. Sie setzte den Unterricht mit den Katechumenen fort, sie zeichnete die Beichtkinder an, ermahnte und tröstete sie, nachdem es der Seelenzustand wollte. Die vier letzten Dinge wussten die Kinder wie das Vaterunser. Vorzüglich besuchte meine Mutter die Kranken. Ehre den Arzt, sagte sie, da mein Vater auf ihr beständiges: d e r B r i e f , gab, sondern wider die ärzte declamirte; in Wahrheit, sie ehrte die ärzte; es sind Leibessorger, pflegte sie zu sagen. Obgleich sie die ärzte, und unter ihnen den Dr. S a f t , ehrte, spendete sie dennoch, wenn es die gelegenheit gab, Hausmittel aus, denen sie indessen, wider die Meinung meines Vaters, bei weitem nicht so viel als einem Saftschen Recept zutraute. Sie war sehr für alles Geschriebene, und stand jedem Saftschen Schwarz auf Weiss den Rang zu. Die Seelencur ging bei ihr über alles. Heiraten rechnete sie in gewisser Hinsicht auch zu Seelenmitteln. In allen Seelencuren war sie so glücklich, dass das ganze Kirchspiel zu ihr ein so unumschränktes Zutrauen hatte, dass die Gemeinde (den Adel nehm' ich aus, der zum teil sein Gespötte mit ihr trieb) sie sehr gern in die Stelle ihres Mannes zum Predigtamt berufen hätte, wenn nicht das Geschlecht ihr entgegen gewesen wäre. Selbst von der Nottaufe hatte sie ihre besonderen Meinungen, wobei die Herren Diaconi, Pastores, Präpositi und Superintendenten gewiss nicht den Kürzern zogen.
Was jene weise Frau zum Feldhauptmann Joab sagte, da er Abel bestürmte! "Vor zeiten sprach man: wer fragen will, der frage zu Abel, und so ging's wohl aus," das galt von meiner Mutter und ihrem Rate, den sie keinem entzog, der ihn begehrte. Das Pastorat blieb wie gewöhnlich lange erledigt, und meine Mutter hatte also gelegenheit, ihre Gaben in mancherlei Art unter die Kirchspielsleute zu bringen. Da zersprang ein Felsenherz, welches vieljährige Bosheit gehärtet hatte; da taute der Frost wie vom Märzschein auf, wenn sie ermahnte, wenn sie lehrte. Zwar hatte ein Benachbarter von Adel sich über sie gar lustig ausgelassen, dass sie ihm wie ein flügellahmer Storch vorkäme, der den Winter zurückgeblieben; allein diess war ihr kein Stein des Anstosses, kein Fels der Aergerniss. Rache war nie ihre Sache, wie sie sagte. Man fand das kunstlose Altertum, wenn man sie sah. Ihre sehr treuherzige Art zog ihr alle Herzen zu. Sie war keine Blendlaterne, die von allen Seiten zugezogen ist, sondern eine gläserne Lampe, die überall Licht zeigt, wo man sieht. – Eine Fackel war sie nicht und wollt' es auch nicht sein. Ein Dorfmädchen, das eine Hauptdichterin der Gegend war, sagte, dass ihre Worte die Herzen, wie die Morgensonne die Blumen, öffneten, dass sie dastünden wie die Blumenkelche. – Seht, so hat die natur selbst ihre Kunst. Es ist ein sehr bekanntes Sprichwort: "Wie die natur spielt!"
Einst träumte meine Mutter, dass Minchen sie auf ein himmlisches Vocalconcert einladen liess, bei welchem mein Vater, der wahrlich diesseitig, auch selbst nach dem Brande, nicht sehr musikalisch war und nur den zweiten Discant versucht hatte, eine Hauptstimme übernehmen würde. Ehe sie antworten konnte, war das Gesicht verschwunden. Diese Einladung blieb sehr lebhaft in ihrer Seele. Des tages auf diesen Traum ging meine Mutter, die Seelenbesorgerin, zu einer Kranken (es war die Mutter des armen kleinen Jungen, der seinen Milchtopf zerbrochen hatte und dem Minchen aus der Not half, indem sie behauptete, dass sie schnell zugegangen und da wäre der Topf hin gewesen). Sie hatte eine hitzige Krankheit; ein ländlicher Universalname aller Krankheiten. O meine Lehrerin, schrie ihr die Hitzigkranke zu, ich bin diese Nacht zu gast bei Minchen gebeten auf ein Gericht Manna, wo ich mit Abraham, Isaak und Jakob zu Tische sitzen werde. Gewiss werde' ich auch meinen Siebenjährigen finden, der den Milchtopf zerbrach. Der Liebe wird himmlisch gross geworden und schön ausgewachsen sein! Meinen Sie nicht, liebe Frau Pastorin? Meine Mutter hatte die Einladung auf Manna so getroffen, dass sie nicht antworten konnte. Nach ihrer Erholung entdeckte sie der Kranken ihre Einladung auf Gesang. – Ich habe aber nicht zugesagt, sagte meine Mutter. Und warum? die Kranke. Weil das Gesicht die Antwort nicht abwartete. Gut, fuhr die Kranke fort, so werde' ich die Antwort mitnehmen. Amen! sagte meine Mutter, um ein himmlisches Wort zu gebrauchen; Halleluja! die Kranke, und nun ward eine Todesstille, als ob beide sich zu dieser Einladung vorbereiteten. Nach einer Weile kamen sie wieder, wo sie stehen geblieben, und die Kranke konnte sich nicht drein finden, dass meine Mutter auf Gesang, sie aber auf Manna geladen sei, wobei meine Mutter ihr ins Geleis half. Seht nur, gute Nachbarin, da kann ja während dem Singen, sagte sie, auf Blättern vom Baum des Erkenntnisses Gutes und Böses und vom Baum des Lebens Manna herumgetragen werden. Wenn die Blätter gross sind, sagte die Kranke – Messer und Gabel und Teller, fuhr die Kranke fort. – Weg damit, versetzte meine Mutter. In der Auferstehung werden sie weder freien noch sich freien lassen, sondern sie sind gleichwie die Engel Gottes im Himmel. Die Kranke reichte meiner Mutter die Hand und mit ihr den Tod. Mit einem Schauer trat er ihr in