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ging in Gedanken in ein Cartäuserkloster und sah es ein, dass der Mensch, auch bei den besten Gesinnungen, unmöglich mir nichts dir nichts sterben könne. Wer kann wissen, wie oft er fehle?

Der Stamm Levi vermehrte bei dieser Selbstprüfung ihre Seelenleiden. Es war die Kohle auf ihrem haupt, welche die andern noch mehr aufglühte. Wer viel empfing, von dem wird viel gefordert. So viel Mund, so viel Pfund! sagte sie. – Zwar empfand sie leibhaftig, dass sie ihrem nächsten nicht wasser und Luft verkauft, dass sie kein verirrtes Schaf in ihren Stall getrieben und dem Nabot keine Spanne Acker abgegrenzt, dass sie keine Taubenkrämerin, keine Käuferin im Tempel gewesen. geben war ihr seliger als nehmen; indessen heulte doch die ganze Orgel.

Jacobs Ausruf: "Er lebt, ich will hin, ihn zu sehen," hatte ein grosses Zeichen, und so auch alle Stellen, wo Tod und Todtengebeine vorkamen. Die Lebenszeichen wurden zwar nicht verworfen, dazu war sie zu sanft; allein sie wurden so in die Bibel gesteckt, dass ihr Haupt nicht zu sehen war. Er hatte sich geneigt.

Mein Vater sagte, es sind alte verdiente Officiere, die man zu Commandanten macht. Ein dergleichen Commandantenpöstchen hatte auch ihr ehemaliger Liebling: "Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen." Der Inhalt der liebsten, ja einzigen gespräche waren die vier letzten Dinge: T o d , A u f e r stehung der toten, jüngstes Ger i c h t , E n d e d e r W e l t . Alle, die sie sonst gekannt hatten, fanden jetzt bei ihr eine so grosse Veränderung, als zwischen Tod und Leben, zwischen Wachen und Schlafen, und sie verbarg sie auch nicht, wie ehemals den Namen Melchisedech. Tür' und Tor standen offen bei ihr. Jeder sah den Unterschied, wie Tag und Nacht. Ich weiss nicht, wie es zugegangen; allein alle Augenblicke hatte sie einen schweren Namen im mund. Mein Vater wollt' ihr aushelfen; allein sie verbat's. Der Tod ist weit schwerer, als diese kauderwelschen Namen, sagte sie, und mein Vater schwieg bedenklich.

Tertullianus und Teophylactus in Ehren, fing sie

an, welche die Paradoxie gehabt, dass die geschichte vom reichen Mann und dem armen Lazarus eine blosse Parabel sei: die guten Herren haben gewiss keine Mine in ihrem dorf gehabt, und keinen Sohn, der Minen liebte und keinen Gewissensscrupel Minens Todes halber, sonst wären sie gewiss so ortodox gewesen, die Erzählung vom reichen Mann und dem armen Lazarus für das zu halten, was sie ist, für reine, gediegene Wahrheit. Hat denn Adrichomius sich nicht anheischig gemacht, des reichen Mannes Haus in Jerusalem zu zeigen jedem, wer es sehen will? Ich tue drum keinen Schritt, fügte meine Mutter hinzu, und eben so wenig mag ich das H u s t e n Christi sehen, das man irgendwo vorzeigt.

Das heilige Grab aber, das Grab Christi, o! wie gern hätte diess meine Mutter gesehen! Sie nannt' es ein geistliches Bad, einen geistlichen Gesundbrunnen, und wunderte sich nicht, dass so viele Seelenkranke, so viele Pilgrime dahin wallfahrteten! Mein Vater, der hiebei indessen seinen ritterlichen Gesinnungen ihren Lauf liess, hatte so wenig wider diese Reise etwas einzuwenden, dass meine Mutter wegen seiner Reisefertigkeit zuweilen fast auf den Gedanken gefallen wäre, ob nicht im heiligen land sein Vaterland sei, wenn die langen Manschetten ihr nicht im Wege gestanden. Vater und Mutter reisten also die Woche ein- bis zweimal ans heilige Grab, und legten sich, so oft sie sich auf diesen Weg machten, so pilgermüde, so gottselig nieder, dass ich wetten wollte, kein frommer Grabeswanderer hat eine bessere Nacht gehabt, als sie. Des Morgens waren sie zwar immer in –, ohne dass sie einen Türken gesehen; was tut aber der Türke zur Sache?

Wie ich mich verirre, ohne dass ich diese Reise nach dem gelobten land mitmache! Da bin ich wieder bei den vier letzten Dingen!

Wer meiner Mutter einen Liebesdienst erweisen wollte, musste von diesen vier letzten Dingen mit ihr sprechen. Wenn es auf sie angekommen wäre, hätte sie noch gern wenigstens ein letztes Ding darüber gewünscht, um noch mehr darüber reden zu können, wenn nicht die F ü n f , eine herzbrechende Zahl, darauf gefolgt. Mein Vater sagte ihr, von den vier Teilen Europens, von den vier Weltgegenden, von den vier Jahreszeiten, von den vier Altern des Menschen, von den vier Temperamenten und vier Elementen, lässt sich leichter reden, als von den vier letzten Dingen; allein meine Mutter liess sich nicht abwendig machen. Die v i e r t e Zahl war ihr Liebling geworden. Es hat zwar, sagte sie, kein Auge gesehen, kein Ohr gehört, und ist in keines Menschen Herz kommen, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben; wenn es aber gleich schwer ist, von einer Sache zu sprechen, die kein Auge gesehen, kein Ohr gehört, und die in keines Menschen Herz kommen: so haben wir doch Mosen und die Propheten, und im neuen Testamente bis geschichte vom reichen Mann und armen Lazarus, wo man, des Tertullianus und des Teophylactus unerachtet, mehr von den hauptletzten Dingen hört, als uns Vernunft und alle fünf Sinne zu lehren im stand sind.