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zum tod, je mehr sprach sie mit diesem guten geist, der sich I c h a u c h genannt hatte, wie die Pastorin versichert. Sie sprach mit ihm, wie mit ihrem Seelenträger, mit ihrem Reisegefährten, und war so froh, an seiner Hand in Abrahams Schooss zu kommen und die Krone der Gerechtigkeit zu empfahen, dass sie den glühenden Fegofen, die Löwengrube der Trübsale, nicht achtete. "Aber der Engel Gottes," sagte sie zur Pastorin, "führt mich zu einem Wasserbrunnen, dass ich beim Leben erhalten werde. Er lagert sich um die her, so den Herrn fürchten, und hilft ihnen aus."

Der Schmerz ist weg, fing sie zu der Pastorin nach einer Weile an, aber die Seele, die Seele, tut mir sehr, sehr wehe! Sie hat sich an die Melodie des Körpers sehr gewöhnt.

Die witwe musste hier Verschiedenes aus der Bibel lesen und aus dem Gesangbuch singen. Die selbst sprach sehr unvernehmlich! Die Angst, bis sie stossweise ausstand, war gross! Das letzte Lied war:

Herr Gott, dich loben wir.

Die letzte Strophe musste die Pastorin viermal singen, nach Zahl der letzten Dinge

Behüt' uns heute, o treuer Gott,

Für aller Sünd' und Missetat.

Sei uns gnädig, o Herre Gott!

Sei uns gnädig in aller Not!

Zeig' uns deine Barmherzigkeit,

Wie unsre Hoffnung zu dir steht.

Auf dich hoffen wir, o lieber Herr,

In Schanden lass uns nimmermehr! Amen!

Auch im grab, sagte sie, nicht zu Schanden!

Trinken können die Kranken länger als essen. Die letzte Zeit konnte sie, wie wir wissen, keinen Ton angeben. Zuweilen schien es, sie wollte; allein sie sah sich verbunden, ihre Seele in Geduld zu fassen und sich mit Prosa zu behelfen.

Die Pastorin musste den Vorhang am Fenster, wo sie lag, mitten entzwei reissen! So, so, sagte sie, so reisst's hier, hier! Licht! rief sie. Der Vorhang ward weggezogen; sie sah Licht. Grün, grün, fing sie an, Frühling! so schönes Grün als das Taufwassergrün, und noch schöner! Kein Fusswasserplatz daneben! Alles gleich schön! Oft reckte sie beide hände aus. Paradies! rief sie. Sie ward wieder still, liess sich ein Crucifix dahin setzen, wo der Vorhang zerrissen war. Sie sah es starr an, verlangte es näher, drückt' es an ihr Herz mit den Worten, die sie ungewöhnlich vernehmlich aussprach:

Wenn ich einmal soll scheiden,

O scheide nicht von mir!

Soll Todesangst ich leiden,

O scheide nicht von mir!

Und wenn am allerbängsten

Mir rings ums Herz wird sein,

Reiss du mich aus den Aengsten,

Kraft deiner Angst und Pein!

Sie fiel wieder ohnmächtig ein. – Was ist die Uhr? fragte sie die Pastorin, und diese versicherte, dass ihr keine Frage empfindlicher gewesen. Vier? Bald! – Sie hielt sich fest am Crucifix, das sie sich hatte reichen lassen.

Ihre letzten Worte, nicht völlig vernehmlich,

Komm so, mein Tod, und sei gegrüsst,

Der mehr als tausend Leben ist.

Ihre gewaschenen Füsse lagen im Kreuz; so im Kreuz mit Händen und Füssen wollte sie auch begraben werden. Ihr Gesicht war nicht im mindesten im tod entstellt.

Kein Hund heulte, schreibt die Pastorin, weder vor noch nach ihrem Ableben; der Storch nur, der in der Gegend des Pastorats sein Sommerhaus hatte, ist verzogen.

Von ihrem Begräbniss will ich nur wenig anführen.

Sie hatte nur bloss über den Ort, wo sie ruhen wollte, über ihre Begleiter und einige Austeilungen an die Armen der Gegend Einrichtungen getroffen, alles andere aber den Zurückbleibenden überlassen. Sie wollte nicht in der Kirche ruhen, sondern unter ihren lieben toten; indessen hatte sie verfügt, dass sie in die Kirche gebracht und rund herum getragen werden sollte. Bei Nr. 5 bitte' ich anzuhalten, sagte sie. Mein Gott, schreibt die witwe, wie bange war mir, sie würde sich aufrichten: Ich bin vor dem strengen Richterstuhl Gottes verklagt! – Fürs Urteil war mir nicht bange. Eine S e l i g e ist sie wahrlich!

Der Vicarius hielt ihr eine Rede über die Worte Mattäi im fünften Kapitel der achte Vers: "Selig schauen!"

Eine Stelle aus dieser Rede:

"Unsere Glaubensschwester führte ein verborgenes Leben in Gott. Man sah an ihr die Worte erfüllt: Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Die Trübsal hatte in ihr gewirkt Geduld, die Geduld Erfahrung, die Erfahrung Hoffnung, und diese lässt nicht zu Schanden werden. Ihre Seele war genesen, da sie aus meinen Händen das Mahl des Herrn empfing! Gott war mit ihr! – Wahrlich, Freunde, diese Gegend hat eine Beterin, eine Himmlischgesinnte, eine Gottverlobte verloren."

Vor der Rede ward gesungen:

Wenn Gott von allem Bösen etc.

Die Pastorin schreibt, dass sie den zweiten Vers dieses Liedes auch mit heiligem Schauer gesungen, nicht mit Bangigkeit, wie beim Herumtragen bei Nro. 5. Sie wird den Sargdeckel heben, dachte' ich (ihre eigenen Worte) und mitsingen:

Mein Mund wird nichts als lachen,

Und meiner Zungen Klang

Wird lauter Lieder machen,

Gott, unserm Heil, zu Dank!

Nach der Rede ward gesungen:

Es