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ist gewiss ein' grosse Gnad' etc.

Bei der vierten Strophe, schreibt die Pastorin, empfand ich, wie wohl gewählt diess Lied war:

Da wird Gott all's in allem sein;

Da wird dann recht erklingen

Der Sang der heil'gegen Engelein,

Die Gott ein Loblied singen

Von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Sie ward, wie sie angeordnet, in die Erde gelegt, bei meinem Vater. Hier werden sie Hand in Hand ihren schönen Morgen erwarten, wenn das Verwesliche wird anziehen das Unverwesliche, und das Sterbliche die Unsterblichkeit! Ausser den Begleitern, die sie erbeten hatte, war die ganze Gemeinde jung und alt gegenwärtig. Man hatte keine Schaufel nötig, sie zu bedecken. Jedes warf eine Handvoll Erde sanft auf ihren Sarg. Der Greis flehte um einen seligen Tod; der Mann um die glückliche Entbindung seines Weibes; das Weib, dass ihr Erstgeborner ihr wohl gedeihe; der Jüngling für seine Geliebte; die Braut um die treue Liebe ihres künftigen Gatten; das Kind um das Leben seiner Eltern! Was jedem das Liebste und Beste war, das erflehte er sich bei diesem grab, und jedes warf eine Handvoll Erde!

Freunde, schaudert ihr vor dem kalten Arm der eurer Pilgrimschaft ausruhen, und auch der hier nicht viel schlafen konnte, wie sanft wird er hier sich legen! Was weiss ich, schreibt die Pastorin, ob das Laken gerissen oder die Wehmut derer, die einsenkten, daran Schuld gewesen (die Wehmut ist schwach wie ein Kind) – der Sarg riss sich los, recht als ob er die Zeit nicht abwarten konnte! Wie er nahe an meines Vaters Sarg kam, wankte der Deckel. Diess vermochte die Träger, um die erlaubnis zu bitten, beide Särge noch zu öffnen und beider hände in einander zu legen. Diese einfältige, fromme Bitte ward von den Leichenbegleitern bewilligt, und sie copulirten dieses Paar, weinten die bittersten Tränen auf die hände, deckten jeden Sarg zu, und alles empfand bei diesem ungekünstelten, unbereiteten Vorgange, dass er ungekünstelt, unvorbereitet war.

Noch einen dergleichen muss ich nachholen. Den Abend vor dem Begräbniss versammelten sich die besten Sänger und Sängerinnen im dorf und sangen vor dem Trauerhause das Todtenlied, so ich meinen Lesern in einer Uebersetzung mitzuteilen nicht anstehen kann.

* * *

Todtenglocken, klagt, klagt laut und wimmert nicht so dumpfig, so innerlich, dass es Mark und Bein durchtönt! Ruft es aus, damit jedes, Klein und Gross, wisse, woran es sei: V a t e r t o d t ! M u t t e r t o d t ! Unsere Kirche eine vater- und mutterlose Waise.

Armes Weib, die doch gern gebären wollte, damit unsere K i r c h e n m u t t e r ihre Hand auf das Knäbchen lege und es einsegne, du kamst zu spät! Ihre Hand ist eiskalt! Nicht ein Tropfen warmer Segen ist drin. Sie hat ihn keinem entzogen, der seinen Kopf darreichte! – Wir fühlen noch alle die Stelle, wo ihre milde Hand lag!

Wer wird nun unsern Kleinen Honigbrod geben, wenn sie den Glauben beten? Wer wird sie bei der Hand nehmen, wenn sie Abba, mein Vater! an einem Nest voll junger Vögel, die ihren Mund gegen Himmel aufreissen, beten lehren? Wer nach dem Ungewitter, wenn die Luft sich erholt hat, ein Loblied singen mit den Finken um die Wette?

kommt, lasst uns gehen, wo es wiederhallt, und Mutter rufen, Mutter! Vielleicht erfährt sie dadurch, dass wir ihrer denken. Uns spottet das Echo nach; mit Geistern spricht es wie wir mit einander. kommt in den Wald, wo es wiederhallt! Fast hochnot ist, dass wir Zweige brechen, den Weg zu bestreuen zu diesem grab. Ihr Grab wird von selbst grünen und blühen. Nicht von Aesten, diese sich jeglicher Reisende brechen kann, um sich auf seinem Wagen eine Bude zu bauen, die ihn vor der Sonne schirmt. In die Höhe wollen wir klimmen und aus den Gipfeln Aeste nehmen und brechen. Sie ist's wert, dass man hoch steigt und dass man bricht und nicht schneidet. Sie ist von der Seele gerissen wie diese Aeste vom Stamme. Sie welkt, wie dieses Laub auf dem Wege zu ihrem grab. – Wem dienen die Tauben, die sie im Schlage zurückliess? Auch sie sind arme Waisen wie wir alle. Sie fressen nicht mit Wohlgefallen, seit sie tot ist. Lasst uns Teilung halten, jedes Haus ein Paar. Ihre Jungen und die Jungen ihrer Jungen, die sie brüten, sollen das Andenken eines Pastorpaares erneuern, das wie ein paar Tauben war, und wenn wir von diesen Tauben unsern Kindern ein Paar zurücklassen, sei es mit der Ermahnung, an die Gräber dieser Frommen zu denken und ihnen kein Leid zu tun! Ist es euch nicht so, als wenn die Tauben selbst drum bäten, ohne unser Zutun? Gar fromme Tiere! Unser Pastorpaar wird sich der liebe Gott so halten, wie jeder von uns das Taubenpaar! Seht ihr nichts im mond? Seht! Sie ist's! Im weissen Kleide, weisser, heller noch als der Mond; sonst könnten wir sie nicht sehen. Das Tuch um ihr Haupt, so wie sie da lag, ehe sie eingesargt ward. Wie sie uns zublickt! Seht! Seht! Welch ein Abglanz auf uns!