hatte nie Kinder gehabt. Man sagt, viele Kinder schwächen die Weiber an Leib und Seele, und wenn man manche alte Jungfer darüber zu Rate zieht, sie sei Durchlauchten, hochgebornen, hochwohlgebornen oder bürgerlichen Standes, findet man zu dieser Anmerkung Bestätigung. – Ihre Neider behaupteten sie wäre keine Frau, sondern ein Mann, obgleich ihr verstorbener Gemahl nie darüber Klage geführt. Diese Frau war eine Jüngerin vom seligen Herrn v. G –, ohne dass er es dazu anlegte. Sie hatte wider manches Scrupel, und trat dem Herrn v. G – in allen seinen Meinungen bei, ohne zu bedenken, ob ihre Scrupel dadurch gehoben wären oder nicht. Nach der Zeit fing sie selbst an aus Büchern zu schöpfen. Das sind nie Quellen für Weiber! Bei ihnen kommt aller Glaube durch die Predigt, und siehe da! sie hatte von der Existenz der Seele nach dem tod solche Hirngespinnste zur Welt gebracht, dass es ihr besser gewesen wäre, wenn sie Kinder gehabt hätte, wenn sie ihr gleich nicht geraten wären. Hirngespinnste sind oft schädlicher als ungeratene Kinder. Hiezu kam, dass sie keinem diese Meinungen mitteilte, sondern alles mit sich selbst berichtigte. Sie hatte eine grobe stimme, sonst aber war sie fein, ausgenommen Nase und Augen, die ungewöhnlich gross waren – und doch war etwas Fräuliches in beiden Stücken. Dass sie nicht zu unserm Kirchspiel gehörte, muss ich noch bemerken. Der Prediger, der ihr angewiesener Seelenhirte war, schien keine Seelenweide zu verstehen, am wenigsten die Gabe zu haben Scrupel zu heben und alles wieder auf gut Weideland zu treiben. Diese Frau v. B. – hatte für meinen Vater viel achtung gehabt; obgleich er durch das zehnjährige Interregnum von der für ihn gefassten guten Meinung viel verlor. Wo sie nur von einem Zeichen hörte, erschien sie, und immer im Amazonenhabit. Sie war eine geborne Amazonin. An Swedenborg, den Geisterseher, hat sie öfters Briefe erlassen, auch an einige – – Jetzt hörte sie vom benachbarten Phänomen. "Liebe Frau Pastorin! ich komme zu sehen, wie Sie sich befinden." – Besser als je! "Das höre ich!" und nun alles einsylbig: Je nun, mag, nun denn! Acht Siehe doch! und dergleichen. Die Frau v. B – hatte meine Mutter für eine einfältige gute Frau gehalten. Sie war wegen ihres Singens weit und breit bekannt. Die Frau v. B – sang gar nicht. Sie war für keine Musik. Meine Mutter kannte die Frau v. B – wegen ihrer Heterodoxie, und merkte sogleich, dass es auf ein Zeichen würde abgesehen sein. Sie fertigte sie indessen so kurz und gut, als Vater Abraham den reichen Mann, ab, da er seiner fünf Brüder halber eine Erscheinung begehrte. "hören sie Mosen und die Propheten nicht, so werden sie auch nicht glauben, wenn jemand von den toten auferstünde." Mit der Nachricht, wer Pastor werden würde, war der Frau v. B – am wenigsten gedient, und da sie aus zwei bekannten Dingen ein drittes unbekanntes herauszubringen gar wohl verstand, nicht minder gar wohl wusste, dass das Glück allem Ausserordentlichen zur Seite ginge, so ward sie so wenig überzeugt, als die Pharisäer und Sadducäer und Schriftgelehrten. Meine Mutter hatte indessen etwas im Gesicht, was der Frau v. B – auffiel. Die Festigkeit, mit der meine Mutter alles behandelte, machte die Frau v. B – auch ohne erhaltenes Zeichen aufmerksam. – Sie nahm die Assignation auf Mosen und die Propheten an, und bat sich die erlaubnis aus, künftigen Sonntag wieder zu kommen. Wenn man den Löwen vorgeworfen werden soll, stirbt der grösser und ist mehr als Märtyrer, der sich ihnen gelassen anbietet, als der sie reizt. – Die Frau v. B – zog ihre Strasse, und da sie wohl einsah, dass meine Mutter nicht mehr lange hier wallen würde, entschloss sie sich etwas auszuführen, wofür sie bis dahin zurückgebebt. – Sie kam. – Noch ein klein Geläute zuvor, wegen des Sonntags. Seit der Zeit, dass meine Mutter eine Prophetin geworden, war sie des Sonntags mehr als sonst in diesem Prophetenelement; obgleich sie sonst so sehr für den Sonnabend war. – Sie kam, habe ich schon gesagt. Beide sahen es sich an, dass sie heute ausserordentlich wären. Es war bei beiden Sonntag – ich will die Pastorwittwe sich selbst überlassen.
Ich wünschte wohl mit Ihnen ganz allein zu sehen, sing die Frau v. B – an. "Kann nicht sein," antwortete meine Mutter. "Gott ist bei uns, und meinen Schutzengel kann ich nicht gehen heissen. – B l e i b , L i e b e r !" Dieses kurze: Bleib, Lieber! zu etwas, das die Frau v. B – nicht sah, würde sie sonst zum lachen gebracht haben; jetzt wandelte sie kein lachen an. "Auch diese, meine Collegin," fuhr die Selige fort, "darf nicht von mir. Sie hat mein Herz und weiss meine ganze Sterbensgeschichte." Nach einigen Erholungsaugenblicken versicherte die Frau v. B –, dass sie eine Bitte an die Selige hätte, die sie wohl überdacht. – "Im Namen Gottes," erwiderte die Selige. Ich glaube, fuhr die Frau v. B – fort, an Gott den Vater, allmächtigen Schöpfer himmels und der Erden,