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von einer Stelle kommt, liegt am L e h r s t a n d e . Das arme Menschengeschlecht, wie es da noch immer in seinem Blute liegt! Und was tun unsere Gross- und Kleinsprecher? Sie bestellen einen schönen eichenen Sarg mit im Feuer vergoldeten Griffen, um für ein standesmässiges Begräbniss sorge zu tragen. Die meisten Lehrer sind Curatores funeris, Leichenbesorger. Gott, wann erschallt die stimme; sie komme aus Osten, Süden, Westen, Norden, wenn sie nur erschallt: d u s o l l s t l e b e n !

Ist's also Gotteswerk zu unterrichten, so gehorcht euren Lehrern und folgt ihnen, denn sie wachen über eure Seele, so lange sie nicht Irrlehrer sind! Ich glaube mit meinem Vater, dass der, welcher zur rechten tür in den Schafstall gekommen, fein metodisch seine Lektion gelernt und kein Mietling ist, auch andern die rechte Tür zeigen und ein guter Hirte sein könne, der bekannt ist den Seinen und die Seinen kennt. Diess findet vorzüglich bei Universitätslehrern statt, so wie sie jetzt im Schwange gehen. Da hat jeder seine Lektion, die er ad unguem, bis auf den Nagel selbst, weiss, und also auch lehren kann; indessen sollte man es bei der Mannigfaltigkeit der Lernenden und des Unterrichts, nicht bei einemLeisten, ja wohl Leisten, lassen. würde' es nicht Früchte bringen in Geduld, wenn man die Saat nach der erwünschten Ernte, den Unterricht nach der künftigen Anwendung, einrichten möchte? Jetzt stehen die Studirenden nicht viel ordentlicher, als die Bücher in den meisten Biblioteken, nach der Grösse, nach den Bänden, nach dem Schnitt, nach der Anwerbung. Es fehlt nur noch, nach dem Verleger und dem Druckorte. Das Druckjahr, worauf am wenigsten gesehen wird, würde vielleicht ein Umstand sein, der nicht zu verwerfen wäre.

Der Professor hängt jetzt den Brodkorb bald zu hoch, bald zu niedrig, und wie oft vergessen nicht die Speisemeister auf Universitäten über der Seele den Leib! Zankt nicht auf dem Wege, sagte Joseph zu seinen lieben Brüdern, da er ihnen den Zehrpfennig gab; und wahrlich, diess sollte die Losung aller Universitäten sein. Durchs Zanken wird zwar die Schale polirt; der Kern aber trocknet ein in diesem sein geschliffenen Gehäuse.

Kann ich doch auf keine Universität kommen, ohne mir ihren Ton eigen zu machen. Ein guter Ton! wenn die Angeber weniger quid est fragen, und alle Wissenschaften zu Experimental-Wissenschaften zu bringen bemüht sind, wie es jetzt am Tage ist.

In einigen Dingen kann man Universitätsgebrauch lassen. Da man einsieht, wie wenig man weiss, will man lieber irren, als untätig sein. Wir ehren einen paradoxen Mann und blössen unser Haupt nicht vor gemeiner erkenntnis. Wir kleiden uns prächtig und sollen nur rein einhergehen. Ein Sünder, der Busse tut, ist besser als neunundneunzig, die der Busse nicht bedürfen. Ein fähiger Unwissender, er sei wirklich unwissend, oder er könne seine so genannte Vernunft gefangen nehmen, so oft sie die Fenster einwerfen will, ist ein so schönes Naturstück, als man nur, nachdem das Paradies eingegangen, sehen kann.

Kein E x a m e n i n G ö t t i n g e n . Wozu der Unrat, wenn gleich ein Grossvater dabei am Ruder war, wie erwünscht fiel der Blitz durch die Ritze! – Gute Hausmütze, du konntest nicht gelegener, wie ein Eid, das Ende alles Haders machen!

Den F e c h t b o d e n und das R e i t h a u s nicht zu vergessen; wahrlich ein paar Vergissmeinnicht in Göttingen! Wir sind hier geborne Fechter und Reiter, sagte mir der königliche Rat beim Kreisrichter in Königsberg, da der letzte eben eine denkwürdige Schlägerei mit allen ihren Punkten und Klauseln referirt hatte. Kein Wunder, dass ich in Königsberg so schöne Vergissmeinnicht nicht fand!

In Göttingen spielt' ich auf Fechtboden und Reitaus Alexander, wiewohl ohne an jene jugendliche Ritterspiele zu denken, deren vorgestecktes Kleinod M i n e war. B e r l i n aber sah ich vor mir; den Paradeplatz nämlich in Berlin und Potsdam, wo der König, wie die Sonn' auf ein Geländer Pfirsichen, wirkt; dann schien es, dass sich ein Gedanke in mir hob, der wollte und noch nicht konnte. Man muss ihm seine neun Monden Zeit lassen! – Getauft soll er werden, wenn er zur Welt kommt.

Ich studirte die Matematik. Sie, dachte' ich, ist zu allen Dingen nütze. Sie ist das Lineal und lehrt, sich bei allen Wissenschaften gerade halten. Selbst Cicero mass – – Doch hatte er nicht zu viel Matematik in seinen Reden?

Zu viel Matematik im feld taugt nicht. Was meinen meine Leser vom ciceronianischen Kriege?

Mein Vater war mit dem ganzen Gange meiner Studien, den ich ihm getreulich und sonder Gefährde vorlegte, zufrieden. Meine Mutter empfahl mir, grosse Männer zu hören, d i e s i c h h ö r e n l i e ss e n , um ihren Ausdruck beizubehalten, und ich lernte hier einen kennen, der weder Hand noch Auge brauchte. Das Auge, pflegte mein Vater zu sagen, hat Christus selbst bei seiner Bergpredigt angewandt. Es gehört dem Prediger; die Hand aber dem Handwerker. Dieser Redner ohne auge' und Hand fachte in mir keinen