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selbst sagte, dass sie zu weit gegangen. – Wahrlich, es war mehr, als ein gang. Ein Kind geht. – Jetzt war sie wieder in diesem Kindergleiseim Gange. – Das erste, was sie in demselben tat, war ein Brief an den Herrn Amtsbruder, der in der Vacanz ab- und zureiwelches sie in ihrer Ekstase, wie sie selbst sagte, nicht gebeten haben würde. Sie wusste alles, was in dieser Entzückungszeit vorgefallen war, aufs genaueste. Der Amtsbruder versprach zu kommen und kam. Kurz vor seiner Ankunft hatte meine Mutter Tinte und Feder gefordert und eine Viertelstunde geschrieben. Sie versiegelte diese Schrift dreimal!

Von jeher hatte meine Mutter die Gewohnheit gehabt, sich den Morgen vorher, ehe sie zur Communion ging, die Füsse zu waschen. Das war ihr ein so notwendiger Vorhergang, als ein Präludium vor dem lied. Auch jetzt hatte sie zu diesem Ende ein Fussbad veranstaltet. Ohne alle Specerei! Sie ersuchte ihre Gesellschafterin, die Pastorwittwe, dieses Fusswaschen zu übernehmen, und bat sie, aus dem fünften Capitel des ersten Briefes an den Timoteus, den neunten und zehnten Vers aufzuschlagen und laut zu lesen:

"Lass keine witwe erwählet werden unter sechzig Jahren, und die da gewesen, sei e i n e s Mannes Weib, und die ein zeugnis habe guter Werke: so sie Kinder aufgezogen hat, so sie gastfrei gewesen ist, so sie der Heiligen Füsse gewaschen hat, so sie den Trübseligen Handreichung getan hat, so sie allem guten Werk nachkommen ist."

Die Pastorwittwe, die nur einmal verheiratet gewesen, freute sich herzlich über diese Worte, die wie auf sie zeugend waren, und war bereit, diese ehrwürdige Ceremonie zu verrichten, da meine Mutter sie die Einsetzungsworte laut verlesen hiess. Sie fing also, nachdem sie sich mit dem weissen Schurz, den ihr meine Mutter in die hände gegeben, bekleidet, zu lesen an, wie folgt:

"stunde er vom Abendmahl auf, legte seine Kleider ab, und nahm einen Schurz und umgürtete sich. Darnach goss er wasser in ein Becken, hub an den Jüngern die Füsse zu waschen, und trocknete sie mit dem Schurz, damit er umgürtet war. Da kam er zu Simon Petro, und derselbige sprach zu ihm: Herr, solltest du mir die Füsse waschen? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Was ich tue, das weissest du jetzt nicht; du wirst's aber hernach erfahren. Da sprach Petrus zu ihm: Nimmermehr sollt du mir die Füsse waschen. Jesus antwortete ihm: Werde ich dich nicht waschen, so hast du kein teil mit mir. Spricht zu ihm Simon Petrus: Herr, nicht die Füsse allein, sondern auch die hände und das Haupt. Spricht Jesus zu ihm: Wer gewaschen ist, darf nicht denn die Füsse waschen, sondern er ist ganz rein, und ihr seid rein, aber nicht alle. Denn er wusste seinen Verräter wohl; darum sprach er: Ihr seid nicht alle rein. Da er nun ihre Füsse gewaschen hatte, nahm er seine Kleider und setzte sich wieder nieder, und sprach abermal zu ihnen: Wisset ihr, was ich euch getan habe? Ihr heisst mich Meister und Herr, und sagt recht daran, denn ich bin's auch. So nun ich, euer Herr und Meister, euch die Füsse gewaschen habe; so sollt ihr auch euch unter einander die Füsse waschen. Ein Beispiel habe ich euch gegeben, dass ihr tut, wie ich euch getan habe. Wahrlich, wahrlich! ich sage euch: Der Knecht ist nicht grösser, denn sein Herr, noch der Apostel grösser, denn der ihn gesandt hat. So ihr solches wisset, selig seid ihr, so ihr's tut."

Diese Ceremonie ward so rührend vollzogen, dass die Pastorwittwe mit Tränen das Fusswasser verstärkte, welches nach vollbrachter Ceremonie, u n w e i t dem grünen Taufwasserplatz, ausgegossen ward. Es ist kein Taufwasser, sagte meine Mutter. Da dieses alles der Pastorwittwe als etwas sehr neues schien, verhehlte ihr meine Mutter nicht, dass die Wiedertäufer mehr heiliges wasser in ihrem Glauben hätten als wir, indessen es später zu gebrauchen anfingen. Behüte Gott, dass wir das Fusswaschen, nach Meinung mancher Irrchristen, für etwas mehr, als einen Nachtmahlsvorklang, ein reines Hemde zum fest erklären wollen, als eine Sache, die sein und nicht sein kann; warum sollten wir aber dieses Zeichen der Erniedrigung weglassen, und nicht vielmehr, bei diesem Fussbad, an die Reinigung der Seelen denken, ohne welche niemand Gottes Angesicht schauen wird! – Meine Mutter, wie die Pastorwittwe, eines Mannes Weib, bemerkt, war hier nachgebender, als sie es wohl in gesunden Tagen gewesen. Die Mennonisten kamen besser weg, als man denken sollen. Sie nannte sie sonst Fusswäscher und behauptete, dass sie wegen ihrer Agapen oder Liebesmähler sich den christlichen Magen verdorben hätten. Jetzt gar anders. Wenn gleich sie ihnen nicht den Beinamen der Honigbienen des staates bewilligte, womit man sie wegen ihres Fleisses und ihrer Sparsamkeit zu beehren pflegte, vielmehr es sich ziemlich deutlich merken liess, dass sie ungelehrte, oder, wie sie's nannte, plattdeutsche Socinianer wären; so richtete sie dennoch nicht, um auch nicht gerichtet zu werden. – Fasten und leiblich sich bereiten, sagte sie, bleibt beim Nachtmahl eine feine äusserliche Zucht; aber der ist recht würdig und wohlgeschickt,