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. hatte ausser der Pastorwittwe auch an ihn im Testamente gedacht. Sie hatte sich, nach ihrer Wallfahrt zu meiner Mutter, um alle Umstände, die Minen und mich betrafen, erkundigt. "Auch Hermann jährlich fünfzig Taler Alb.," hiess es in ihrem mildtätigen Testamente. Mir hatte sie ein schwarzes Kleid nebst Kragen und Mantel legirt, wenn ich Prediger werden würde, welches ich, so unbeträchtlich der Umstand ist, hier anzumerken nicht ermangeln kann!

Meine Mutter ward von Tage zu Tage schwächer; der Geist immer noch willig, tätig, kräftig, das Fleisch schwach. Ihre Einbildungskraft nahm so zu, dass sie hier schon wie ein Geist aussah. Aus der geschichte mit der Frau v. B. ergibt sich, dass sie zu Bette gewesen. Sie war wirklich so, dass sie sich nicht auf den Füssen halten konnte. Seht nur, meine Lieben, sagte sie, wie sehr ich beweise, dass mein Geist unsterblich ist! Da bin ich durch den, der mich mächtig macht, stärker als Socrates, von dem so viel gemacht wird, und der doch, wie man mir erzählt hat, einen Hahn opfern liess, um seine Religionsgrundsätze zu läugnen. So muss ein Hahn immer bei der Verläugnung sein! Ich lebe auf, indem ich sterbe. Mein Geist fliegt, indem mein Körper sinkt! –

Besonders war es, dass meine Mutter über mich, wie bereits bemerkt worden, auch keinen einzigen laut prophezeite! Nach ihrem letzten Briefe, den ich extractsweise meinen Lesern mitgeteilt, war alles still über mich. Zuweilen dachte sie meiner im Fluge; wer kann aber im Fluge treffen? Die Pastorwittwe konnte es nicht. S i e b e n Tage vor ihrem Ende, wie diese Krankenwärterin mit den fünfzig Taler Alb. Pension mir berichtet, war der Geist, wie soll ich's nennen? noch stärker. Kann es nicht heissen, als je? Sie war in einer wirklichen Ekstase, wo zuweilen Funken fielen; allein sie fielen auf kein gut Land, schreibt die Pastorwittwe, sie zündeten nirgend. Es war alles so in die Luft. Die gute Frau hat mir davon eine probe mitgeteilt, die ich so wiedergebe, als ich sie empfangen habe. Meine Leser wissen, wie sehr ich für eigene Worte bin!

Alles, was Odem hat, liebt, und was keinen hat, möchte gern lieben. Es sehnet sich nach Liebe. Bein von meinem Bein, Fleisch von meinem Fleisch. Habt ihr nicht gemerkt, wie sich manches Gewächs an einander schlingt, so fest als ein junges Weib an ihren Gatten, und was sich nicht umschlingen kann, berührt sich, wenn ein sanfter Wind es bewegt? Wie es sich küsst! Wonniglich ist der Kuss, den der Zephyr der Rose stiehlt. Ist er der Rose treu, ist er der Herr v. E., der barbarische Stutzer? Ist's ein Stutzer, der zerschmilzt, der wie ein Flötenton vergeht? Wie Zucker in der Tasse? Was ist die Liebe? Der Atem Gottes! – Fasst ihn doch auf, so warm er da kommt aus seinem mund! Heilig, heilig, heilig ist Gott, der Herr Zebaot, und alle land sind seiner Ehre, seiner Liebe voll! Entweder wirklich lieben oder lieben wollen, nach Liebe sich sehnen; sonst verlohnt's nicht, dass ein Hund ein Stück Brod von uns nimmt. Die Hunde nehmen's auch nicht vom Lieblosen und Falschen. Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht, so wär' ich ein tönend Erz und eine klingende Schelle. Wenn man dem Huhn nicht ein Nest bereitet, legt es in die Nesseln. Auch wasser wird Lauge, wenn es durch Asche geseihet wird. Seht! seine Einfalt erhebt den Witz, wie Schatten das Licht. Wenn die natur ein Chorhemde anzieht, ist sie das Christentum. Zergliedere, und du findest an der schönsten Tat Flecken oder Runzeln oder dess etwas. Sie hat Sommersprossen, eine Blatternarbe; allein im Ganzen schön! So geht's auch mit aller diesseitigen Heiligkeit! – Die Liebe ist kein Porträtmaler. Sie malt die Seele! Sie malt den ganzen Menschen! Das Gute ist zu hören, das Schöne ist zu sehen! Das Schöne erscheint von vorn, das Gute von hinten. Mine ist zu sehen und zu hören; mein Schutzengel dessgleichen, wie er da um mich wallt, unsichtbar dem Werktagsauge! Der Mond scheint hell, der Tod reitet schnell, ihr lieben Leutlein graut euch auch? – Singst du, Holde? Apfelblüten vom Baum des Erkenntnisses Gutes und Böses waren auf ihrer Wange; jetzt Blüten vom Baum des Lebens. Mine singst du? – Hört sie singen, sie ist des alten Herrn Tochter nicht mehr, sie ist meines Mannes Tochter und ihrer Mutter Tochter! Wie schön sie singt! "Es ist das Heil uns kommen her!" – Wie eine Lerche wölbt sich ihr Gesang, wie eine Wachtel fällt er! Da steht sie! – Wie ein Stern über meinem haupt! O des schönen Morgensterns!

Also werde' ich auch stehen,

Mein Gott aus diesem Jammertal!

Nun ruhen alle Wälder, von P a u l G e r h a r d . Nun wachen alle Wälder, von F e u s t e l und R i e d n e r , die beide in Maskopie die Wälder aufgeweckt. –