mancher Professor sein Collegium.
Ausser der Matematik studirte ich mich selbst. Wenn N e w t o n entdeckt hätte, wie es mit der Welt von Anfang gewesen, und was es mit ihr, oder mit ihrem Ebenbilde, dem Menschen, für ein Ende haben werde; so wäre es doch noch ein Erfinder gewesen; allein so gehts! Wenn die Menschen sich zeigen, kehren sie wohl vor ihrer eignen Tür?
Seht, wie die natur es zur Menschenkenntniss recht geflissentlich angelegt hat! Die Menschen sind gesellig, wie man sagt. Wenn wir nach Menschen auslaufen, wollen wir die meiste Zeit nicht den Menschen, sondern diese oder jene Tat. Nur wenn man was Grosses von jemandem gehört, ist man begierig, ihn zu sehen, und wenn man ihn sieht, sieht man dann wohl den Menschen? – Fast nicht, sondern seinen Geist (sein Gespenst), die Tat, die ihn vergrösserte. Es ist eine Erscheinung, ein Gesicht! Schurken drängen sich vielleicht, grosse Leute zu sehen, weil sie sich nicht vorstellen können, dass es solche Menschen gebe. Der Edle sieht in den Spiegel.
Auch den Bösartigsten will man sehen; vielleicht um seine Pfosten zu sichern, dass der Würgengel vorüber gehe! Akademien sind selbst, um zu sehen. Das Gehör ist ein Stück vom Gesicht. Im Odem liegt die Liebe, in der Rede die probe von Weisheit und Torheit. Rede und du bist, habe ich schon sonstwo behauptet; allein selten trauen wir der Rede, wenn wir Temperament und Gemütscharakter kennen lernen wollen. Man hält die Zunge für bestochen, für gedungen. Sie ist höchstens ein Hauszeuge. Eben darum der natürliche Hang zur Physiognomik. Man will in den Augen sehen, wie dem Menschen ums Herz ist. Freilich ist's schwer, von dem auswendigen Menschen auf den inwendigen zu schliessen. Ich würde weit eher aus dem Kleide, aus dem Pferde den Menschen beurteilen, als aus seinen Gesichtszügen und andern Schilden, die er vielleicht mit gutem Vorbedacht aushängt, und vom besten Stadtmaler zeichnen lässt. Wäre hier zur Gewissheit zu kommen, würden die Folgen nicht eben so gefährlich sein, als es die von der Gewissheit unserer Todesstunde sind? Ich gebe selbst zu, Gottes Finger habe ins Gesicht dem Menschen sein Testimonium geschrieben; wer kann aber Gottes Hand lesen? Da sie auf C a i n s Stirn leserlich werden sollte, musste sie verständlich gemacht und mit roter Tinte unterstrichen werden. In der nämlichen Rücksicht sind wir so für Handlungen, fürs Entstehensehen vor unsern Augen, fürs göttliche Sprechen, wo Donner und Blitz eins ist! – "E h e r h ä t t e i c h d a s b e d e n k e n s o l l e n ? " – Und wenn ichs bedacht hätte, gestrenger Herr, bin ich denn nicht auf der Akademie? Und sollte man, sobald man der Sache näher tritt, nicht finden, dass ich auch hier handle, und nicht erzähle? Hier ist Vivat und Pereat, hoch und tief! – eine Serenade und eine Stunde im Auditorio.
Wollen Ew. Gestrengigkeit alles mit Einem von hohen schulen? Wir haben ihnen die Absonderung der Wissenschaften, die Bevölkerung derselben zu danken, und ein gewisses Stellen in Reihe und Glieder. Zwar weiss ich den Einwand dagegen; allein wird dieser Mauerbrecher unserm System Schaden zufügen? Freilich ist alles in der Welt in der Gemeinheit, und freilich ist noch die Frage: ob es denn so gut sei, dass alles und jedes aus der Gemeinheit gesetzt werde? Freilich kann man auch seine Lieblingswissenschaft nicht ganz aus aller Gemeinheit bringen, da selbst Leib und Seele in einander wirken; indessen ist doch ein Tausendkünstler gemeinhin ein schlechter Künstler! – Der Schuster kann dem Maler nicht verbieten einen Schuh zu treffen, und der Schneider nicht, wenn der Maler ein Kleid fertigt; allein gemalt ist nicht gemacht! – Das Gemenge könnte vielleicht dem symbolischen erkenntnis förderlich und dienstlich sein, wo man am Leitfaden der Aehnlichkeit zur Wahrheit kommt; allein bleibt denn auf dem gelehrten Marktplatz der Universität nicht noch eine gelegenheit zu Symbolen übrig, wenn gleich verschiedene Abteilungen vorhanden sind? Muss ich denn gehen in dem Garten, um ihn zu beurteilen, und ist hier nicht ein Ueberblick oft nützlicher als ein gang? – Alles ist Symbol; Zahlen selbst, wer sollte das denken, sind Symbole der Grösse! – Der Mensch ist's von Gott. Darum sind wir so grosse Bilderliebhaber! – Den Kindern bringt man alles durch Bilder bei, weil Bilder kleiner als die natur in Lebensgrösse sind. Mit dem Bilde spielt man; allein wer kann es mit der natur, ohne sich die Finger zu verbrennen? – Je mehr der Begriff in die Sinne fällt, oder in dem Sinne liegt, je weniger Mühe machen die Worte. Je abstrakter aber der Begriff, je schwieriger der Wortfang. Auf Universitäten, wo auf allen Strassen abstrahirt wird, scheint diese Gewohnheit zur andern natur zu werden! – Selig sind, die nicht sehen und doch glauben. Die probe bei der Abstraktion ist geistisch. Zwar ist auch hier die Anschauung die probe; allein sie bleibt so schwer als das zu probirende Exempel selbst, und noch schwerer. Leichter ist's, die Sphärenmusik zu hören, oder ein Dichter zu sein, als abstrakte Sachen anzuschauen und anschauend zu machen: – Nur Sonntagskinder können Geister sehen, so wie Leibnitz