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wäre. Bei weitem bin ich nicht, was ich war. Eine Scheelsüchtige bin ich!

Das Kind muss einen Namen haben! Warum Winkelzüge? Freude an der natur ist das Probatum est eines guten Gewissens. Eine feurige Kohlensammlerin, eine Aufhetzerin ist die natur dem, der es mit dem Gewissen verdorben hat. Den Zorn kann man besprechen; allein den Schmerz nicht.

Das tränenschwere Veilchen gefällt meinem Auge am meisten, weil sich gleich und gleich gern gesellen, und wenn uns beiden der Tropfen entblinkt, sehen wir gegen Himmel, der am besten weiss, was uns nützet. Da zitterte gestern ein Tropfen auf einem Vergissmeinnicht, und der in meinem Auge bebte eben so lange, bis mein Auge zugleich mit diesem blauen Blümchen entbunden war, und beide Tropfen zusammenflossen zu den Füssen des schönen Vergissmeinnicht. M i n e , M i n e , M i n e ! Ich vergesse dich nicht, ich vergesse dich nicht!

Welke, gelbe Blätter, das ist meine Wonne, wenn sie abfallen, ich lese und höre Gottes Wort; allein ich lege keine Sylbe bei! Und je mehr ich mich fassen will, je ärger ist es. So geht's mit den Leidenschaften, sagte dein Vater, je mehr man drückt, je elastischer sind sie! – Ich, die ich keine Fliege auf dem rücken liegen sehen konnte, wenn sie an's Fenster prallte und sich den Kopf stiess; ich, die ich ihr aufhalf, obschon sie mich oft aus der Melodie sumsete, habe unschuldig Blut verraten. O M i n e ! Ist es Wunder, dass mir der Blütenschnee wie ein Leichentuch vorkommt? O, wann wird es von mir heissen: I c h l i e g e u n d s c h l a f e o h n e K u m m e r ! Wie lange soll ich noch fragen: H ü t e r , i s t d i e N a c h t s c h i e r h i n ? Wann ruft Gott der Herr in mein Chaos: E s w e r d e L i c h t , und e s w i r d L i c h t ? Wann singe ich im höhern Chor: D e r T a g v e r t r e i b t d i e f i n s t e r e N a c h t ?"

Das war die anhaltende traurige Lage meiner Mutter um Minens willen! – Geschieht das am grünen HolzDie gute Bussfertige! In ihrem Trostschreiben, das ich in seiner Länge und Breite mitgeteilt, so wie sie es in verschiedenen Absätzen, die sonst ihre Weise nicht waren, an mich erlassen, war nichts in der ersten Hitze geschrieben. Sie blieb so, bis in ihren Tod! – "Wer lebt so, wie er glaubt?" pflegte sie zu fragen, und darauf: "Das taten nur die Apostel," zu antworten. Wahrlich! sie lebte, wie sie glaubte. Sie tat, was sie sagte. Sie redete lebendig, sie handelte, wenn sie sprach. Jetzt war sie nicht mehr die Sanftfliessende! – Alle Augenblick schlug sie Wellen. Sie lag nicht still auf einer Seite. Sie riss das Deckbette.

Etwas über das Gewissen.

Man sei noch so fromm, noch so gut, wer hat nicht ein Wort, dem er nicht auswiche, wie meine Mutter, wiewohl meines Vaters halber: Melchisedech. – Wer hat nicht eine Handlung, an die er ungern denkt, und wer kann auch bei der sorgfältigsten Bemühung, ein unbeflecktes Gewissen zu behalten, beides vor Gott und den Menschen, vor allem Schaden stehen? Zwei Dinge sind uns not, Gewissen und Ruf. Dieser des nächsten, jenes unsertwegen. Das Gewissen aber verdient, nach der Meinung eines Weisen des Altertums, mehr Rücksicht als der Ruf. Dieser kann trügen; jenes nie. Beim Ruf fällst du in der Menschen hände; beim Gewissen in die Hand Gottes. Ich halte dafür, dass es zweierlei Gewissensarten gebe, ohne dem neuen gewissen Geist, den wir als eine Frucht eines guten Gewissens von Gott erwarten können, ohne dem göttlichen Diplom des Gewissens zu nahe zu treten, und auch ohne auf der andern Seite die Distinctionen von Vor- und Nachgewissen u.s.w. ungültig zu machen. Es ist ein Lebens- und Sterbens-Gewissen. Auch der redlichste Richter findet, ehe er von seinem Obern untersucht werden soll, noch Mängel, ohne auf ABC-Schnitzer, die nur ein Revisionsknäbchen rügen kann, Rücksicht zu nehmen. Auf die Frage, was ist die Freiheit? antwortete jener Weise: Am Sonnabend überdenkt jeder gute Haushalter die ss e r t , die auf den Missetäter wartete, wenn er nicht geflohen wäre. Mit der Desertion ist's so eine Sache. Es kommt alles auf den Contract an, den der Soldat eingeht. U n s e r m waren von den Capitulationspunkten nicht ein einziger gehalten, und doch sollt' er des Todes sterben. Bitter und gesetzt, wie ein Märtyrer, ging er zum Richtplatz. Die Märtyrer haben alle den Todesgang, als wäre nichts, Welt auf, Welt ab, ihrer wert. – Die Geistlichen hatten sich müde und matt bemüht, unserm Verurtelten zu beweisen, dass er alle zehn Gebote, und des Dr. Luters Auslegung obenein, bis