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der Herr hat's genommen." Wenn der Kelch noch nicht da war, mochte sie vielleicht gewünscht haben, er gehe vorüber; allein wahrlich, sie hat auch herzlich hinzugefügt: Nicht wie ich will, sondern wie du willt! Meine Mutter fand im diesseitigen Leben zwar Dornen und Disteln, allein auch Veilchen, Himmelschlüsselchen und Krausemünze. Sie hatte mit Schmerzen ein Kind geboren; allein dafür hatte sie auch einen Sohn. Dieser hiess zwar Alexander; allein er studirte Teologie. Ihr Ehemann sagte zwar nicht, wo sein Vaterland wäre; indessen war er doch rein und lauter in Lehr' und Leben. Zwar konnte sie eine Zeitlang keinen Menschen aufs Kanapee nötigen, der Name Melchisedech ward nicht anders als bei gedeckten Türen ausgesprochen, und selbst alsdann noch nur ins Ohr; indessen schlug mein Vater doch durch eine einzige Predigt so viele Blutgierige und Falsche, und befreite das Kanapee, das, wie ein verfluchtes Schloss, wüste war, vom Fluch. – Ein Weib, wie meine Mutter, war mit allen Wegen Gottes kindlich zufrieden. – Wenn sie unter den Israeliten gewesen, so hätte sie nach keinen Wachteln verlangt, obgleich sie ein Priesterweib und aus dem Stamme Levi war. Mit Manna hätte sie sich begnügt, so dass ihr nie ein Fleischtopf eingefallen wäre. Sie war nicht wachtellüstern. Viel für eine Pastorin! Da ich in meinem vierzehnten Jahr ohne Hoffnung krank darnieder lag, und mein Vater L i c h t ! L i c h t ! L i c h t ! rief, sang sie mit einer Seelenfassung:

Gott eilet mit den Seinen,

dass sie sogar meinen ungestimmten, unmusikalischen Vater dahin sang, dass er selbst bei der zweiten Strophe im zweiten Discant einfiel, wie oben und unten erwähnt worden!

Da mein Vater nach dem Brande versicherte, dass, da Cleopatra die eine Perle auftrank, sie nicht mehr verzehrt hätte, als er, und dass kein Lucius Plancius die andere Perle gerettet, war meine Mutter so Gott ergeben, dass sie mitten in der Predigt sang, mitten im Gewitter sanft regnen liess, und nur eins lag ihr auf dem Herzen, dass ich nicht gepredigt hätte, ehe ich stürbe!! – Wie s e h r ich meine Mutter g e l i e b t , ist am Tage; und wenn selbst mein Tod sie nicht aus dem sonst sie zu unterbrechen im stand gewesenNichts, nichts konnte sie scheiden von ihrer Fassung, nicht Trübsal, nicht Angst, nicht Tod, nicht Leben! Wahrlich, sie kam nie aus der Melodie, sie hielt Takt, und konnte selbst ihre Hausgenossen, ihre Corinter, wie sie sie in ihrem Condolenzschreiben nannte, in Takt und Melodie setzen. – Minens Tod indessen brachte sie so sehr vom Leben ab, dass sie gern sterben wollte.

"O des schönen Baums im Garten Gottes!" schreibt sie noch in ihrem vorletzten Briefe. "Nach ihrem Ableben fühle ich keinen Schlag mehr der herrlichen natur, wovon sonst meine Seele genas! Sie electrisirt mich nicht weiter. Sie ist mir nicht greiflich. Sie sitzt mir nicht mehr, dass ich sie malen kann! Keine Tulpe öffnet mir ihren keuschen Busen, den sie zuschnürt, wenn der Abend sich Freiheiten herausnehmen will. Die Rose lockt mich nicht wonniglich in die Abendkühle. Wenn ich sonst in den Wind sah, war mir, als hätte ich mich mit kaltem wasser erfrischt, jetzt wird mir warm um's Herz, wenn ich ihn sehe! Er macht mir Hitze. Da sehe ich die Saat, die sich krümmet, wie das Alter, und sage nicht: Sei gesegnet im Namen des Herrn! Und dem Baume wünsche ich nicht Glück zur Erziehung seiner neugebornen Frühlings-Sprösslinge, die ich sonst so gern mit einer Handvoll wasser zu taufen pflegte! – Ich verstehe die Linde nicht mehr, wenn sie in der Gegend den Priester vorstellet, wenn sie sich ehrfurchtsvoll neiget, das kleine Gesträuch segnet und für selbiges betet. Es rührt mich nicht mehr, wenn dieses kleine Gesträuch so rings um die brüderliche Linde steht, u n d m i t d e i n e m G e i s t e lispelt, oder wenn es vielmehr, nach russischer Art, mit einem Gospobi pumilu sich bückt.

Wie schwer atme ich den Balsam des schönen Morgens ein! Ist es mir doch nicht anders, als wenn ich Arzenei einnähme! Wie pflegte mich die natur lieb zu haben! Wie fest an sich zu drücken! – Lieb hatte ich sie wieder! ich weinte oft vor Freuden in ihren mütterlichen Armen! O ich habe eine liebe, gute Mutter verloren! – Wenn ich jetzt etwas sehe, ist es alles ungeraten, eitel! Da ärgert mich der Baum, der gerade wachsen könnte, und aus Eitelkeit schief wird, um sich in dem kleinen Gewässer zu bespiegeln, das in einiger Entfernung blinketund dort verdriesst mich das elende Kraut, das sich auf der stolz herausgewachsenen Wurzel der Eiche niederlässt und diesen edlen Baum chikanirt, wie oft der Pöbel grosse Männer.

Zwar liebe ich mich abzusondern; allein ich kann nicht ganz allein sein; das heisst im Finstern. Licht ist Gesellschaft, pflegte unser S e l i g e r zu sagen, und ich brenne selbst Licht in der Nacht, als ob ich es besser wüsste, wie der liebe Gott, der gewiss mehr Licht am ersten Tage hätte schaffen können, wenn es gut gewesen