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Predigt selbst, mein Vater gab das Imprimatur, nachdem er sie befeilt hatte. Meine Mutter sonderte mir die Lieder aus. Dieses macht' ihr viele Mühe. E i n L i e d war um einen Vers zu lang, e i n a n d e r e s war wieder um einen zu kurz; bei manchem war die Melodie nicht der ersten Predigt angemessen, bei noch einem war noch was anderes zu bedenken: endlich getroffen. Ich habe den sehr bescheidenen Autorausdruck: b e f e i l e n , gebraucht, die Wahrheit aber zu gestehen, tat mein Vater mehr. Ich hatte den Styl so sehr von den Feldreden beibehalten, dass alles Trommel und Trompete war, und zum Kammerton herabgestimmt werden musste.

Bei der Nutzanwendung z.E. gab ich Kanonenfeuer auf die Sünder, ich versicherte sie, dass sie im Pfuhl, der mit Pech und Schwefel brennt, o Solon! Solon! rufen würden. Den Pech und Schwefel strich mein Vater, und setzte: in den Flammen des Gewissens. Den Solon, Solon liess er stehen.

Die ersten vierzehn Tage erzählte meine Mutter mir vielerlei begebenheiten, die ihren verstorbenen Hochwohlehrwürdigen Ahnherren begegnet, und durch die Tradition bis auf den heutigen Tag unverloschen bei der Familie geblieben wären. Ein Literatus hätte nämlich sehr patetisch seine heilige Rede angefangen, allein er wäre gleich beim ersten Teile in die Irre geraten. Mein seliger Aelter- oder Grossvater hätte ihm lateinisch zugerufen: ab initio (von vorn) und der Literatus wäre wieder nur bis auf diese unglückliche Stelle, wo er schon einmal den Faden verloren, gekommen. Noch einmal hörte der nun Trostbange die stimme ab initio, und da er wieder diese unglückliche Stelle berührte, fiel (meine Mutter sagte diess mit vieler Teilnehmung) ihm das A m e n zu rechter Zeit ein. Das Dorf, welches das ab initio für b r a v o ! gehalten, hatte dem Herrn Candidaten, der aus Angst gewaltig geschwitzt, das zeugnis beigelegt, lange keine so gute Predigt gehört zu haben.

Ein andrer Candidat hätte aus Angst die Kanzel verfehlt, und anstatt beim letzten W i r g l a u b e n a l l ' auf die Kanzel zu steigen, wär' er geradezu aus der Kirche gegangen. Mein lieber Herr Grossvater hätte also ex tempore seine Gemeine bewirten müssen. Ein dritter hätte die vierte Bitte zweimal gebetet, woraus man geschlossen, dass er zwei Magen hätte. Noch ein dritter hätte, und diess schien ihr die traurigste Begebenheit zu sein, das V a t e r U n s e r nach der Predigt zu beten vergessen. Der arme Mann! Er hat keine Kanzel weiter bestiegen. Dein lieber seliger Grossvater riet ihm zu einer andern ehrlichen Handtierung, indem derjenige, der vergässe das Vater Unser auf der Kanzel zu beten, mit Zuverlässigkeit es als ein Omen ansehen müsste, dass er nie mit Ruhm in den Priesterorden aufgenommen werden könnte.

Endlich wär' es einem in der Predigt vorgekommen, der Herr Pastor, der mit ihm in die Kirche gekommen, sei in ein Bildniss, wie Lots Weib in eine Salzsäule, verwandelt. Die geschichte verdient gelesen zu werden, obgleich sie nicht in der Familie meiner Mutter sich begeben hat. Der Herr Pastor hatte sich bei lebendigem leib in Lebensgrösse malen lassen, und dieses Bild war so getroffen als die Trauben des Z e u x i s , welche die Vögel lüstern machten. Der Herr Pastor war da mit Leib und Seel.

Damit ich meinen Lesern die Bemerkung meiner Mutter nicht verhalte, so kam die Ehre der Aehnlichkeit nicht dem Künstler, sondern dem Herrn Pastor zu. Er hatte etwas im Gesicht von Karl XII. und Martin Luter, die jeder Töpfer trifft, wenn er sie auf den Teller hinwirft, und die der liebe Gott mit einem besonderen Gesicht ausgerüstet hat. Ich, sagte sie, möchte sie treffen, obgleich ich nicht weiss, was ein i-strich in der Malerei ist.

Beim zweiten teil fällt dieses Bild dem armen Candidaten ins Auge. Wer eine Predigt im kopf hat, und zum erstenmal pro candidatura sich hören lässt, kann nicht alle Ideen in ihre rechte Fächer bringen. Ein Duodezbändchen kommt dann wohl zum Folianten zu stehen. Dem armen Mann kommt's vor, er sähe ein Gesicht, er wird bleich, und mit den Worten: Herr Pastor, Herr Pastor, Herr Pastor, die immer schwächer nach dem Grade der Ohnmacht werden, fällt er rückwärts von der Kanzel. Doch Gottlob! setzte sie hinzu, ohne sich weiter am leib Schaden zu tun.

Die Woche vor der letzten liess meine Mutter nach, ihre Gespensterhistörchen zu erzählen.

Ich wusste die Predigt ganz fertig und war gezwungen, aus kindlicher Liebe, wiewohl gegen ein schönes Stück geräucherten rohen Schinken pro honorario, gerad' unter dem schon genug gepriesenen Bildniss, das ich mit Ehren dem Himmel zugebracht, probe zu halten.

Dieser Ort war K e b l a für meine Mutter. Nach meiner Meinung war dieses eine Goldprobe. Bin ich hier bewährt und komm' ich in der Speisekammer nicht aus dem Concept, wo mich der Geruch auf allerlei Dinge führt, wird es in der Kirche noch besser zum Amen kommen. Es ging in der Speisekammer alles bis in den dritten teil gut. Da warf der Wagen um. Meine Mutter fiel nicht mit ab initio ein; allein nach glücklich erreichtem Ende sagte sie mir