1778_Hippel_037_365.txt

auf jedes Komma und Punkt übertreten hätte; allein er blieb dabei, er sterbe unschuldig. Nun sagte einer der vornehmsten unter den ehrwürdigen Herren, so wäre seine Behauptung, unschuldig zu sein, eine Todsünde; denn, setzte er hinzu, wenn wir alles und jedes getan haben, was wir zu tun schuldig sind, bleiben wir doch unnütze Knechte und des Galgens wert. Da der Deserteur aber diesem mann, der die Sache beim rechten Ende angegriffen zu haben glaubte, seinen Platz anbot, hiess es, dass sie so nicht gewettet hätten. – Kurz, weder Kaiphas noch Pilatus, weder das geistliche noch das weltliche Gericht konnten ihn von seiner Märtyrer-denkart abbringen. Der Tag des Todes erschien, und auch der ging ihm auf wie alle andern, ausser dass er, der Lust wegen, die er, wie er sagte, lange nicht genossen, ein Glas Wein frühstückte. Es ward zum Todesgang getrommelt. Fürchterlich! – Er ging ihn, da er sich bloss wegen der Lust präcaviren zu dürfen glaubte, getrost. Unterwegs fiel ihm ein Bettler ins Auge! Halt! schrie erich habe gesündigt! Gott erbarme sich mein, nach seiner grossen Barmherzigkeit! Sagt' ich nicht, fing der Geistliche an, der ihm das Geleite gab, kommt Zeit, kommt Rat. – Der Märtyrer kam so aus der Fassung, dass er kaum weiter konnte. Der kommandirende Officier, der an der armen Seele des Deserteurs wahren teil nahm, bewilligte ihm Zeit und Raum zur Busse, und war eben im Begriff, ihm den Soldateneid vorlesen zu lassen; der Geistliche, die zehn Gebote mit ihm nochmals kürzlich durchzugehen, und, wo es die Zeit zuliesse, auch noch die übrigen Hauptstücke des christlichen Glaubens: als es sich ergab, dass der verstockte Sünder über sein Kapitalverbrechen noch eben so, wie zuvor, dachte. Der Bettler hatte' ihn an eine Schuld erinnert, die er mitnahm! Zwar, fing er an war ich in Not; allein musst' ich darum dem armen alten Kerl das Brod nehmen? Er hatte vor fünf Jahren einem alten Bettler ein Brod genommen; (um meine Leser nicht aufzuhalten) der Bettler, dem unser Läufer begegnete, mochte nun entweder eine Aehnlichkeit haben mit dem, welchem er das Brod genommen, wie denn alle Bettler sich gleich sind, oder es mochte das Gewissen, welches, wie man sagt, auch seine fünf Sinne hat, bei dieser gelegenheit auf die alten, schon reponirten und bestaubten Acta gefallen sein; kurz, dieser kleine Vorfall brachte ihm zum Bekenntniss, ein grosser armer Sünder zu sein, und das Leben verwirkt zu haben. Nicht immer machen dem Menschen die schädlichsten, gefährlichsten Dinge den grössten Schmerz. Wer ist am Zahnweh gestorben, und wer kann diesen Schmerz, ohne zu murren, ertragen? Einer der Kameraden, den dieser Vorfall rührte, bot dem grossen armen Sünder einen teil von seinem Solde an, um dass Gewissen zu stillen; er nannt' es aus gutem Herzen: d e m G e w i s s e n w a s z u v e r b e i ss e n g e b e n ; allein der Läufer verbat's: Gib es, wenn du, ohne selbst zu betteln, es missen kannst, in deinem eigenen Namen. Ich will nicht prahlen! – Das Gewissen eines Sterbenden ist nicht so leicht befriedigtsagt' er nach einiger Zeit. Der arme Kamerad gab es, und hatte, acht ganzer Tage Bussund Bettage, das heisst: er konnte in acht Tagen keinen Tropfen Bier trinken; es war von seinem Solde. Der Prediger hatte kein Geld bei sich; der Stabsofficier hatte Familie, und die Subalternen waren noch Billardpartien schuldig.

Das Gebet des Bussfertigen war kurz, herzbrechend! Er hatte ein Weib und zwei Kinder in den Staaten eines andern Herrn, und hatte im besoffenen, oder welches gleich viel ist, im zu guten Mut, Handgeld genommen. Seine Capitulationsjahre waren abgelaufen. Weib und Kind wollten seine Schwiegereltern nicht ziehen lassen, und alsoSolch einen Schuss, der diesem Armen das Herz bohrte, Gott lass ihn mich nie mehr hören! – Seinem weib liess er noch durchs seinen Freund der ihm den Becher kalten Wassers auf dem Richtplatz reichte, zur Pflicht machen alten Bettlern, die so aussäen, wie der, der ihm begegnet und dem der Kamerad seinen Sold, sein täglich Brod gebrochen, ein ganzes Brod zu geben; auch wollte er, dass seine Kinder und Kindeskinder es täten immerdar. – – Das ist mein letzter Wille, sagte er, und hiemit gab er seinem Kameraden die Hand, her den Bettler, der witwe zur Regel, abzeichnete und ihn traf. – lebe wohl! Du warst ein ehrlicher Junge, und so stirbst du auch. – Der Kamerad durfte, des grausamen Herrn Fähnrichs wegen, nicht weinen, desto mehr hielt er aus. Es war ein Ausländer! –

Die Nutzanwendung.

Mine war das Alles meiner Mutter! was der Bettler dem Läufer. Sie war älter, als der Läufer. Es fiel ihr also manches genommene Brod ein! – Der Hauptdiebstahl war Mine. Not hin, Not her. – Das Sterbensgewissen ist nicht so leicht zu befriedigen. Bis auf die Curländerin lag alles schwer auf ihr. Eine verBei mir ist mehr als eine in Unordnung. Was bei manchem Rat ist, ist bei mir Unrat.

Meine Mutter