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verknüpftesten Rätsel, die intrikatesten französischen Schlösser, ohne Dietrich gleich offen. – Sie hätte einem Superintendenten was zu raten aufgeben können, von Rahels Gesichtsfarbe zum Beispiel, und von der Seifenkugel des Pontius Pilatus.

Unten noch ein Rätsel, das ich lösen zu können wünschen würde. Hier noch die Anmerkung, dass der Candidat mit den langen Manschetten meines Vaters Platz erhalten. – Ich glaube, meine Leser haben, unerachtet des dreigliedrigen Segens und der langen Manschetten, die eherhin nicht von köstlicher Leinwand waren, nichts dagegen.

Nicht eins aus dem Kirchspiele konnte sich behelfen, ohne von meiner Mutter Abschied zu nehmen, und keines ging von ihr ohne Andachtsröte (wie die Priesterwittwe sich ausdrückt) auf den Wangen. Man brachte die Kinder zu ihr, damit sie sie einsegnen möchte, und gesegnete Weiber befragten sie: ob's ein Sohn oder Tochter wäre? über mich, sagte sie, wollte sie nicht den prophetischen Zügel schiessen lassen, so gern ich eine probe ihrer Kunst aus der ersten Hand gehabt hätte.

Ausser der Lehre von den vier letzten Dingen war sie jetzt über die Lehre von den Engeln unerschöpflich geworden. Der Spruch, erste Korinter im eilften Kapitel der zehnte Vers: Das Weib soll eine Macht auf dem haupt haben, um der Engel willen, war ein Text, worüber sie sich ausliess, wiewohl ohne ihn zu zeichnen. Sie zeichnete jetzt überhaupt keine Spruchstellen mehr. Da sie indessen, auch selbst als Prophetin, ortodox blieb, und die Kinder, so man zu ihr brachte, nur zweigliedrig segnete: so blieb es bei der gewöhnlichen Erklärung, nach welcher H a u b e das Gegenteil von Hut anzeigt. Dieser deutet Freiheit an, jener Unterwerfung unter den Willen des Mannes, und sollen also die Weiber Schleierhauben tragen, um die Engel durch gelegenheit zur Untreue nicht zu betrüben. Die gute Predigerwittwe fand diese Erklärung so überschwenglich, dass ich ihr zum Andenken sie hier einrücke! Wie mag diese Spruchstelle doch ihr Ehegatte seliger erklärt haben? Vermutlich legte er sie durch heidnische Aufpasser in den Versammlungen der Christen aus.

Die Engel sind die treuesten Geschöpfe, die Gott geschaffen hat, sie sind rein und selig.

Die Auslegung, dass die Weiber darum Hauben zu tragen angewiesen worden, damit sie die Engel nicht ansehen möchten, um sie zu begehren, war meiner Mutter ein Stein des Anstosses. – – Sie überlegte alles mit ihrem Schutzengel, und war so sehr der Meinung, dass jedem Menschen ein Gefährte zugeordnet wäre, der ihn in der Jugend und im Alter begleite, dass sie nichts davon abwenden konnte. In den Jahren, sagte sie, wenn der Mensch im eigentlichen Sinne Mensch ist, wie selten ist er da eines Engels wert? Die Engel sind nicht unsere Diener, wiewohl etliche des Dafürhaltens gewesen, sondern unsere Vormünder, unsere Curatores. Wie muss es sie verdriessen, dass eine Gestalt, die der erste Adam und der zweite Adam getragen, so vernachlässigt wird! Aus der göttlichen Uniform, o! was ist aus ihr worden! Die Engel lernen von uns die Auswicklung eines Geistes, den Einfluss des Geistes auf den Körper, und dieses auf jenen! Sie sehen, was es mit einem sublunarischen Körper für eine Bewandtniss habe, und wie er einem geist steht. Sie sehen die Ungemächlichkeiten, die ein Eigentum vor einer Miete, die ein eigenes Haus vor einem geheuerten hatte. – O was ist vom Menschen zu lernen! Vielleicht ist in ihm aus jedem Hauptweltstück etwas! – Er ist die Welt im Register! Man kann sie bei ihm nachschlagenund wenn er stirbt, welcher neue Unterricht! Die Trennung, das Ueberbleibsel ausser der Seele, das Hemde vom Menschen, von köstlicher Leinwand. – Wir sind also, ihrer Vormundschaft unbeschadet, ihre Lehrer! Hier sind wir Engel und Menschen in einer person! Wer sagt, dass wir sterben, drückt sich uneigentlich aus. Wir sind unsterblich.

Kindlich-grosse Mutter! Du schlecht und rechtes Weib! Selig bist du, selig, dreimal selig ist dein Kind, das Christus unter seine Jünger zum Muster stellte. Jesus rief ein Kind, und stellte es mitten unter sie und sprach: Wahrlich ich sage euch, es sei denn, dass ihr umkehret und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen. Wer sich nun selbst erniedrigt, wie diess Kind, der ist der Grösste im Himmelreich! Selig ist, der ein Kind wird, um dieses Kinderfreundes willen!

Gern hätte ich meinen Lesern ein Engelgespräch meiner Mutter mitgeteilt, welches wir andern Leute ein Selbstgespräch zu nennen gewohnt sind, das auf dem Teater ein Staatsfehler istindessen besprach sie sich mit ihrem Schutzengel in der Stille. Unsere Seele kennen wir nicht, und wollen die Engelnatur begründen? sagte ein Schriftgelehrter in der Gegend. Wir wissen in unserm eignen haus nicht, wer Koch oder Kellner ist, und wollen alle Einwohner jener Sterne zu Gevattern bitten? Allein meine Mutter widerlegte ihn nicht. Oft brach sie, schreibt die Pastorwittwe, mitten drein ab: was ich weiss, das weiss ich, und gab nicht undeutlich zu verstehen, dass sie mit ihrem Schutzgeist bekannt zu werden gelegenheit gehabt. Sonst wüsste ich auch nicht, wo sie alles her hätte von den sieben fetten und sieben magern Kühen künftiger Jahre; ob Söhnchen oder Töchterchen, und wer Pastor werden würde.

Es war in der Gegend eine Frau v. B – von sehr bekannter Einsicht. Sie