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der die Worte f ü r e u c h versteht! – Für euch! Nach dem vollendeten Fussbade faltete die Gewaschene die hände, und sprach: Das Lamm mitten im Stuhl wird sie weiden und leiten zu dem lebendigen Wasserbrunnen, und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen. Offenbarung Johannis das neunzehnte Kapitel, vom siebenten bis zum neunten Vers. Lasset uns freuen und fröhlich sein, und ihm die Ehre geben, denn die Hochzeit des Lammes ist kommen, und sein Weib hat sich bereitet, und es ward ihr gegeben sich anzutun mit reiner und schöner Seiden (die Seide aber ist die Gerechtigkeit der Heiligen). Und er sprach zu mir: Schreibe: selig sind, die zum Abendmahl der Hochzeit des Lammes berufen sind.

In dieser fussgereinigten, geduldigen, nachgebenden Lage traf sie der Pastor, der sie noch in der vorigen Verfassung zu finden glaubte. Er musste also seine Anrede, die er auf den entzückten Zustand zugeschnitten, kurz und gut abändern. Sein unstudirter Vortrag fiel indessen so erbaulich aus, dass alle, die ihn hörten, gerührt wurden. Seine Hauptworte waren: Selig sind, die zum Abendmahl der Hochzeit des Lammes berufen sind. Meine Mutter hielt eine beichte, die sie aus dem Innersten des Herzens nahm. Mine war Anfang und Ende. – Nach mancherlei Herzensnöten schloss meine Mutter mit den Worten: "Gott helfe meiner Schwachheit, Amen!" Alles andere war im verhältnis gegen Minen, wie Worte gegen Sachen, wie das Haupt gegen seine Glieder. – Mine war oben drauf.

Wenn ich diese beichte, die meine Mutter nicht ins Ohr, sondern laut ablegte, mit allen ihren Punkten und Klauseln erhalten, wie gern gäb' ich sie meinen Lesern! – Mit welcher Inbrunst empfing sie die Communion! Sie ass und trank Trost und Beruhigung. Von der Minute, da sie das Nachtmahl empfangen, klagte sie nicht mehr über Angst, als in den vorletzten Augenblicken ihres Lebens. Die Worte Christi beim Lukas im zweiundzwanzigsten Kapitel, die er kurz vor dem Abendmahl sprach, wie rührend sagte sie ihm meine Mutter nach: Mich hat herzlich verlanget, diess Osterlamm mit euch zu essen, ehe denn ich leide; denn ich sage euch, dass ich hinfort nicht mehr davon essen werde. – Man sah, dass sie mit der Seele ass. – Den H e r m a n n hatte sie zu dieser heiligen Handlung bitten lassen, der aber nicht den Judas beim ersten Abendmahl machte, sondern den Petrus, welcher, nachdem er beim Kaminfeuer in Caiphas haus seinen Meister verraten, hinausging und bitterlich weinte. – Meine Mutter pflegte den Apostel Paulus einen Notarius des letzten Testaments zu heissen. Ich habe es von dem Herrn empfangen, das ich euch gegeben habe; denn der Herr Jesus in der Nacht da er verraten ward, nahm er das Brod – – Kann was Rührenderes sein, als dieses Gedächtnissmahl? – Verachtet man doch eines Menschen Testament nicht, sagt Paulus den Galatern, pflegte meine Mutter zu bemerken und schüttelte sonst das Haupt, weil im C r e d o nichts vom Sacrament des Altars steht. Jetzt dachte sie zwar, da sie sich selbst mit den Mennonisten vertragen, hieran nicht; indessen konnte die Rührung nicht höher sein, als die meine Mutter zeigte. Johannes der Jünger, den Christus liebte, communicirte so an seinem Busen. Gott tut was Ueberschwengliches im Nachtmahl an seinen Gästen, pflegte meine Mutter zu sagen, und wie sehr war es an ihr sichtbar, dass sie auf den Geist gesäet. Wer auf sein Fleisch säet, der wird von dem Fleische das Verderben ernten, wer auf den Geist säet, der wird von dem geist das ewige Leben ernten, und wie viel nach dieser Regel einhergehen, über die sei Friede und Barmherzigkeit und über den Israel Gottes! Wahrlich, schreibt die witwe, das Weib eines Mannes: Sie hatte ein hochzeitliches Kleid an! Nach diesem Mahl sprach sie mit dem Pastor über verschiedene, die Gemeinde treffende Dinge. Sie trat ihm die letzten Sorgen über die Gemeinde, welche sie noch behalten, in rührender Form ab. Ich s t e r b e , fing sie an, und G o t t w i r d m i t e u c h s e y n ! Obgleich sie angeordnet, dass nach dem Weissagungszufall niemand zu ihr gelassen werden sollte, als den sie selbst zu sehen verlangen würde; so konnte sie es doch nicht verhindern, dass jetzt in ihrer wiederhergestellten Fassung das Volk sich zudrängte. Ich sterbe, sagte sie, und Gott wird mit euch sein!

Ermahnet euch unter einander und bauet einer den andern; dem fehlt ein Fenster, dem eine Tür, dem ein Stück am Strohdach; helfet ihm, so wie ihr wollt, dass euch der Herr helfen soll, im Leben und im Sterben, und vor seinem Richterstuhl! So lieb einem jeden sein ewiges Wohl ist, vermahnet die Ungezogenen, tröstet die Kleinmütigen, traget den Schwachen, seid geduldig gegen jedermann! Sehet zu, dass niemand Böses mit Bösem vergelte, sondern allezeit jaget dem Guten nach, beides unter einander und gegen jedermann. Seid allezeit fröhlich. Betet ohne Unterlass. Seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christo Jesu an euch. Den Geist dämpfet nicht, die Weissagung verachtet nicht; prüfet aber alles, und das Gute behaltet. Meidet allen bösen Schein. Er aber, der Gott