1778_Hippel_037_387.txt

ich deines Vaters halber hebräisch lernte, ich konnte diess alles nicht bedenken?

Meine Mutter, obgleich kein Wort ihr Kopfschmerzen machte, und sie Genie im Ausdruck war, trat doch der u und i Gerechtigkeit halber meinem Vater in Absicht der Stammworte bei. Diese waren ihr so ehrwürdig als ihre Ahnherren, die Superintendenten und Präpositi. Sie riet, sich daran zu halten, um jedem Worte seine Würde und Ehre zu geben. Ohne das ist alles nicht Fleisch, nicht fisch, nicht gekocht, nicht gebraten. Soldat ist zusammengesetzt von Sold und Tat, sagte sie. Wer ums Lohn Dinge tut, tut sie der? fragte sie; denn sie hielt nicht viel auf Soldaten. Sie hiess sie gewöhnlich mit der heiligen Schrift Kriegsknecht. Die Bauern nannte sie lächelnd Bauherren.

Wenn gleich in Curland bloss der Bauern- und Ritterstand obwaltet, und der Literator der Rinnstein zwischen beiden ist, doch so, dass er sich mehr zur bäuerlichen Seite wendet, so meinte sie doch, das M i t t e l s t ü c k sei das beste.

Wie heisst das vierte Gebot?

Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass dirs wohl gehe und du lange lebest auf Erden!

Was ist das?

Ob denn nicht ein Autor auch ein geistlicher Vater sei? Gern sehe ich es, um den verlornen Sohn von Kunstrichter bei gelegenheit, dass ich meiner Mutter die kindliche Pflicht erstattet, zur ähnlichen Schuldigkeit anzuweisen. – Mag er doch bei seinen Trebern bleiben!

Du aber, ruhe wohl, meine gute, liebe Mutter! bis der liebe jüngste Tag anbricht, bis zur Stunde, da es heisst: S t e h t a u f ! Du warst zur Wiedergeburt gewöhnt, wahrlich, du wirst wiederkommen! Ei, du Fromme und Getreue! du bist über wenig treu gewesen! Du wirst zu vielem kommen! Du warst reines Herzens, du wirst Gott schauen, du preisest Gott mit deinem leib und deinem geist, welche sind Gottes. – Was gesäet war in Schwachheit, wird auferstehen in Kraft! Eva ass und gab ihrem mann auch davon, und er ass, und doch war Eva das Weib aller Weiber, die Mutter aller Lebendigen. Gute, einfältige, fromme Seele! Gott segne dich! Vergesse ich dein, so vergesse mein Herz meiner! Mein Vertrauter, der aus einem Becher mit mir trinkt, sei ein Judas, der Gift unter meinen Kuss mische! In meiner Rechtssache spreche ein schielender, kleiner Bube aus einem Obergericht! Der in der Curländerin Sache sprach, richte auch meine Sache, wenn von Ehre und gutem Namen die Rede ist! Mit Tränen will ich ernten, was ich mit Freuden säete! Dein Mann, mein Vater, versplitterte oft das beste Stück Bauholz, woraus ein anderer eine Kirchenstütze gekannt hätte, wenn er es im gemeinen Leben brauchte. Er wechselte ein Schaustück eines Dürftigen halber, und auch du gabst, was du unterm Herzen hattest! – Wahrlich du warst kein Gras, das unter Steinen wächst, das keinen rührt, und wozu niemand sagt: Gott grüss dich! Eine grüne Taufwiese warst du, ein holdes Tal, das einen Berg zum Nachbar hat. Ein Lied im höhern Chor, ein Sonnabend, auf den der Sonntag folgt. Eine Glorie vom hellen Mondschein war hier dein teil; dort bist du gekleidet in Sonne der Gerechtigkeit. Gerechtigkeit war deine Aussaat und wird deine Ernte sein. Keinem Worte hast du einen Zahn ausgestossen, keinem einen bleiernen oder silbernen eingesetzt! Jedem Buchstaben, gross und klein, gabst du, was sein war. Sümpfe zu verurbaren, gemeine Seelen zu adeln, in den Schwachen mächtig zu sein, so wie es Gott in dir war, das hieltest du für deinen Beruf. Du hattest richtige Läufe. Ruhe wohl! – Du hast deine Quarantaine vor der Ewigkeit richtig gehalten; – du bist eingegangen! Gott webe seine Hand über deinen Staub! Lebe wohl!

Dass Herr v. G. der ältere noch vor meinem Vater den Weg gegangen, den wir alle gehen werden, hat meine selige Mutter anzuzeigen nicht ermangelt. Freilich gehört Herr v. G. nicht so unmittelbar in diese geschichte, und wäre es wohl Zeit, dass ich an mich selbst mehr dächte: soll man denn aber seinen nächsten nicht lieben als sich selbst, und ist denn Herr v. G. der ältere nicht wahrlich unser aller Nächster? Je weniger man andere aus den Augen setzt, je mehr sagt man von sich selbstund damit ich mein Schwert in die Scheide stecke und meinen Lesern reinen Wein einschenke, so verlangt der nämliche Freund, der mich schon mehrmals in dieser geschichte besuchte, den Herrn v. G. in Lebensgrösse. So werde' ich ihn nicht darstellen können, weil ich Extrapost genommen; indessen doch hie und da ein Zug von diesem Naturmanne, der auch die Kunst nicht zum Worte kommen liess, wie meine Mutter es Minen nachrühmt. Es ärgert mich jederzeit, wenn ich eine Vor- oder Nachrebe vollbracht habe, und doch kann ichs nicht lassen! Wer kann sich ohne guten Morgen und gute Nacht behelfen? In allen Sprachen wird es der lernenden Jugend zuerst beigebracht, und wer sich überhaupt ohne Vor- und Nachreden behelfen, oder wenn sie schon da sind, sie mir nichts dir nichts streichen kann, kann mehr als ich! Es ist so etwas von Erstund Letztgeburt darin.

Damit meine Leser indessen