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alle Glieder. Sie wusst' es, dass er eingetreten war und ging heim. Die Nachbarin starb in wenigen Stunden, um bei Minen Gesang und Manna nicht zu versäumen. Meine Mutter ward krank, ohne dass sie und Dr. Saft wussten, was ihr fehle. Sie starb an der Einbildung, wenn ich mich nicht irre, an der mehr Leute sterben, als man glauben sollte. Dass viele daran krank sind, ist eine ohnedem bekannte Sache. Sie hatte, wie der Grafin Preussen, das himmlische Heimweh, nur mit dem Unterschiede, dass es beim Grafen eine lange zehrende, bei meiner Mutter eine hitzige Krankheit war. Ein Lied war ein Springwasser, das ihr zuweilen Kühlung bot, und mit welcher Inbrunst sang sie! Ihr Trost war ohne allen Aufwandsie sah nicht in die Sonne. Der Mond war ihr Planet, der Planet eines Planeten. Wer kann in die Sonne sehen! sagte sie. Der Mond hat so was Menschliches. Lass sie, die hochweisen Herren, nur immerhin behaupten, fuhr sie fort, den Baum des Erkenntnisses Gutes und Böses schon in dieser Welt gefunden zu haben; es ist wahrlich eine Schlange, die sie verleitete. Die Regeln können zwar schlechte Dichter vom Parnass, oder besser vom Sinai zurückhalten, haben sie aber je einen gemacht? Die Weisheit dieser Welt, was ist sie beim Licht der reinen Wahrheit? Werdet wie die Kinder. Wenn andere lehren: Zieht die Kinderschuhe aus, lehrt uns wahre Weisheit: Zieht sie anund noch bis jetzt, fuhr meine Mutter fort, hab' ich mich beim lieben Mond und bei den Kinderschuhen wohl befunden. Was sie über ihr Herz bringen konnte, das konnte sie auch mit der Vernunft reimen. Das Herz spielt auch wirklich weniger Streiche als die Vernunft. Die Vernunft ist eine Gemeinuhr, jeder schiebt ihren Zeiger; das Herz trag' ich bei mir. Je weniger der Mensch der Vernunft und dem Schicksal Blössen über sich gibt, je unüberwindlicher, je stärker ist er. Wenn ich schwach bin, bin ich stark, konnte meine Mutter sagen. Ihr Porträt war weibliche Schwachheit im Arm männlicher Stärke. Vater und Sohn können an einem Tage taufen lassen. Ein Pomeranzenbaum hat Blüten und Früchte.

In Betreff ihrer Krankheit, so verstellte sie nicht ihre Geberde. Schon bei meines Vaters Leben hatte sie eine alte Priesterwittwe, anstatt einer Diakonin, zu sich genommen, und v o n i h r h a b ' i c h e m p f a n g e n , was ich meinen Lesern erzähle, und zwar so, als wär' ich Augenzeuge gewesen. Auf meine Sünde wider Mine steht Gewissensbiss in der vorletzten Stunde, pflegte meine Mutter oft zu sagen; die letzte aber, setzte sie hinzu, wird heiter sein. Es nagte und plagte sie noch heftig, wenn gleich sie bis auf die vorletzte Stunde überwunden zu haben glaubte. Sie sagte in einer schweren Stunde der Anfechtung, in Rücksicht der schon erkämpften und sie jetzt wieder fliehenden Ruhe, auf eine schreckliche Weise: wie gewonnen, so zerronnen; indessen wurden ihre hände bald, bald wieder gestärkt, die strauchelnden Kniee erquickt und der zerbrochene Rohrstab geleimtihre blutrote Schuld war dann wieder schneeweiss. Geschieht das am grünen Holz, geschieht das an Minen, die auch noch vor ihrem Ende manchen Gewissensknoten zu lösen hatte, ehe sie überwand; geschieht das an meiner Mutter, die Gewissensängste ergriffen; was will am dürren werden! Wer kann diess zu oft wiederholen? Wer es liest, der merke drauf! – Die Krankheit meiner Mutter behinderte sie ausserhalb ihres Hauses Amtsverrichtungen vorzunehmen. Sie kam seit dem H a n d s c h l a g e nicht mehr aus dem Pastorat; indessen liess sie ihre geistlichen Priesterhände nicht völlig sinken. Freilich mussten sie zuweilen gestützt werden, wie jenes Priesters, wenn er das Volk segnen sollte; indessen ward sie nicht lass, zu strafen, zu lehren und zu trösten. Jedes, das einen Stein auf dem Herzen hatte, kam zu ihr; jedes, das sich nicht finden konnte, suchte Rat, im Geistlichen und im Leiblichen.

Eine Besonderheit, noch denkwürdiger, als die schweren Worte, womit sie sich belastete! Sie hatte das Glück, dass sie einige verborgene Dinge, als z.B. Diebstähle, ans Licht brachte, die wie eine Pest im Verborgenen schlichen. – Sie sagt' es dem Schuldigen auf den Kopf zu. Wo sie anklopfte, da ward aufgetan. – Ich weiss nicht, schreibt die Priesterwittwe, ob die verschiedenen denkwürdigen Träume die Ursache waren, woher sie die ihr verliehene Gabe der Prophezeiung inne ward; nur das weiss ich, dass sie viel aufsehen gemacht haben würde, wenn sie diese Begeisterung eher verspürt hätte. Sie sagte der Frau v. –, sie würde einen Sohn zur Welt bringen, und doch ging die Frau v. – nur im fünften monat. Sie wusste, wer Pastor werden würde, und sagte diesem und jenem Dinge, worüber dieser und jener erstaunte. Selbst von den fetten und magern Kühen der künftigen Jahre liess sie Worte fallen, die manchen Kornjuden hätten bereichern können, wenn dergleichen ihren Worten getrauet. Wenn sie sich eine Wünschelrute gebrochen, würde sie alles Metall in ganz Curland und Semgallen auspunktirt haben. – Zuweilen kam ich auf den Gedanken, dass es ein Erbstück von ihrer seligen Mutter gewesen. Eine Blitzfrau! Die