. Ich hielt ihn, sagte sie, für einen Brief vom Herrn Doktor Saft (sie nannte ihn Herr, welches sie mit Anwesenden selten tat, es wäre denn, dass sie vom Herrn Superintendenten gesprochen hätte; auch die Herren Praepositi hatten schon diesen Vorzug, nur der Bauske'sche und Seelburg'sche ausgenommen, die Dichter hatten alle Herr).
Dieser Brief hat uns alle in Unordnung und Verwirrung gebracht. Ich dachte, Saft sei tot.
Du hast unrecht gedacht, mein Kind.
Aber der Brief, sagte meine Mutter. Sie war einmal in Unordnung, und wie eine Uhr, die unrichtig ist, so lang von eins bis zwölf immerfort schlägt, bis das Gewicht abgelaufen ist, war auch sie mit ihrem: d e r Brief.
Glaube mir, mein Kind, erwiderte mein Vater, es gibt nicht ärzte, Wundärzte gibt's hier und da einen. Hier folgte ein langes Kapitel für und wider die ärzte, wodurch meine Mutter in eine solche Enge gebracht wurde, dass sie nicht aus noch ein wusste. E h r e d e n A r z t , sagte sie in der Verwirrung; allein welch eine allgemeine Ursache? erwiderte mein Vater; d e n n d e r H e r r h a t i h n g e m a c h t . Wenn dem arzt keine andere Ehre zukommt, so sind sie eben nicht hochgeehrt! Was tun sie auch? Sie sind unsere Peiniger. Sie suchen eine Ehre darin, dass wir durch ihre und nicht durch die Hand der natur sterben. Sie sind privilegirte Giftmischer und subtile Todtschläger, die ein Recht promovirt haben, tödten zu können; und wenn's ihnen glückt, wenn sie einen Menschen auf ein halb Jahr befristen, ist's ein Mensch? eine Missgeburt ist's, ein im Reich der toten Angeworbener. Wer einen Arzt annimmt, hat vom tod Handgeld genommen. ärzte sind seine Werber! Mein Vater sprach den Recepten Ehre und Redlichkeit ab. Hätte die natur nicht gemischt, wenn die Mischung nötig gewesen? Er wollte, dass man den Aerzten den Proviant abschneiden und die Apoteken zerstören sollte. Den Arzeneien aus dem Pflanzenreiche liess er Gerechtigkeit widerfahren. Wenn ein Arzt, fuhr er fort, krank wird, kurirt er sich nicht selbst, sondern ersucht seine Herren Kollegen, S t a n d r e c h t über ihn zu halten. Er selbst weiss wohl, dass er nichts weiss; indessen mit der Kunst geht's ihm wie einem Lügner mit der Lüge, die er oft und viel für Wahrheit ausgegeben – wie einem Schwarzkünstler. – Der Arzt hält die Kunst am Ende selbst für Wahrheit, und denkt, die Unwissenheit hab' an ihm gelegen. Ein kranker Arzt schickt also zu andern Aerzten, und diese, wenn gleich sie den Kranken wegen seiner zeiter geleisteten vielen Wunderkuren, wodurch er sie bei weitem übertroffen, von Herzen beneiden, denken doch, heute mir, morgen dir! und würden dem Herrn Kollegen gern helfen – wenn sie nur könnten. Wenn die natur sich selbst nicht mehr helfen kann, ich möchte den Arzt sehen, der Naturstelle vertreten könnte? – Wie kann er den Weg wissen, den die natur will? Geht sie zur Rechten, so will er zur Linken. Geht sie zur Linken, will er zur Rechten, und am Ende – da sie sieht, man traue ihr nicht, man haue sich Brunnen, wo kein wasser ist, wird sie der Nekkerei überdrüssig, und diess ist das Gericht der Verstockung im leiblichen Sinn. – Am Ende weiss er, was Wie meiner Mutter bei allem diesem zu Mute geSie wollte indessen noch einmal eine Schwenkung So oft mein Vater dieses Gesicht machte, blieb indessen hatte das linke Auge meines Vaters getroffen. arme Mutter! wenn du nur besser angefangen hättest. Warum eben "der Brief!"
Kurz, meine Mutter erfuhr nicht, wo der Brief herkäme, und wie's mir vorkam, konnte sie auch nicht einmal auf Spuren kommen; so total war sie aufs Haupt geschlagen. Sie zog ohne Ehrenzeichen aus ihrer Festung, ohne Unter- und Obergewehr, ohne klingendes Spiel, ohne fliegende Fahne, brennende Lunten, Kugel im mund, und ohne zwölf Schüsse für ihr Gewehr, grosses und kleines –
Ich aber war völlig bei mir überzeugt, dass dieser Brief daher käme, wo man die Spargel früher als in Curland isst, gleich früher in der freien Luft eine Pfeife raucht, den Wein mit der Hand aus der Quelle trinkt, und lange Manschetten trägt.
Wenn man die Augen zuhält, kann man genauer und richtiger überlegen. Zum Erfinden muss man sehen, zum Anordnen kann man blind sein. Ein grosser Kopf, der sehen und blind sein könnte, wenn's die Umstände erfordern, müsste grösser als H o m e r werden.
Die Umstände, die mein Vater mit dem feierlich verbrannten Briefe machte, und andere während meiner Krankheit von ihm verstreuten Worte, brachten mich auf den Gedanken, dass er von seiner Familie schlechte, unerwartete Nachrichten erfahren haben müsste. Mehr unbekannte Zahlen konnte' ich aus den gegebenen nicht heraus bringen, und gewiss, ich war weiter als meine arme Mutter, die noch nicht einen Finger breit näher vorrücken konnte, als sie ausgezogen. Meine Besserung indessen vergnügte sie so sehr, als sie meinem Vater gleichgültig schien.
Kaum war ich gesund geworden, so