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, wenn wir nicht zu ihm wollen; und wer ist ohne Kreuz und Leiden? Willst du mit Gott rechten, du toll und töricht Volk, das wahrlich nicht an seine Brust schlagen und sagen kann: mein Gewissen beisst mich nicht meines ganzen Lebens halber. Das Gewissen, wie du selbst wissen wirst, geht von unten, ungefähr um den Magen herum, in die Höhe. Oben hält es sein richterliches Amt, unten ist sein Schlafstübchen. Wenn es aufwacht zum harten Criminalurtel, wie brennend sind seine Tritte! Wie glühend Eisen geht's in die Höhe. – Was schreien wir denn? Dass wir nicht diess und dass wir nicht jenes haben? Wenn wir auch das nicht hätten, was wir haben? Wenn du z.B. nicht Pastors Sohn wärst und Mine die Tochter eines Literati, obgleich über seine Literatur noch ein Streit ist. Waren wir nicht Ton, aus dem der Weltmeister machen konnte, was er wollte! Warum sollten wir der Erde noch mehr Dornen und Disteln auf den Hals wünschen und ihr fluchen? – glaube mir, am Ende hat der Generalsuperintendent und der Herzog, der Präpositus, der Pastor, der Literatus, schlecht und recht, fast möchte' ich sagen, der Wacker selbst, nichts vor dem andern darüber und darunter. Jeder hat seinen Groschen. Staub ist Staub, er sitze im Sammetrock oder im Kittel. Schmerz ist ein Präludium zur Freude, Freude ein Präludium zum Schmerz. Es geht in der Welt alles aus e i n e m Ton, aus B – dur. Freilich leiden wir oft des Ganzen wegen, so wie der Gerechte durchs Gesetz, das eigentlich nur dem Ungerechten gegeben ist; allein leiden nicht auch viele für uns? Es geht immer mit einander auf. Wie viel hände sind nicht unsertwegen, eben da ich diess schreibe, in Bewegung. Die Menschen haben schon einen angebornen Trieb zur Hülfsamkeit, sich einander förderlich und dienstlich zu sein. Du empfindest die Sonne, weisst du aber ihre natur und Wesen, weisst du, ob darin gegessen oder getrunken wird? Das sei dir eine Warnung! über Gott und seine Wege meistere nicht! Dein Standort ist dir nicht recht; weisst du aber auch, wo du stehst? und wenn du es weisst, stehe wohl zu, dass du nicht fällst. Willst du gerechter, gütiger sein, als der Allgütige, der Allgerechte? Die natur des Menschen hilft sich durch die Krankheit, so wie die grosse Hauptnatur durch Donner und Blitz, Hagel und Stürme. Wenn sie sich den Magen verdorben hat, muss es heraus. So lange dir der liebe Gott die zwei Brünnlein deiner Augen gibt, in denen wasser des Lebens, des Trostes rinnen, und so lange der Mensch manche schwere Stunde verweinen kann, was will er denn? Zwar

Die Fromme stirbt, die recht und

r i c h t i gh a n d e l t ,

Die Böse lebt, die wider Gott

misshandelt;

allein ist's nicht besser, dass eine Wohlvorbereitete unter die Engel kommt, als eine die es nicht ist. Würden die Engel sonst nicht alle Liebe zu den Menschenkindern verlieren, würden sie sich nicht des Menschen schämen, obgleich er wie sie Gottes geschöpf ist? Wenn der v. E – mit seinen habsüchtigen Augen dahingerafft wäre, wahrlich ganz Curland hätt' im Himmel darum verloren. Es wäre Curland gegangen, wie es den Deutschen dadurch geht, dass sie lauter Grützköpfe nach Paris geschickt, das Land zu besehen, worüber dein Vater nicht genug seinen deutschen Kopf schütteln kann. Lies dir da Trostgründe aus, wie wir Zuckererbsen zur Saat auszulesen pflegen. Was wurmstichig ist, wirf davon. Nicht alle meine Trostgründe sind Saatzuckererbsen. Du weisst doch, man muss sie erst aufweichen, wenn sie aufgehen sollen. Weine, herzlich geliebter und nach dem Willen Gottes schmerzlich betrübter und leidtragender Sohn! und erweiche die Saaterbsen von Trostgründen durch deine Tränen; dann wirst du alles ganz anders finden. Weine für Freuden, dass wir weinen können, und erhole dich, wie die angebrannte Pflanze nach dem Abendtau. Verstopfe die Quelle, aus der Leben abfliesst, nicht durch bittere Härte. Murre nicht wider Gott! Nicht alle können alles: nicht jeder kann einen Wald voll Waldgreise alter und wohlbetagter Eichen, nicht jeder kann einsame Gegenden aushalten, wo Schauer aus allen Winkeln zusammenkommen, und den Ankömmling ängstigen, als käm' er in ein verfluchtes Schloss. Da wird er denn in die Enge getrieben, und kommt so im Kleinen zu stehen, dass er wie in sich selbst verkrochen ist. Ich konnte den dicksten Wald aushalten, als säh' ich Johannisbeerenstrauch, und selbst in der alten Rummelei eines vernachlässigten Waldes, in einer zerstörten Stätte, wo ein Käuzlein keinen laut wagt, konnte' ich froh sein. Da fing ich dann ein Morgen- oder Abendlied an, und freute mich, dass der Wiederhall so gut Melodie hielt. Da sah ich dann manchen Baum, dem die Erde an der Wurzel ungetreu worden. Sie wollte von ihm abfallen; allein er befasste sie mit seiner Klaueund sie blieb. Da war ich wie zu haus, und fühlt' es tief in der Seele, dass im Stillen wirken göttlich sei. Die natur (Gottes Sprachzimmer) sieh, wie still sie ist! – Eine Waldblume, obgleich sie nie eine Eiche wird, bekommt etwas von der Stärke ihrer Kameraden. Sie steht länger