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Nicht um das Auge zu blenden, nein, um es zu stärken. Nicht Mittag, Abendkühle liegt drin! Heilige! Dank für deinen blick! Dank für alles! Sieh auf dein Grab; ist es nicht aus Erkenntlichkeit gut aufgeklopft? Da soll dein Gebein ruhen, sicher vor jedem Sturmwind, der sich mit unbedeckten Gebeinen neckt, als könnt' er sie lebendig machen, und die frommen Tauben mögen Habichte werden und unsere jungen Küchlein aufhacken, wenn wir dein Gebein nicht ehren, du fromme Mutter, um deinetwillen!

Am Begräbnisstage, und noch zwei Tage nachher, ward in der nämlichen Procession diess Lied abgesungen, und jedesmal mit einer Rührung, die ihres Gleichen nicht hatte. Immer als zum erstenmal.

Der nämliche lettische gelehrte Sänger hat auch auf meinen Vater einen Sang herausgegeben; indessen finde ich die gegenwärtige fromme Sonnabends-Empfindung bei weitem nicht drin. Naive Tändelei ist dem volk eigen; indessen ist, was drüber ist, nicht immer vom Uebel.

Eine Stelle verdient Mitteilung. Man merkt leicht, dass das Lied aus höherem Chor ist, und dass überhaupt unser Meistersänger das Kunstlose des Volksliedes öfters verfehlt! Wie das zugeht, weiss ich nicht. Mein Vater pflegte zu behaupten: Meine Mutter sei Schuld daran! Nicht doch, erwiderte meine Mutter, das kommt weil er ein Christ ist. Das Christentum ist göttliche, himmlische Kunst.

Die Stelle:

Er starb zu einer seligen Stunde, eben da wir den Weizen einstreuten. Sein Leib, diess Weizenkorn Gottes, wird so leicht verwesen, als eine Rose verbleicht, so sanft, als Leib und Seel' von einander gingen und sich zum letztenmal herzten.

Die Erde ist nicht so kalt, als sie zu dieser Jahreszeit zu sein pflegt! Schaud're nicht, ehrwürdige Pastorleiche! Die Sonne schlug so warm, ringsum warm herum, als wenn sie es auswärmen wollte, und was war's für ein Rauch, den ihre Strahlen herauszogen? Weihrauch, den sein Engel, der auf dem Sonnenblick herabfuhr, anzündete, um diess Grab zur Schlafkammer auszulüften.

Ist es erlaubt, zu der S t a n d r e d e des Herrn Vikars über die Seligkeit der reinen Herzen, die Gott schauen werden, etwas zum Lebenslauf meiner Mutter zu liefern? Prose, wie ihr Tod war. Den Gesang hab' ich dem Letten überlassen, dem der Vikar, ein grosser Lette, nachgeholfen zu haben scheint.

Sie war von mittelmässiger Grösse, hatte braunes Haar, eine sanftgebogene Nase und grosse Augen, die am Blitz jenem Grossmutterauge durch die Ritze, wenig oder gar nichts gewichen hätten. Aus beiden Augen liess sie diess Licht leuchten. Die Nase ist der Zeiger am Menschen. Sie sah gerade zu, und trug die Nase, wie sie selbst bemerkte, weder gegen Himmel, noch hatte sie ein Schatzgräberaussehen. Sie war sehr verhältnissmässig gebildet. Man sah ihren Händen an, dass sie solche nur selten in Handschuhen verschlossen gehalten, und doch waren ihnen die Priesterahnen und eine gewisse bewährte Feinheit anzusehen. Sie hatte die folgsamste Zunge, die je im Dienste des Herzens gestanden. Ihre hände lebten mit der Zunge in Gemeinschaft; sie schrieben sich: & Compagnie. Aergert dich dein Auge, reiss es aus, ärgert dich deine Hand, haue sie ab, konnte keinem Zuhörer meiner Mutter einfallen, wenn sie sich hören liess! Alles war im besten Zusammenhange und liess auf ein gleich übereinstimmendes Herz schliessen. – Sie bezog nicht Leben und Taten der hochwohlgeborenen Herren mit Firniss, Messing, Blech, Gold; sie war selbst keine Freundin von englischem Lack. Papilloten konnte sie nicht leiden; ich habe nie in meinem Haare Papilloten getragen; Vater und Mutter waren dagegen. Papier im Garten und in den Haaren war meinem Vater gleich unnatürlich, und meine Mutter sagte, wenn sie einen falschen Menschen beschreiben wollte: Es ist ein Mensch, der sich in Papilloten zu legen versteht. Eine Ordnung war ihr eigen, die mein Vater ein S c h n ü r c h e n P e r l e n zu nennen pflegte. Sehr war sie für Leute, die von natur lockigt Haar hatten. Geborene Pastores, pflegte sie zu sagen! Im Tanzen hatte sie nicht Unterricht genommen, das sah man ihr an. Sie hielt sich nicht rohrgerade; allein sie fiel auch nicht zusammen; ein kunstloser, völlig natürlicher Anstand war ihr eigen. Sie schnürte sich nie, ging etwas schnell und ein wenig mit dem kopf vorgebogen. Eine Lieblingsart von Andachtsbezeugung war es, die Schultern in die Höhe zu ziehen. Die hände faltete sie auf eine so vortreffliche Weise, dass man Ausdruck drin sah. Sonst hemmt das Händefalten alle Handaction; es scheint die tiefste Ehrfurcht zu verraten, die immer unbeweglich ist. Man will sich selbst halten, sich selbst binden. Die hände meiner Mutter bewegten sich indessen auch gefaltet, und zwar der Ehrfurcht unbeschadet. Sie hatte keine Menschenfurcht; indessen war sie auch eben so weit entfernt sich zu erdreisten.

Ihr seid ein Narr, sagte ein bekannter Landesvater zu einem seiner Höflinge! Wer ist's nicht? allergnädigster Herr! erwiderte der Höfling. Diess: wer ist's nicht? sieht meiner Mutter ähnlich; obgleich sie gewiss in einem andern Tone, als der Hofnarr, es gesagt haben würde. Da sie alles nahm, wie es kam, fiel nichts bei ihr vor, das wie gesucht anscheinen könnte! Sie pflegte zu sagen: