Gegenwart abzufragen. Die verfluchten Briefe! überall, wo sie sind, sind Falten und Verwicklungen! Spitzet nicht eure Federn, Kunstrichter, wenn sie in Romanen und auf dem Teater grosse Rollen spielen. Es ist wahr, sie sind der f a u l e K n e c h t für unsere Teaterdichter, denn wo würden sie ohne Briefe einen gordischen Knoten hernehmen? Und wie würden sie die Knoten so alexandrisch, als durch eine Antwort auf diesen Brief entzweihauen? Allein, siehe da! wie die natur spielt, auch in einer wahren geschichte ein Brief! und gewiss nicht der letzte.
Die blanken Nägel waren mir nicht mehr im Wege, ich bekam Appetit, eine von den Würsten zu essen, die meine Stelle vertreten sollten.
Aus dem Bette, sagte mein Vater, wenn du essen willst! Kein Mensch muss im Bette essen und trinken. Es ist schon zuviel, dass man darin schläft oder stirbt. Wer auf der Erbe stirbt, stirbt auf dem Bette der Ehren. Er nimmt's mit der Krankheit auf.
Da stand ich, wie mich Gott geschaffen hat, bis auf's Hemde –
Obgleich meine Mutter es gern gesehen, wenn ich der Krankheit standeshalber das Geleite gegeben, übersah sie dennoch diese Sünde wider die Etikette, um vielleicht meinen Vater zur Erkenntlichkeit in Beschlag zu nehmen, welche darin bestehen sollte, dass er ihr zu seiner Zeit das geheimnis des Briefes und der Feuersbrunst entdecken möchte. Ich glaube's schwerlich, liebe Mutter, wenn du nicht durch die Künste der Palingenesie – –
Der Doktor fand mich beim Geräucherten, und das war meinem Vater gewonnen Spiel. So, sagte er, sollte der Doktor jeden treffen; gelt! wir würden weniger Patienten und – mit Erlaubnis Herr Doktor – weniger Doktores haben. Der ehrliche S a f t schämte sich, dem Puls die Hand zu geben. Nach einem Bedenken nahm er sein ganzes Doktoransehen zu hülfe, fühlte wirklich Schande halber nach dem Pulse, indessen tat er's verstohlen und so ungefähr, als ein hochwohlgeborner Herr, wenn er eines ehrlichen Bürgers Tochter geheiratet, seinem Herrn Schwiegervater die Hand gibt. – Ich r i ss m i r d i e H a n d l o s , um das abgeschnittene Stück an seinen Ort zu stellen. – Der Herr Schwiegervater sollt's auch so machen.
Warum aber Geräuchertes? fragte der Doktor. "Weil er's gewollt" (mein Vater und meine Mutter). Hierin war meine Mutter mit meinem Vater gleichlautend, denn sie hatte Beispiele, dass viele Leute mit Sauerkraut von hitzigen Fiebern, und kalten Fiebern, und faulen Fiebern, und Flussfiebern, und Seitenstechen, und Entzündung der Lunge, und Entzündung der Leber, und Entzündung des Gekröses, und Frieseln und Schlagflüssen, und Herzgespann und vielen Suchten und Gichten kurirt wären. Die stimme des Magens war ihr eine heilige stimme.
Der Doktor Saft und sein Freund, der Herr Candidat, fanden für gut, drei Tage bei uns zu bleiben. Ich will nicht hoffen, Herr Candidat, um auch hierin dreigliederig zu sein! Meiner sonst gastfreien Mutter waren sie unausstehlich, denn sie ward wegen des Briefstaubes durch die Gegenwart entsetzlich gemartert. Es zog der Doktor Saft während dieser drei Tage mit andern Leuten in der Nachbarschaft Schach, und war fröhlich und guter Dinge, als ob er immer gewönne.
Schon ehe der Doktor angekommen war, hatte mein Vater den Staub, der mich am allerersten als seines Gleichen bewillkommen sollte, in weisses Papier eingesargt; ich glaube, es war ein grosser Bogen Postpapier, weil, wenn gleich die Tränen nicht alles zurückhalten können, und vieles in die Luft gesprengt war, doch immer von einer Handvoll Papier ziemlich viel geweihete Asche zurückbleiben musste.
Es schien mir indessen, da ich zusahe, dass mein Vater diese Asche nur vorderhand in sein Nussbaumschränkchen beisetzte, weil der Paradesarg noch nicht fertig war.
Kaum hatte der Doktor, der unvermutet nach drei Tagen zum Uhrwerk eines andern Pulses zu reisen notwendig fand (sonst wär' er länger geblieben), mit seiner Hand meinem Vater und Mutter zum letztenmale einen Kuss zugeworfen und sich tief herausgebogen, kaum war er ihrem Auge entfahren (der Candidat, sein Freund, war eine Stunde früher ohne eine solche feierliche Begleitung und ohne einen Kusswurf abgereiset), fing meine Mutter an:
D e r B r i e f – – – Um Verzeihung, liebe Mutter! warum? S c h a c h d e m K ö n i g e ! warum gleich mit dem Hauptworte? Eine Hauptschlacht ist bei einer solchen gelegenheit nicht immer das ratsamste. Warum so geradezu und nicht durch ein Strategem? Für Helden, die in einem Jahre die Geographie so unbrauchbar machen können, wie den vorjährigen Kalender, ist freilich kein Strategem; eine liebe Frau Pastorin aber, die keinen Beruf zur Amazonin hat, kann den Vogel im Neste greifen.
Was für ein Brief? erwiderte mein Vater. Mich dünkt eine schlechte Deckung auf Schach dem Könige. Meine Mutter war auf diese Frage unvorbereitet, indessen verlor sie noch nicht den Mut; sie hatte Hülfsvölker in Bereitschaft.
Den du eingeäschert hast, sagte sie, und setzte in einem Tone: m e i n K i n d , dazu, dass man wohl einsah, wie sie, wenn es nicht anders wäre, auch zum edlen Frieden bereit sei. Noch streckte sie indessen nicht das Gewehr