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gleich wissen, woran sie sich zu halten, so sei mir erlaubt, den Text zu verlesen, worüber gepredigt werden soll. Wahrlich, diess ist auch der einzige Gesichtspunkt, aus welchem Herr v. G. zu nehmen ist.

Er und mein Vater hatten sich in zehn Jahren nicht besucht, wohl aber, so oft sie sich nur reichen konnten, mit Gedanken, Geberden, Worten und Werken (wiewohl alles in Ehren) gepfändet. Sie empfingen sich, da Junker Gottard und ich zusammen gegeben werden sollten, wie die beiderseitigen Schwiegereltern gemeinhin am Hochzeitlager, so freundlich, dass nichts darüber war. Aber Pastor! sagte Herr v. G., nachdem sie in der freien Luft so manches gute Wort gewechselt, sind wir nicht ein Paar Verneinungen, ein Paar Nullen gewesen, dass wir uns und so manchen Realitäten sieben Jahre, wenn es nicht mehr ist (es waren, wie ich nicht anders weiss, zehn, die vollkommene Zahl), den rücken gekehrt?

Aus einem Briefe meiner Mutter.

Ich habe, das weisst du, je und in alle Wege viel aus den Predigten deines Vaters gemacht, obgleich er nicht viel aus meinem Gesang, bis er mit Brand heimgesucht ward. Am liebsten hör' ich ihn, wenn er eine C a s u a l p r e d i g t hält. So ist mir die Predigt: R i c h t e t n i c h t , noch immer in den Ohren ein süsser Schall, und hätt' er's bei den Liedern nicht versehen, dieser Sonntag wäre wert, in Gold gefasst zu werden und Edelstein. – über den Herrn v. G. hielt er eine Predigt trotz der: R i c h t e t n i c h t ; indessen war sie nicht für jedermann. Sein Text war aus dem e i n h u n d e r t n e u n u n d d r e i ss i g s t e n Psalm und dessen dreiundzwanzigstem und vierundzwanzigstem Vers: "Erforsche mich, Gott, und erfahre mein Herz, prüfe mich und erfahre, wie ich's meine, und stehe, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege!" Seine Predigt handelte v o m V e r s t a n d e u n d H e r z e n e i n e s C h r i s t e n , nicht, wie alles ist, sondern wie man's glaubt, dass es so recht, kommt's allein an. Mancher, der nicht Herr, Herr! gesagt hat, wird dort die beschämen, die Herr, Herr! des Morgens, des Abends und vor und nach Tische sangen und beteten. Nicht die V a t e r u n s e r s , nicht die d a s W a l t ' s machens aus, sondern die den Willen tun des Vaters Jesu Christi im Himmel, sind hier auf gutem, auf ewigem Wege. Da bekamen in die Länge und in die Quere, die sich über den Herrn v. G. aufgehalten, weil er lange nicht communicirt, und kein Kirchengänger gewesen. Es war deinem Vater nicht anzusehen, dass er sein ganzes Hebräisch vom Conversus hatte, und das heisst, eben nicht weit her. Er sagte uns Christenleuten so manches teure, werte Wort, und wahrlich, mein Sohn, er hatte nicht Unrecht. Die Ortodoxie des Herrn v. G. will ich an seinen Ort stellen. Gott gebe, wenn es nicht zur Rechten ist, es wenigstens nicht ganz zur Linken, sondern von der Seite sei. Der Herr v. G. bekannte und läugnete nicht. I c h b i n k e i n e r , sagt' er rein heraus, und ohne Sprichwort. Wenn man aber die jetzige neue Mode, Christen zu sein, erwägt, die unsere jungen Herrn (Gott nehme dich in seinen Schutz!) von einigen Akademien, mitbringen; (Heil mit Königsberg und Göttingen für und für!) so könnt' es wohl heissen: d e i n S i l b e r – zu reden aus Jesaias dem ersten Kapitel und dessen zweiundzwanzigstem Vers: "O Christentum! dein Silber ist Schaum worden, und dein Getränke mit wasser gemischt," und aus dem drittem Kapitel, der siebenzehnte und vierundzwanzigste Vers: "Der Herr wird den Scheitel der Töchter Zion kahl, machen, und der Herr wird ihr Geschmeide wegnehmen." Das heisst, er wird den Leuchter von der heiligen Stätte stossen, und statt der feierlichen, hellbrennenden Kerze prasselt dann ein elendes Talglicht, zwar in einer gläsernen Form gegossen, schön von aussen, allein doch Talglicht; dann wird Stank für Gutgeruch sein, und ein loses Band für einen Gürtel, und eine Glatze für krauses Haar, und für einen weiten Mantel ein enger Sack; für Bibel und Gesangbuch allerlei Naschwerk und Marcipan, das süss auffällt, allein den Magen verdirbt.

In dieser Verstandes- und Herzenspredigt dachte dein Vater an den Herrn v. G. Es war wie vom Himmel gefallen. Ha! vermutete man, da wird er die zehnjährige Entfernung aufdecken; da wird man erfahren, ob Rahel weiss oder braun gewesen; was für Federn Gabriel in seinen Flügeln gehabt; ob Adam mit einem Nabel versehen gewesenwenn gleich der Text