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Zur Unzeit, wie gewöhnlich! Sie hätten sie ruhen lassen können! Seinen Freunden gibt er's im Schlafe! Gott lässt uns sinken, aber nicht ertrinken. Wenn der Klügste beichten sollte, was er in seinem Leben für Einfälle und Ausfälle gehabt, wäre er des Irrenhauses schuldig! Grüne Ostern, weisse Pfingsten. Viel können zwar zusammen singen, aber nicht zusammen reden. Der Gesang ist gesellig, die Prosa ist leuteschen, einsiedlerisch, tückischbei alle dem ernstaft. Träume! ihr sollet nichts sein, und wenn die Ursache vom Zukünftigen schon in mir liegt? Auch dann nichts, wenn das Seelenauge schon sieht, was das Körperauge noch nicht zu sehen im stand ist? Die Kalendermacher machen den Kalender, der liebe Gott das Wetter! Stecke ein Licht an, wenn die Sonne scheint; kannst du das Licht sehen? Greife auf der Laute, wenn die Glocken tönen; kannst du hören? Wenn's gut schmeckt, verdaut man auch gut! Jede Empfindung, die das Leben unterbricht, ist Schmerz; die Leben ins Leben bringt, ist Freude! Der Tod ist Beförderung des Lebens! Der Tod hat auch sein Sonntagskleid. Alte Leute in Doktorhänden, wären sie sind von der natur und im wasser stehen! – Es geht eine Zeitlang: allein nicht lange. Viel Köche verderben den Brei. Bei sieben Künsten geht man betteln, bei einer kann man Altmeister werden. Gott der Herr hat in jedem Dichter sein Feuer und Herd! O Jerusalem! Jerusalem! die du tödtest die Propheten und steinigest die zu dir gesandt sind, wie oft hab' ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne versammelt ihre Küchlein unter ihre Flügel, und ihr habt nicht gewollt. Und es werden Zeichen geschehen an der Sonne, Mond und Sternen, und auf Erden wird den Menschen bange sein und werden zagen, und das Meer und die Wasserwogen werden brausen, und die Menschen werden verschmachten vor Furcht und Warten der Dinge, die kommen sollen auf Erden; denn auch der Himmel Kräfte sich bewegen werden. So seid nun wacker allezeit, und betet, dass ihr würdig werden möget zu entfliehen diesem allen, das geschehen soll, und zu stehen vor des Menschen Sohn. Sollte Gott nicht retten seine Auserwählten, die zu ihm Tag und Nacht rufen, und sollte Geduld darüber haben? Ich sage euch: er wird sie erretten in einer Kürze! In der Welt verschlingen die sieben fetten Kühe die sieben magern; in des Träumers Pharaonis Traum umgekehrt! – Wo ist deine Schöne, du heilige Stadt, wo dein Glanz, du Gotteshaus, wo dein Allerheiligstes, die L a d e des Bundes? Wehe, wehe, wehe deinen Toren! Wehe deiner Feste! Wehe dem Tempel! Wehe über diess Wehe! Diess letzte Wehe! Wehe auch mir! Mine traf mich, wie jenen Weherufer auf Jerusalems Mauern ein römischer Pfeil, in Schlangengift getaucht. – Wehe auch mir! – Wie es zischt in meinem kochenden Busen! Labung! Labung! – Meine Zunge verdorrt in dieser Qual! Essig und Galle! O Gräuel der Verwüstung an heiliger Stätte! Fliehe auf den Berg, der du im Tal bist! Stürze in den Abgrund, du, der du dich vor den Wolken bückst! Wer auf dem feld ist, kehre nicht um, seine Kleider zu holen. Wer auf dem dach ist, in blossen Füssen, stürze nicht herab, um einer Verkältung zu entweichen! Wehe, wehe der Schwangern, die eine Tochter trägt! Wehe der Säugenden! Sie sterben dahin in fremden Landen! und keine Milchschwester singt ihnen das: G e h a b t e u c h w o h l . Keine Gespielin streut Blumen auf ihr Gebein. Minens Stätte ist in Curland nicht mehr! Der Mond, seht ihr denn nicht! Scharlach! Zeter! Der Komet, Gottes angebrannter Wachsstock! Er kommt! er kommt, uns anzuzünden! Ha! da brennt die Erde, und der sie anzündet, verbrennt sich die Finger, wie mein Seliger, da er Licht! Licht! Licht! rief, und tot! tot! alles tot! – Was ist der Tod? Die Saite platzt an der Harfe, die ist leicht bezogen und gestimmt. Der Würgengel mit seinem letzten Wehe! Ich bin vor dem gestrengen Richterstuhl verklagt, citirt vorNein, da kommt ein heiliger Engel, der Gnade bringt, Gnade für Recht! Und Minens Mutter! Und sie singen eine Terz tiefer: Gnade! Gnade!

drei Tage vor ihrer Auflösung, oder ihrem Auflösungsanfang, verliess sie die Gabe der Weissagung, der Geist der K r a f t und M a c h t . – Die Flügel der Morgenröte sanken. – Sie kam auf die Beine. Der Sabbat hatte sich geneigt, und sie war wieder ein anderer Tag in der Woche; indessen doch kein Sonnabend mehr! – Diese Gemütsfassung verlor sich so allmählich, so weich. – Merklich ward dieser Verlust durch den Umstand, dass meine Mutter sehr gelassen anstimmte:

"Was willst du, armes Leben!"

Ja wohl, armes Leben, auch bei der Gabe der Prophezeiung, und bei dem geist der Kraft und Macht! Es war dieser Tag Minens Sterbetag. Auch an diesem Tage beobachtete meine Mutter ihre Fasten so streng, als ob sie den Tag vorher bei einer Hochzeit auf den Fasttag pränumerirt hätte. – Sie fühlte, wie sie