! – In Abendrot gekleidet war die Wolke, die ihn zum Himmel nahm, schrieb meine Mutter.
Er starb den 24. Junius des Abends um 9 Uhr, in seiner Lieblingsstunde. Jeder hat seine Zahl, die ihm am Herzen liegt, versichert meine Mutter. So war dem hochwohlgebornen Todtengräber sieben ins Herz geritzt, die Zahl der Ruhe, die Sabbatszahl, die Zahl der Vollendung. Meines Vaters Liebling war die Zahl neun! Sie ist neun, pflegt er zu sagen und bleibt neun. Zweimal neun ist achtzehn, acht und eins ist neun; dreimal neun ist siebenundzwanzig, sieben und zwei ist neun; viermal neun ist sechsunddreissig; sechs und drei ist neun. Es ist die Zahl der Beständigkeit! Es kann sein, dass die im ewigen Frühlinge sich befindenden neun Jungfern den ersten Probirer auf diese Berechnung gebracht, oder die Berechnung auf die neun Musen. Wer kennt nicht, wie mein Vater, die liebe, treue neunte Zahl? – Meine Mutter schreibt, diese selbstbeständige Zahl blieb ihm auch treu bis in den Tod. Er starb um neun Uhr Abends, ward neunundfünfzig Jahr alt, neun Monate und neun Tage!
Doch der Tod meines Vaters gehört zum vierten Bande, der seinen Lebenslauf entalten soll, den ich bergab zu erzählen versprochen habe.
So viel noch v o r l ä u f i g ! Er starb, wie er lebte, sprach bis in den letzten Augenblick seines Lebens, wie Sokrates, sein Freund!
Meine Mutter, beschloss ihren Brief! Curland war sein Zoar, wo dieser fromme Lot Gnade fand vor Gottes Augen. Sein Vaterland hab' ich auch in seinem letzten Augenblick nicht erfahren, so herzlich gern ich es auch, die frühen Spargel und die Pfeife in der freien Luft, und die langen Manschetten an seinen Ort gestellt, – in dieser Welt gewusst hätte. Er, hat überwunden so manchen Hohn, der ärger ist als andere Leiden dieser Zeit, bei welchen wir in die hände Gottes fallen! – Je mehr Pfand, je mehr Wucher! Seine Melchisedechspredigt, wo Salz und Schmalz war, und so manche andere gewaltige Predigten, zeigen, dass er nicht von sich selbst geredet, und so sang er auch nicht von sich selbst, da er bei der zweiten Strophe im zweiten Discant einfiel:
Lässt sie nicht lange weinen
In diesem Jammertal! –
Er wird nicht in dem hin himmlischen: Heilig, heilig, heilig! einen falschen Ton angeben oder den Takt verlieren, dafür steh' ich! – Er wird mir aber danken, dass ich ihm Sang und Klang empfahl, um dort bei der probe zu bestehen. Das Wissen bläset auf, aber die Liebe bessert!
Auch sie singt schon im höhern Chor ein himmlisches Halleluja! ein Heilig, Heilig, Heilig! dessgleichen kein Ohr gehört und in keines Menschen Herz kommen, und Gott bereitet hat denen, die ihn lieben! – Hier war sie ein Lied, dort ist sie ein Psalm Davids; hier ein Sonnabend, dort ein Sonntag, ein Sabbat; hier ward sie gesät in Schwachheit, dort geht sie auf in Kraft! Wohl dem, der so stirbt, wie sie! Sie wartete auf ihren Tod, wie Simeon auf den Trost Israels. Sie starb wie Simeon: "Herr! nun lässest du deine Magd in Frieden fahren!"
Mein Leib und Seel' befehl' ich dir,
O Herr, ein selig ende' gib mir!
Das war nach Minens Tod ihr immerwährender Seufzer! Ach! wann werde' ich dahin kommen, dass ich Gottes Angesicht schaue! Ich habe Lust abzuscheiden! Sie war getreu bis in den Tod, und wahrlich, wahrlich! sie hat das Ende des Glaubens, der Seelen Seligkeit, die Kröne des Lebens davongetragen. – Solch ein Weib stirbt nicht alle Tage! Wenn der hochgräfliche Todtengräber sie hätt' observiren können, was hätte er darum gegeben! Elias sprach zu Elisa: Bitte, was ich dir tun soll, ehe ich von dir genommen werde. Elisa sprach: Dass dein Geist bei mir sei zweifältig. – Sollt' ich mich trügen, wenn ich behauptete, dass viele diesen Wunsch hinauf getan? – Nun so mögen die Prophetenkinder allen diesen guten sanften Biederseelen das zeugnis geben, das sie Elisen gaben? Der Geist Eliä ruhet auf Elisa, ruhet auf diesen Wünschenden! Er ruhe wohl!
Meine Leser werden sich mit leichter Mühe erinnern, dass mein Vater in seiner Bibel beim Hauptmann zu Capernaum und bei drei Obersten Zeichen eingelegt, nicht minder überall wo das Schwert schlägt, das Fähnlein weht, Trompeten schallen, und wo Sold ausgeteilt wird. Eben so erinnerlich wird ihnen die Epistel am einundzwanzigsten Sonntage nach Trinitatis sein, die in der väterlichen Bibel erschrecklich begriffen war, und die ich meinen Lesern im ersten Teile, so wie sie im luterischen Altdeutschen lautet, wörtlich vorgelesen. Sollte hie und da einem Capitellosen diess in Vergessen geraten sein, so sei es mir erlaubt, ihn an meine Mutter zu erinnern, die, wenn sie meinen Vater, mit dieser Epistel angetan, zur Kanzel steigen sah, zu sagen die Gewohnheit hatte: Heute geht er gestiefelt und gespornt, wie ein geistlicher Ritter, auf die Kanzel. Indessen war auch sie, das gute Weib, von einer Prädilection wegen gewisser Spruchstellen nicht frei. Jeder Mensch hat nicht bloss seine Lieblingszahl, sondern auch seinen Spruch. Der Liebling meiner Mutter war: "Der Herr hat's gegeben,