, bis zum Küssen – Gott der Herr ist überschwenglich; er tut mehr, als wir wissen oder verstehen. Wir fragen zwar alle Augenblick, wie Maria, w i e s o l l d a s z u g e h e n ? und lachen wie Sara, weil ihr Herr alt war und es ihr nicht mehr nach der Weiberweise ging; allein Zeit bringt Rosen, und Hoffnung lässt die nicht zu Schanden werden, die im Dienst der Wahrheit und des Lebens stehen, und nicht auf den Wirrwarr dieses Lebens, sondern auf die Harmonie des Zukünftigen sehen; daher auch der Himmel musikalisch vorgestellt wird.
In Parentesi merk' ich an, dass ich am Sterbetage deiner Mine faste und fasten werde, bis mich nicht mehr hungert, noch durstet, und auf mich fällt irgend eine Hitze der Angst. – Aber wie fast' ich? Nicht, dass ich mich verschlösse, sondern dass ich meine Lieblingsschüsseln selbst mit eigener Hand koche und mit eigener Nase rieche. Dann ist's keine Kunst zu fasten, wenn uns Feuer und wasser im Exilio versagt werden. Sei getrost, mein Sohn! Der Trieb des Lebens hört nicht auf, sondern mehrt sich mit den Jahren; nur durch die Religion wird er eingeschränkt und zur rechten Ader gelenkt. Ich kann es dir versichern, dass meine Lust zum Leben so ziemlich versiegt ist. Wie sollte das zugehen, wenn nicht noch was dahinter wäre? Darauf verlass dich! Es ist noch was dahinter.
Deiner Güte will ich trauen,
Bis ich fröhlich werde s c h a u e n –
Weiter kann mein centnerschwer beladenes Herz weder schreiben noch singen. Wieder ein Absatz! – Meine Lippen sind gedörrt, so, dass die Triller nicht aus der Stelle wollen, eben so wenig, als die Feder. Ich will morgen wieder eins versuchen. – Alte, mein Sohn, müssen aufs Vergangene, Junge aufs Zukünftige denken. Wer die Ursachen der gegenwärtigen Dinge und ihre Verbindung mit den zukünftigen übersehen kann, das ist ein weiser, das ist ein göttlicher Mann. Der hat Verstand, dem etwas leicht wird, was andern Menschen schwer ist; der hat Verdienst, der es sche dir wohl zu ruhen!
* * *
Mein Gott, nun ist es wieder Morgen!
Die Nacht vollendet ihren Lauf;
Nun wachen alle meine Sorgen,
Die mit mir schlafen gingen, auf!
Die Ruhe, wie der Schlaf, ist hin,
Ich sehe wieder, wo ich bin.
Ich bin noch immer auf der Erde,
Wo jeder Tag sein Elend hat,
Hier, wo ich immer älter werde,
Und häufe Sünd' und Missetat.
O Gott, von dessen Brod ich
zehr',
Wenn ich dir doch auch nütze
wär'!
Diese beiden Reihen hört' ich einmal von einer Bettlerin singen, und dieser Gesang ist mir in der Erinnerung noch so rührend, dass ich keine Zeile mehr weder abschreiben noch singen kann. Wie hast denn du geschlafen? – Wenn man auch nicht gut wacht, wenn man nur gut schläft, so findet sich auch das Wachen. Der Candidat erzählte jüngst ein Vorfällchen, das kürzer als seine Manschette, allein recht artig ist. Ein Bauer kommt nach Mitau, um den Brief an seinen Sohn ja recht gut anzubringen. Er gibt ihn ab, und wartet bis der Postillon blaset, und nun bittet er ihn recht freundlich, doch ja den Brief gut zu bestellen. Lieber Sohn! Wir Menschen, denke' ich, machen es eben so, und auch du bist, mit deiner erlaubnis, nichts mehr, nichts weniger, als dieser Bauer mit dem Briefe. Wir alle bitten den Postillon, den Brief, den er zwei Meilen trägt, gut zu bestellen. Wer erreicht seine Schicksale, nur über eine Handvoll Jahre, das sind fünf nach der Zahl der Finger? Wer bis an Stell' und Ort? Auch in Absicht deiner Mine bist du nach Mitau gereiset, und hast so lang gewartet, bis geblasen ward, und hast recht freundlich gebeten, doch ja den Brief zu bestellen. Sag am Ende, um nur mit einem blick, mit einem einzigen, auf die nächstfolgende Station zu kommen, hätte wohl Mine füglich Superintendentin werden können? Wenn ich schwach bin, bin ich stark, sagt ein Apostel, der doch entzückt ward bis in den dritten Himmel, ins Paradies, wo er unaussprechliche Worte hörte, die kein Mensch ausdrücken kann. In Parentesi, mein Sohn! Betrüge den Petrus und den Paulus nicht um ihr u s . Scheer ihnen den Bart nicht, der ihnen so trefflich fleht. Recht Mass, rechte Elle, recht Gewicht. Sei nicht solch ein Ehrenschänder, als ein junger Candidat, der vor acht Tagen bei uns war, welcherlei es viel gibt unter den Deutschgelehrten. Der heilige Paul, der heilige Peter! O du "Ich habe mehr gearbeitet, ich habe mehr Schläge O des vortrefflichen Paulus! O des teuren auserh o r n mit uns von der Seitenlinie verwandt ist? Ist's denn nichts, Menschen vom Irrtum und Torheit bringen zu der Wahrheit? Ist's denn nichts, Superintendent sein? Der Herzog regiert über den Leib, der Superintendent über die Seele. Dein seliger Grossvater sagte, wer ein kluges Buch schreibt, hat ein Edict ausgeschrieben, das nicht ein spannenlanges Ländchen, sondern die Welt beobachtet. Er ist mehr von Gottes Gnaden, was er ist, als diese