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Man muss keinem Gedanken die tür verschliessen. – Sie war im höchsten Grade gastfrei.

Trau, schau, wem! war ihr ein Sprüchwort, das sie nicht liebte; obgleich wider den Reim nichts zu sagen ist.

Sie hielt keine Wirtschaftsbücher, und liebte sehr, ohne Etat zu leben. Wenn der liebe Gott mit uns alles zu Buch bringen sollte, pflegte sie zu sagen, ei denn! – Sie dachte überhaupt alles ohne Zahlen.

Mein Vater bemerkte: sie dachte alles poetisch. Ein neues Haus ohne Baukosten; indessen bot sie ihm die Spitze durch einen hohen Geistlichen, den Papst S i x t u s d e n F ü n f t e n , welcher behauptet hätte, dass man auch einem Esel die Aritmetik beibringen könnte.

Der Mond war ihr Liebling. Das Profil und das Geradezu, pflegte sie zu sagen, wie schön!

Sieh einen Geizigen, sagte meine Mutter, Treppen steigen; wo er nur kann, nimmt er zwei Stufen auf einmal! Man lasse doch dem Reichen seine vollen Scheuern, ihm, der gemeinhin arm an Leib und Seele ist!

Wer Worte aufmutzt, war ihr ein Hahn, der den Auskehricht nachkehrt. Gern hätte sie gesehen, dass der Hahn die üble Gewohnheit nicht hätte. Er war ihr ein bedeutendes Tier. Sie selbst war sehr grammatikalisch und setzte ihren Casum.

Die Hölle nannte sie oft b r e n n e n d e K ä l t e !

Ich meines Orts, pflegte sie zu sagen, habe nichts wider die Herren Philosophen; allein sie sind alle, wie mein Hausphilosoph, im Herzen für den monarchischen Staat. Freiheit ist Himmel!

Der Dichter ist für gleich und recht aus der goldenen Zeit her. Er hebt alles Ansehen auf. Den Grossen lässt er einen Kittel anziehen, den Unbedeutenden einen blanken Rock! Das beste ist, es kostet ihn nichts. Er ebnet und gleicht alles, und da sieht man sonnenklar, dass kein Ansehen in der Welt ist! Er ahmt Gott nach; denn auch vom Dichter kann es heissen:

Es ist dem Dichter alles gleich,

Den Grossen klein und arm zu machen,

Den Armen aber gross und reich!

Er ist der rechte Wundermann. –

Da liegt die Ursache, warum nur gewöhnlich arme Leute dichten!

Das Pfingstfest nannte sie Geniefest, und hielt es für notwendig, dass in diesen heiligen Tagen Wein getrunken würde; selbst Champagner, wenn nicht anders. In Ostern ass sie ein Lamm mit Brunnenkresse. Ueberhaupt verwahrte sie alle Erstgeburt, so die Mutter gebrochen, auf Festtage. Die Erstgeburt war ihr heilig. Auch selbst das erste Glas aus einer Flasche war ihr wie Erstgeburt wert. Sie gab es dem, den sie lieb hatte.

Sehr war sie für ihr Geschlecht; indessen war Adam doch die Erstgeburt, das konnte sie nicht läugnen, und sagte, dass ein Weib eine 0 sei, der eine 1 vorstehen müsste, wenn die Null was bedeuten sollte. Die Mädchen, sagte sie zu mir, sind wie Hopfen, sie müssen sich von klein auf rankeln. Du nicht also, setzte sie hinzu.

So lasst, ich bitte euch, das D o c h aus dem Vaterunserund wenn Bitte nicht helfen wollte, frass sie ein heiliger Eifer. Ist denn, fuhr sie fort, das vollkommenste Gebet auch nicht vollkommen? O ihr Kleingläubigen, dass ihr's mit einem D o c h verstärkt! Führ' uns (doch) nicht in Versuchung. Erlös uns (doch) von allem Uebel.

Mein Vater nahm sich des Flickwörtchens D o c h weniger, als der armen Leute an, die, wenn sie beteten, nicht ans Vaterunser, sondern ans D o c h und an meiner Mutter Scheltwort dachten! – Lass sie! Lässt Gott der Herr nicht manches D o c h an uns? – Meine Mutter liess demungeachtet nicht nach, das Unkraut aus dem Vaterunserweizen, wie sie sagte, zu jäten.

Das Gedächtniss meiner Mutter war ausserordentlich; es war eisern. Kein Wunder, wenn sie zu Sprachen aufgelegt war. Sie behauptete, dass man bei der Poesie das Gedächtniss schone. Sie ist dem Gedächtniss eben das, pflegte sie zu sagen, was die grüne Farbe den Augen ist. Bei Sprachen hingegen, fuhr sie fort, greift man das Gedächtniss an. – Was ich sagen wollte, betraf eigentlich Sprachen.

Meine Mutter war keine Freundin von Wörterbüchern. Wenn auch, sagte sie, dir das oder jenes Wort fehlt; die Sprache verlässt keinen, der sie nicht verlässt. Sie hat nicht unrecht. Wer eine Sprache nicht ex professo weiss, kann sich doch drin trefflich ausdrücken, wenn er nur sonst ein Kopf ist. Wagen gewinnt, wagen verliert, heissts hier! Was ich ein Genie gern eine Sprache reden höre, deren es nicht völlig mächtig ist! und wo ist ein Genie, das seine Sprache pünktlich weiss? Da sehe ich denn, wie dem vollen Ausbruch der Flamme nur ein Mund voll Luft gebricht. – Ein Genie ist ein Kopf, der nicht aufs Wort merkt, und doch fehlts ihm nie an irgend einem Guten. Kraft und Macht sind hier verschieden; obgleich sie sonst ein Paar sind.

Mein Vater las nie ohne Wörterbuch eine Sprache, in der er nicht Meister war. Er musste alles aus dem Grund haben und jedes Wort aus der Wurzel ziehen. – Mein Vater war ein Prosaist; meine Mutter