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darnach nicht war! – Es war eine Stille, wo man das Wort fast in der Seele hören konnte. Die F r a u v., die so tief zu seufzen gewohnt ist, dass die Wände es hören und wiederhallen, als wunderten sie sich drob! – still! ganz still! O mein Sohn! dein Vater ist ein feuerschlagender, geistreicher Mann! Schade! dass er sein Hebräisch nicht aus der ersten Hand hat! und abermals Schade, dass man nicht weiss, wo er her ist! Sein Text ist Stahl und Feuerstein. Er schlägt, und es fallen Funken, des Küchenzettels unerachtet, den er über jede Predigt macht. Ich habe geweint bitterlich, und die ganze Kirchen- oder Trauerversammlung weinte so. Er schalt nicht, er drohte nicht. Er stellte dem es heim, der da recht richtet. Wenn ich doch schreiben könnte, was er sagte! Es war alles wie in Versen, so leicht, so schön!

"Lasst uns ungebeten an ein Mitglied einer benachbarten Gemeinde denken, dessen Erforschungs-, dessen Prüfungsjahre selig zu Ende gegangen, und der den ewigen Weg der Wahrheit und des Lebens angetreten! – Er kam nicht zu mir, so wie er's seit einiger Zeit öfters zu tun die gütige Gewohnheit hatte, sondern zu unserm Gotteshause! Er wollte unsern frommen Uebungen beiwohnen, ohne dass ich's zuvor wusste. Ich sprach ihn nicht, ich begrüsste ihn, allein von weitem, und siehe da! noch ehe ich meine Predigt anfing, hatte er seinen Lauf vollendet. Noch ehe ich Ja sagte, war er beim Amen. Er starb, wie ihr alle wisset, in den letzten Worten des christlichen Glaubens:

Nach diesem Elend

ist uns bereit

dort ein Leben in Ewigkeit.

Unvergesslich wird mir jedes Wort dieses Umstandes sein, so wie dieser Mann es einem jeden sein muss, der ihn gekannt hat! – Er besuchte selten die Kirchen, und musste in einer Kirche sterben! Ich sah den Aufstand, der unseres Vollendeten halber entstand; allein ich hielt seinen Zufall für einen solchen, der bei weitem nicht der letzte wäre."

"Welch, eine Kluft zwischen Gottes und unsern Gedanken! Dein Wille, unser Vater! dein Wille ist geschehen. –"

"Er warich sage das Wort war, anstatt ist, zum erstenmal und ich fühle es, es ist das erstemal, – er war mein Freund! Er war, ich, will mich an diess Wort gewöhnen, er war ein Freund der Wahrheit, und ich kann hinzusetzen, ein Freund Gottes und der Menschen, nach seinem Bilde gemacht. – Gemeint hat er es gut, das wissen wir alle, mit Gott und Menschen. Was können leichte Wolken der Sonne schaden? Sie darf sich nicht vordringen, sie leuchtet ungesucht hervor, und jeder sagt: die liebe Sonne! Er dachte nicht, so wie wir, Freunde! Ihr wisset, dass er und ich uns darob wie Lot und Abraham trennten, und fiel etwas vor, was nicht ganz wie Lot und Abraham war, verzeihe es Gott! bei dem viel Verzeihung ist. Ich bekenne es frei, ich war bei dieser Trennung der Eiferer, und der Eifer tut nicht jederzeit, was recht ist. – Mein Trost ist, dass auch ich es gut meinte! O Gott, wie oft ringt meine Seele zu dir! Wie oft bete ich in meiner Einsamkeit, nur allein von dir gehört: Erforsche mich, Gott, und erfahre mein Herz, prüfe mich und erfahre, wie ich es meine, und siehe, ob ich auf bösen, auch nur auf Irrwegen, bin, und leite mich auf ewigem Wege! Ich habe getan, was meines Amtes ist. Tut, Freunde, auch, was das eurige ist. Ich wünsche ihm die Ruhe der Gerechten! Ihr dessgleichen. Gedenke an mich, wie ich gestorben bin; so wirst auch du sterben. Gestern war es an mir, heute an dir, das sei unser Geleitsspruch, wenn wir dieses Gotteshaus verlassen!"

Dieser Auszug bedarf keines Zusatzes. Kurz und gut war der Tod unseres teuern v. G. Eben so kurz soll auch meine Leichenrede sein; ob so gut, kann ich nicht bestimmen.

Herr v. G. war ein sehr n a t ü r l i c h e r Mann; alles, was er sagte, war mit der Hand geschöpfte natur. Diogenes sah einen Knaben wasser mit der Hand schöpfen, so wie unsere es mit dem hut zu tun gewohnt sind, und setzte sich aus dem Besitz, seines Mobiliarvermögens, ohne solches publica legis auctione dem Meistbietenden zu überlassen. Wenn die natur Lehrer und Propheten sendet, sind es alle solche Wasserschöpfer! – Herr v. G. hatte eben da seine eigentlichen Collegia gehört. Er war aus Curland. Da, wo er geboren, waren schon sieben Herren v. G. geboren und gestorben; allein wahrlich kein v. G. seiner Art. Curland hat einen solchen Mann schwerlich aus seinen Mitteln gehabt. Mein Vater konnte sich nicht überzeugen, dass seine Vorfahren Curländer gewesen. Er ist, wie die Curländer sein könnten, und wo sind v. G–s? Wie aber, wenn die natur in einem land, wo Keckheit, Rauhigkeit, Trotz und Tyrannei unter dem Namen von Freiheit gang und gäbe ist, einen Mann, der ihrem edlen Bilde ähnlich wäre,