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eine Dichterin.

Wenn ein Hahn krähte, dachte meine Mutter an den Hochverrat des Petrus und an ihren eigenen, den sie sich wegen Minen zu Schulden kommen lassen. Der Präpositus unter ihren Hähnen, der alle andern überschrie, war ihr ein ehrwürdiges Tier! In den Denkzetteln tat sie ihm sogar die Ehre, ihn Superintendent zu nennen. Schade, sagte sie, dass auch er den Auskehricht noch einmal auskehrt! – Nichts konnte es ihr näher legen; wer steht, mag wohl zusehen, dass er nicht falle, als ein Hahn.

Sie konnte keine Uhr schlagen hören, ohne dass sie auffuhr. Kauft die Zeit aus! sagte sie. Wenn sie wo war, stand sie mit dem Schlage auf, wenn sie wo hinging, geschah es mit dem Schlage, und diess nicht etwa der Pünktlichkeit wegen, sondern des Vollschlagens halber. Sie tat, als wüsste sie, dass sie mit dem Schlage sterben würde. Ich wollte auch nicht im ersten oder dritten Viertel, oder wenn es halb ist; kalt oder warm, sagte sie, da du aber lau bist, will ich dich ausspeien.

Wäre es nicht gut, fragte sie, lieber Mann! wenn man lieber spräche, wie Mattäus, Marcus, Lucas sagt, und nicht, wie sie schreiben? Sagen ist lebendiger Glaube, schreiben todter. Jenes Geist, diess Leib. Mein Vater lächelte.

Meine Mutter, die gegen jedermann gerecht war, und die mir in ihrer Textsammlung, in ihren Denkzetteln die Lehre gab, die u bei ihrem Strich und die i bei ihrem Punkt (privilegio reali) zu lassen, war eben so gerecht gegen alte Wörter und ihre wohlhergebrachten Privilegia. Der Wurmstich tut zu ihrer Gültigkeit nichts ab, nichts zu. Luter war ihr Autor classicus.

Sie liebte sehr Realworte, solche, welche die Sache selbst wären, wie sie sich ausdrückte. Donner! – Blitz! – Sturm! – In dieser Hinsicht war sie mit einigen nicht zufrieden, z.B. mit Geschwind. Es wird kalt, ehe man das Wort zu Ende spricht. Schwind wie der Wind, wäre besser. Du sollt' nicht stehlen, setzte sie hinzu, und wich dem Worte Geschwind aus, um ihren grundsätzen nach auf der einen und auf der andern Seite dem Worte keinen Schaden noch Leides zu tun, sondern allen, wärs auch einer Sylbe, förderlich und dienstlich zu sein.

Sie gab allen Bäumen zu viel wasser, die sie selbst pflanzte. Ueberaus gern sah und hörte sie regnen.

Ihren Unterricht pflegte sie eine Schöpfe zu nennen. Wollte Gott, setzte sie hinzu, aus einem Gesundbrunnen, aus einem Brunnen des Lebens! Nicht jeder kann, so lange wie er ist, sich in den B e t h e s d a stürzen.

Seht doch jenen Baum, dem die Aeste brechen. Er hat mehr Kinder, als er tragen kann! So fromm, wie jene witwe das Scherflein einlegte, so fromm stützte sie diesen Baum!

Ein Pastor aus der Gegend, dessen Geiz gränzenlos war, hatte einem dürftigen Eingepfarrten 10 Tlr. Alb. geliehen. W o s i n d d e n n d i e n e u n e ? sagte er zu seinem Schuldner, da er ihm einen Reichstaler zum Anfang abtrug. Das neune ich, sagte meine Mutter, eine Spruchspötterei, dergleichen sich zehn Freigeister nicht zu Schulden kommen lassen; wiewohl sie ob der Bibelsprache hielt.

Die Juden sah meine M u t t e r , wie W i n c k e l m a n n die Antiquitäten an. Von getauften Juden war sie vielleicht bloss darum keine Freundin. Nie hatte sie bei einer Judentaufe Gevatter gestanden, obgleich sie gern bei Christenkindern dieses Patenamt übernahm. Sie drängte sich recht zu Gevatterständen. Lasst die Kindlein zu mir kommen, sagte sie, und wehret ihnen nicht, denn solcher ist das Reich Gottes!

Wer beim ersten Gericht von Religionssachen spricht, ist ein Heuchler! – da denkt man an den Leib. Beim letzten Gericht vorzüglich beim Kuchen, wird in allen Gesellschaften von Religion des Mittags, von Erscheinungen des Abends gesprochen.

Das Gewissen, sagte sie, ist eine Saite, die nie ausgespielt wird.

Sie schrieb Christ mit einem X und Christentum Xtum, und war eine so grosse Verehrerin vom Kreuz, dass, wenn gleich sie nicht mehr ein Kreuz schlug, wenn sie gähnte, sie doch alles und jedes ins X legte Z.B. Messer und Gabel. Die E c k a r t s c h e n Kamine waren ein Greuel in ihren Augen, weil das Holz hier nicht kreuzweise brannte. Sonst war Kaminfeuer ihr Leben. Mein Vater war auch dafür.

Z u f r ü h , sagte meine Mutter, ist eben so zur Unzeit, als z u s p ä t . Wer etwas zu geschwind sagt, weiss es, und weiss es auch nicht. Sie ging zwar etwas schnell; allein sie sprach so, wie man muss, nicht zu früh, nicht zu spät. Sie hatte sehr was Vernehmliches in der Sprache, eine klingende stimme!

Sie war sehr für rasche Pferde, und da mein Vater gleicher Meinung war, so pflegte sie oft, wenn sie mit ihren vier Braunen fuhren, zu sagen: F e u r i g e R o s s e u n d W a g e n . Es kann sein, dass sie,