührung ablegte, als ich bei der ordentlichen Ablegung nicht empfand, bei welcher ich nur auf die Gesichtszüge dieses oder jenes merkte, und insbesondere nicht vergass auf Nr. 5 zu sehen, wo mein liebes Minchen sass.
Im Vorbeigehen will ich bemerken, dass wenn gleich Minchen aufgehört hatte die königliche Prinzessin und ich Alexander zu sein diese alte Liebe, wiewohl unter anderm Namen, fortgelodert habe.
Mein Vater war ausserordentlich mit dieser Predigtprobe zufrieden. Predige, so lange du lebst, mit einer solchen Rührung, mit einem solchen Gott ergebenen Herzen, sagte er, so wirst du dir und denen nützlich werden, die dich hören.
Diese probe in der Kirche war inzwischen, so spät sie auch anfing, einem Paar Leuten aus unserm dorf nicht entgangen. Die Laterne in der Hand meiner Mutter hatte einen solchen Wiederschein geworfen, dass in der ganzen Gemeine das Gerede ging, es würde sich ein bedeutender Todesfall ereignen, welches auch nach einer geraumen Zeit durch das Ableben eines Cavaliers unsers Kirchspiels und der Frau des alten Herrn in Erfüllung ging.
Am Sonnabende vor der ersten Predigt war im Pastorat alles so feierlich still, als es noch nie gewesen; meine Mutter sagte selbst, "wie vor der Erschaffung der Welt." Meine Mutter hatte die Lieblingsschüsseln auf den andern Tag für mich bestellt, und entdeckte mir wohlbedächtig schon Sonnabends am Hühneroder Polterabend, womit sie mich Sonntags erfreuen würde. Auch der liebe Gott, setzte sie hinzu, erfreut seine Kinder in dieser Welt mit leiblichen Gaben. Wer am ersten nach seinem Reiche trachtet, erhält diese Zugaben und empfähet sie mit Danksagung und Wohlgefallen.
Bald hätte ich einen Zug vergessen, der mir sehr rührend und eben so lächerlich vorkam. Ungefähr um elf Uhr in der Nacht auf den Sonntag, da meine Mutter in der festen Meinung war, ich sei schon eingeschlafen, kam sie in meine kammer, und nachdem sie das Concept zu meiner Predigt sehr andächtig aus der Bibel genommen, legte sie's mir unters Kopfkissen, murmelte einige mir unverständliche Worte und ging davon. Schon war ich im Griff nach der Hand dieser lieben Mutter, um sie zu drücken und zu küssen. Ich konnte diese – ich will sie Brautnacht nennen, nicht schlafen, und war also ein Augenzeuge von diesem Vorgange, wenn ich gleich meine Augen bis auf ein kleines Ritzchen verriegelt hatte.
Des Morgens erfuhr ich den Aufschluss dieser Ceremonie, die sich von der Schwester der Mutter meiner Mutter herschrieb, welche behauptet hatte, dass das Concept unterm Kissen sehr das Gedächtniss stärke. Ich glaube's nicht, fügte meine Mutter hinzu, indessen ist's in der Familie beibehalten bis auf die vorige Nacht.
Ich hielt meine Predigt mit erwünschtem Glücke, allein ohne Rührung, indem, wie ich schon bemerkt habe, mein Auge herum wankte und bei Nr. 5 sich lagerte.
Ich sah ein, was mein Vater oft zu behaupten pflegte. Ein Geistlicher muss wie ein Vater zu seinen Kindern reden. Wenn er sich's aufschreibt, muss er's nicht der Gemeine, sondern seines Gedächtnisses wegen tun. Auch ein Vater macht sich wohl ein Promemoria, wenn er viel mit seinem Sohne zu sprechen hat.
Meine Predigt nannte er eine