ermahnte mich mein Vater, dass ich mich auf die Teologie legen und mehr Fleiss als zeiter darauf verwenden möchte. Ein Geistlicher, fing er an, ist der glücklichste Mensch in der Welt. In seiner Seele ist beständig Frühling, wo es weder zu kalt noch zu warm ist. Die Leidenschaften kommen nie bei ihm in gewaltige Bewegung. Dinge der Zukunft sind seine Beschäftigung, und ein Mensch, der nicht von stand ist, kann keine bessere Lebensart als diese ergreifen, wobei er hoffen lernt. Er beklagte, dass er keine gelegenheit gehabt, die Grundsprache ex professo, wie er sagte, zu erlernen, segnete das Andenken des Conversus, der ihn jüdischdeutsch gelehrt hatte. Wenn's auch nur wäre, weil der Herr und Meister unserer Religion die hebräische Sprache geredet hätte, sollten wirs tun (nämlich hebräisch lernen) zu seinem Gedächtniss.
Wie vergnügt meine Mutter über diese teologischen Anstalten war, kann man sich sehr leicht vorstellen. Sie dachte nicht weiter an meines Vaters Vaterland, noch an den eingeäscherten Brief.
Lobt Gott mit Herz und mund
sang sie, und mein Vater sang den andern Diskant:
Für das er euch geschenkt;
Das ist ein' sel'ge Stunde,
Darin man sein gedenkt,
Sonst verdirbt alle Zeit,
Die wir zubring'n auf Erden,
Wir sollen selig werden
Und bleib'n in Ewigkeit.
Wie sehr sich alles im Pastorat nach diesem änderte, kann ich nicht beschreiben. Gegen die vorige Zeit war kein Stein auf dem andern. Alexander und Darius ward nicht mehr gespielt.
Mein Vater, der sehr für die Q u e l l e n war, lehrte mich die christliche Religion aus der Bibel, die wenigsten lernen sie draus, pflegte er zu sagen. Das, was dir abgeht, fuhr er fort, werden dir die Schriftgelehrten beibringen. Er schien selbst nichts mehr zu wissen, als was die Fülle seines Herzens und eine andächtige Lesung der heiligen Schrift in ihm gewirkt hatte.
Von seinen vorigen Heldentaten blieb ihm noch ein gewisser Ausdruck; er nannte ihn adelich – er war feierlich dem Gedanken treu und nicht jedermanns Ding. Dem Adel und dem weltlichen Arm blieb mein Vater getreu bis in den Tod. Ich nahm täglich in Kenntnissen der Schrift zu, wenigstens war mein Herz ein Schriftbefolger. Meiner Mutter zu gefallen, musste ich meines Vaters Kragen anlegen, und ein andermal seinen Mantel, und dann wieder ein anderes geistliches Kleidungsstück anpassen, damit sie sähe, wie es mir liesse. Eines Tages, da mein Vater viel Beichtkinder hatte, und ich meiner Mutter zu Ehren bis auf die neue Perücke meines Vaters zum Geistlichen investirt war, fing der Gedanke, der schon oft wie die Sonne auf- und untergegangen war, hell zu scheinen an. Ist es denn nicht möglich, sagte sie, dass ich dich, ehe du auf Universitäten ziehest, predigen hören kann?
Die Brodstudien haben mit den Handwerkern alles nur mögliche gemein, und meine Mutter hatte nicht ganz Unrecht, dass sie auf ein Gesellenstück bestand, ehe ich losgesprochen werden sollte. Es war ausgemacht, dass ich über einige Zeit als Geselle auf meine Künste und Wissenschaften reisen, oder, wie man es in Curland nennt, a u s r e i s e n und das Haus meines Vaters verlassen sollte. Mein Vater war einen Sonntag gegen Abend recht vergnügt, und überhaupt pflegte er nach abgelegter Sonntagsarbeit, wie ein Taglöhner alle Abend ist, zu sein. "Das," sagt' er selbst, "hat ein Taglöhner vor mir voraus, dass er so alle Abend ist; allein meine Freude ist eine Sabbatsfreude."
Dieser Sonntagsfreude bediente sich meine Mutter, die ihm um diese Zeit die Gesichtsbewegungen seiner Zuhörer zu erzählen pflegte, die sie bei dieser oder jener Stelle seiner Predigt bemerkt hatte.
Was denkst du, mein Lieber! fing sie an, wär' es nicht gut, dass unser Sohn Alexander Einhorn (Alexander sagte mein Vater), ehe er uns verlässt, eine Predigt hielte? Eine Predigt? sagte mein Vater, und schwieg stille, nicht aber, als ob er abbrechen wollte, sondern weil er sich nicht so geschwinde auf eine Antwort besinnen konnte. Da nun meine Mutter sein Stillschweigen eben so verstand, klopfte sie zum andernmal an, und balgte sich mit allen Zweifeln meines Vaters, die ohnedem alle sehr leicht nachgaben, weil er selbst keine Lust zu zweifeln hatte. Der alte Herr beging hiebei einen tückischen Streich, denn da ihn meine Mutter über diese Sache ebenfalls zum Vertrauten gemacht hatte, schlug er ihr den f ü n f t e n V e r s aus dem z e h n t e n K a p i t e l des z w e i t e n B u c h s S a m u e l i s zum Text vor. "Ich will's vortragen, Herr Cantor Herrmann," sagte sie. Sie hielt Wort, und da man nachschlug, fanden sich die Worte: "bleibet zu Jericho bis euch der Bart gewachsen ist, so kommet dann wieder;" das war gewiss mehr als eine Schneidernadel! Dominica III. post Epiphanias ward beschlossen, dass ich Dominica Judica meine erste Predigt in unserer Dorfkirche ablegen, oder, wie es meine Mutter in der Sprache ihrer Ahnherren nannte, m i c h h ö r e n l a s s e n s o l l t e . Ich entwarf die