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göttlichen Ruf zum Geistlichen auf, der sich völlig gelegt hatte, da ich keine Mine mehr hatte. Bei meiner ersten Predigt galt mir ihr verstohlener blick und Nummer fünf mehr, als alle übrige klingende Münze von grosser Anlage, von unvergleichlichen Kanzelgaben, von kirchenväterlichem Anstande. Minchen liebte mich nach der ersten Predigt mehr als ehedem. Ich hatte mich zum mann ihrer Seele gepredigt, und war vom Alexander bis zum lieben Jungen erniedrigt oder erhöht worden.

Vergeblich erinnerte ich mich, dass mein Vater, wiewohl nach dem Brande, mich versichert hatte, dass ein Geistlicher der glücklichste Mensch in der Welt wäre, und dass seine Seele in beständigem Frühling sei, wo es nicht zu kalt, noch zu warm ist. "Frühling ist das Klima des himmels; in der Hölle ist Winter und Sommer! – Herbst würde alsdann das Fegfeuer sein!" Beständiger Frühling, guter Vater? Wenn es aber ein nordischer wäre, wo man den Frühling bloss im Kalender und in einer lebhaften Einbildung hat? Zwar in deinem land, wo man zeitig eine Pfeife in der freien Luft raucht, den Wein bei der Quelle trinkt und lange Manschetten trägtaber wo gehörst du zu haus? wo? "Im Himmel!" Guter Vater, da ist aller Menschen Vaterland. "Dinge der Zukunft sind der Geistlichen Beschäftigung." Das wäre ja ein gefundenes Essen für mich, der ich jagdmüde bin, und wahrlich kein Linsengericht, das eine Erstgeburt zu stehen kommt! Wie aber, wenn der Geistliche über der andern Welt diese vergässe, nur an den Lohn dächte, ohne des Tages Last und Hitze zu übernehmen? Wenn er, den Purpur und die köstliche Leinwand selbst nicht abgerechnet, hier, wie einer der sieben Brüder des reichen Mannes, herrlich und in Freuden lebte; wenn er's mit der Ewigkeit so machte wie geizige Leute, die aus Furcht, in ihrem land das Ihrige durch Handel und Wandel zu verlieren, die überflüssigen Capitalien in auswärtige Banken senden, oder sie auf sichere Hypoteken eintabuliren lassen, um ein recht gemächliches Zinsenleben führen zu können? Man sehe sich doch um; lässt sich denn der Geistliche nicht weit lieber bei seinem Lehnspatron als bei Abraham, Isaak und Jakob zu Tische bitten? Sich zerstreuen, heisst denn das l e b e n ? Es heisst, recht geflissentlich nicht leben; es heisst, das Leben fliehen, das ohnehin nicht leiden kann, dass man es sauer ansieht. Zwar gibt's Männer, die wie mein Vater, ein Rad gebrochen und im wirtshaus weilen, die, wie der Pastor in –, Drosselfänger, und wie der in L –, Ehemänner von Weibern sind, die eine Lindenkrankheit haben, aber

Ich will es meinen Lesern nicht länger vorhalten. S o l d a t , dachte ich, um mein Leben in die Schanze zu schlagen, um so zu stehen, wie Urias wiewohl wider Wissen und Willen, stand, als der König David sein Weib zur witwe machen wollte. Welch eine Kluft indessen war zwischen diesem Gedanken und der Ausführung! welch eine Beste war einzunehmen! Ich versteckte mich, wie meine Leser es selbst wissen, mit diesem Gedanken unter die Bäume im Garten, und stellte mich geflissentlich so, damit meine Mutter mich am wenigsten sehen möchte, deren Losung es war: "Wer seinen Eltern nicht folgt, folgt dem Kalbfell."

Ich studirte in Göttingen K r i e g s k u n s t . Kriegskunst? – Das war ein Wort für manchen. Die Kriegskunst und Urias? Aber du guter Mancher! Lernt man denn die Kriegskunst für sich oder für andere, und stehe ich denn mit dem Urias eben in einem Gliede? Wagen kann der Mensch sich selbst; umbringen muss er sich nicht.

Die hoch- und wohlgeordnete und eben so auch verordnete Bibliotek in Göttingen ist nicht ein Schatz für Motten und Rost, wonach höchstens die Diebe graben und stehlen; sie ist ein öffentliches Haus, wo jeder einen Zutritt hat. Die Bemerkung meines Vaters, wie wahr! Eine Universität und keine Bibliotek ist ein Weinhaus ohne Keller. – Da gehe ich doch hundertmal lieber in einen Keller, so finster es auch drin aussieht, und so schwer hinabzusteigen er auch ist, und trinke die Gabe Gottes frisch und kräftig, fast wie an der Quelle; lieber, sage ich, als dass ich in manchem prächtigen Auditorio lange gestandenen, warmgewordenen Wein aus einem begriffenen Geschirr trinken sollte. Das Geschirr mag patriarchalisch, griechisch, gotisch oder modisch gearbeitet sein. Eine Universität und eine Bibliotek sind sich so nahe verwandt, dass ich behaupten könnte, eine Akademie sei nichts weiter als eine Bibliotek, wo es oft genug ist, zu wissen, im Schranke linker Hand, da und da! Mit diesem Entschlusse kam ich in Königsberg an, und ging nach Göttingen. Ich tat nichts weiter, als Register machen, welches ein ander Ding ist als Kalender, pflegte mein Vater zu sagen. – Das Motto über eine Bibliotek dieses Mannes, der meinen Lesern bei seiner Büchermusterung bekannt zu sein die Ehre hat, wie richtig! "Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, auf dass, wenn ihr nun darbet, sie euch aufnehmen in die ewigen Hütten."

Ich kann nicht aufhören, zu sagen, was mein Vater gesagt hat. Mich wunderts, pflegte er vor dem Brande zu bemerken, dass man nicht das Vater unser und seinen Namen vergisst, und