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dannen, wiewohl unbesorgt wegen des Urteils. – Des folgenden Tages, da man das Leichenbegängniss fortsetzen wollte, richtete sich der fromme Mann wieder auf und rief: Das Verhör ist vor dem Richterstuhl geschlossen! – Die Leichenbegleiter und das Volk verliessen diessmal bänger die Leiche. – Ein Verhör, dachte man, doch vielleicht um dem frommen Mann desto gründlicher zu lohnen! – Den dritten Tag, wie begierig war alles, den Spruch der Gnade zu hören, das: "Ei, du Frommer!" Allein Weh! Weh! rief die Prophetin; sie richtete sich so in die Höhe, dass sie mir ungewöhnlich gross vorkam; der für fromm Gehaltene sprach mit einem Tone, mit einem Tone: "Ich bin verdammt!" Die Amazonin fiel in Ohnmacht. – Ein Weib, auch im Amazonenkleide, ist doch nur ein unausgebackener Mann! – Die Prophetin ermunterte sie durch das schöne Lied: "Du stehest, Mensch, wie fort und fort." Diess Lied half zusehends. – Sie drückte meiner Mutter die Hand. Nicht eher, als dort, wünsche ich Sie zu sehen, rief sie laut, recht als ob sie es dazu anlegte, dass auch die Unsichtbaren es hören möchten. – Sie nahm noch ausser ihrer Kammerjungfer einen ihrer Bedienten in den Wagen, und hat keinen Scrupel mehr, und geht nicht weiter im Amazonenkleide. – Den dritten Tag nach Ihrer heiligen Mutter. Hintritt fiel Frau v. B – in heiler Haut in eine dreistündige Ohnmachtund erwachte wieder so, als wenn man ausgeschlafen hat. Sie hat wirklich etwas, man weiss nicht was erfahren, wovon sie aber bis in ihren Tod, der kurze Zeit darauf folgte, keine Sylbe entdeckt hat. Ich habe diesem Vorfall eine Pension von fünfzig Reichstaler Alb. zu danken, die sie mir mit der Bitte legirt hat: diesen Sonntag, ihr zum Andenken, nicht zu vergessen; und das will und werde ich erfüllen, bis auch ich wissen werde, wie es in der Geisterwelt stehet. Wie mir vorkommt, werde ich Sonntags sterben, am Pensionstage. Fr. v. B – ist sehr sanft gestorben. Ich konnte wegen Selbstkrankheit bei ihrem Ende nicht sein.

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Des alten Herrn muss ich bei dieser gelegenheit auch gedenken, sowohl meiner Mutter, als der Frau v. B – wegen, die nach Geistern ausging, und am Ende doch zu den Seligen gehörte, welche nicht sehen und doch glauben. Meine Mutter hatte ihn sogleich, nachdem sie von Minens geschichte unterrichtet war, citirt, und nachdem sie ihm Himmel und Hölle vorgestellt, seinem Herzen die Wahl überlassenob Himmel? oder Hölle? Herr v. E – hatte, um sich aus der Schlinge zu ziehen, den Hermann völlig verlassen. Magdalena aber schien, um einen Literatus zu heiraten, ihn nicht aufgeben zu wollen. Er schien wirklich Minens Andenken und der Zurückerinnerung an ihre Mutter den Gedanken dieser Heirat völlig geopfert zu haben. N o t h , sagte meine Mutter, hält kein G e b o t ; wenn ich Ihnen aber Nahrung und Kleider verspreche, so lange ich lebe! versteht sich. Hermann machte Busse und Glauben durch das gute Werk tätig, D e n e n zu entsagen. – Nach der Zeit t r ö s t e t e sie den Hermann; darf ich mehr bemerken, um an den Tag zu legen, dass der tochterlose Hermann wirklich Reue und Leid über seine Sünden getragen? Sie hatte ihm alles aufgedeckt, auch was er an der Curländerin verschuldet. Er ging krumm und sehr gebückt; den ganzen Tag war er traurig. – Der Tremulant war sein Hauptzug. Seine grösste Strafe, wie meine Mutter bemerkte, war die Furcht vor dem tod; nicht weil es ihm in der Welt gefiel, sondern weil er sich fürchtete, seinem weib und Tochter unter die Augen zu kommen. So war unser B e k a n n t e r voll Angst, seinen Sohn und Charlotten zu sehen.

Eines Tages, da meine Mutter ihn in tiefster Schwermut fand, welches sie zwischen elf und zwölf in der Nacht nannte, nahm sie ihn bei der Hand: Getrost! sagte sie. L u t h e r liess sich zu seiner Zeit gegen einen traurigen Organisten so aus: Lieber Matia, wenn Ihr traurig seid, und es will überhand nehmen, so sprecht: Auf, ich muss ein Liedlein schlagen auf dem Regal, das Te Deum oder Benedictus. – Gehe hin, tue dessgleichen! Hermann, so betrübt er war, konnte nicht umhin, anzumerken, dass er nie Organist gewesen, sondern nur ein Post- und Präludium hie und da gehalten, wenn es vierzehn Tage zuvor bestellt worden, womit es meine Mutter bewenden liess, die um alles in der Welt willen ihm nichts vom kalten Brande gesagt hätte. Sie kränkte seine Literatusehre nach Minens tod nicht weiter. Diese Welt, lieber Hermann! sagte sie, ist ein Präludium; die künftige das Textlied! – Ja wohl, erwiderte er mit einem tiefen Seufzer. So lebte Hermann nicht viel anders als ein Cartäuser, hatte nicht Lust und Liebe mehr, seitdem er den Kinderunterricht aufgegeben, seine Handwerke zu treiben; obgleich er noch vom Schneider die Gewohnheit beibehalten, auf den Tisch zu klopfen, vom Schuster das weite Ausholen mit den Händen, und vom Töpfer das beständige Wackeln mit dem fuss. – Die Frau v. B