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der Residenz Mitau gegeben worden:

"Von Gottes Gnaden Wir Ferdinand, in Liefland, zu Curland und Semgallen Herzog, geben allen Einsassen dieser Herzogtümer zu vernehmen, dass in diesem letzten landtäglichen Schluss vom einunddreissigsten Julius jetztlaufenden Jahres wohlbedächtig, und alle bisherige Discrepance und angewachsene Streitschriften unter den Geistlichen in diesen Herzogtümern einmal zu heben, den dreifachen Segen beizubehalten und durch Publicationes festzusetzen, beschlossen worden. daher Wir denn, kraft dieses unsers Patents, sowohl dem wohlehrwürdigen und hochgelahrten Herrn Alexander Gräven, Superintendenti und pastori primario zu Mitau, als allen ehrwürdigen und hochgelahrten Präpositis dieser Herzogtümer, auch sämmtlichen übrigen würdigen und wohlgelahrten Pastoribus in Gnaden befehlen, dass sie solchen dreifachen Segen, der in verschiedenen Kirchen allhier bereits angenommen, sofort, wo es noch nötig, gleichfalls einführen und den zweifachen künftighin nachlassen mögen. Gewärtigen auch ein Gleiches von den Priestern der adeligen Kirchen, und wollen gnädigst, dass zu aller Wissenschaft dieses Patent drei Sonntage nach einander in deutscher und undeutscher Sprache von den Kanzeln verlesen, auch nachgehends ad valvas templi affigiret werden soll. Urkundlich unter dem fürstlichen Insiegel und unserer Unterschrift. Gegeben in der Residenz Mitau den neunzehnten August eintausend siebenhundert und dreiunddreissig."

Mein Vater, der es beständig mit dem weltlichen und nicht mit dem geistlichen arme hielt, mischte sich gar nicht in diesen Segensstreit des Herrn Candidaten und meiner Mutter, obschon ich aus anderweitigen Aeusserungen weiss, dass er's dem Herrn Superintendenten nicht verzeihen konnte, dass derselbe eigenmächtige Veränderungen zu machen sich unterfangen hätte. Er war so gleichstimmig mit der wohlgebornen Ritter- und Landschaft, dass man glauben sollen, er selbst hätte den landtäglichen Schluss vom einunddreissigsten Julius eintausend siebenhundert und dreiunddreissig entworfen, den ich meinen Lesern aber nicht vor die Augen stellen will.

Jetzt war mein Vater während dem Segensrauch ganz still und blickte zuweilen auf mich, seinen zweigliedrig eingesegneten Sohn. Da es sich zum Waffenstillstande anliess, der dem Herrn Candidaten um so ratsamer war, als er während dem Streite fallen lassen, dass er heisshungrig sei, indem invita Minerva wohl schwerlich ein kalekutischer Hahn wieder sein teil geworden wäre.

Da, sag' ich, der Herr Candidat ins Winterquartier zog, nahm mein Vater das Präsidium bei diesem Disputationsactu und sagte etwas, was weder den Opponenten noch Respondenten traf.

Von Gott, fing er an, kommt aller Segen. Meine Mutter nahm dies Wort; wollte Gott, sagte sie, Sie hätten Segen für meinen Sohn mitgebracht!

"Hier ist ein Brief von Doktor Saft und er selbst wird auch noch heute hier sein."

Er lebt? sagte meine Mutter.

Und ich zu gleicher Zeit: er lebt! indessen setzte ich noch das Wort a l s o hinzu. Wir hätten auch fragweise: lebt er? die Sache nehmen können, und ich hätte das also alsdann vielleicht gespart; indessen, wollten wir ohne Zweifel den Accent auf Er legen, und es war ein Frag- und Verwunderungszeichen bei den Worten: er lebt! an Ort und Stelle.

Der Candidat, der nicht zu wissen schien, ob vom geistlichen oder leiblichen Leben die Rede wäre, zog seine Handblätter weiter heraus, denn diese Frage war ihm in alle Wege so besonders, dass er die Antwort hervorziehen musste.

Meine Mutter kam ihm entgegen und setzte die Frage durch eine andere ins Licht.

Ist er nicht tot? und nun waren die Manschetten heraus und die Antwort:

"Ich habe ihn frisch und gesund gelassen –"

Und woher tot? fragte mein Vater.

Diese Frage befremdete meine Mutter noch mehr, als ihre und meine Frage den Herrn Candidaten. Sie wollte indessen meinen Vater keiner Lüge beschuldigen und ihn öffentlich beschämen.

Mein Vater las den Brief und sagte mit einer stimme: a u ss e r G e f a h r , dass es mir auffiel, mein Leben sei ihm nach den verbrannten Papieren gleichgültiger geworden. Es war ihm so, als wenn ein Sterbender eine Pension bekäme, auf die er zwanzig Jahre gehungert, oder wenn jemand, dem alle sein jetziges und künftiges Habe und Gut heute confiscirt ist, morgen hundert tausend Dukaten durch einen Rechtsspruch gewinnt.

Ich habe es oft erlebt, dass der beste Freund, wenn er seinen sterbenden Jonatan beweint hat, im Anfange gleichgültig ist, wenn er hört, dein Freund Jonatan lebt. Er schliesst nach seinem erlittenen, nach seinem überwundenen Schmerze auf den, der ihm noch bevorsteht. Bei meinem Vater wie oben.

Welch eine Veränderung bei ihm! welch eine bei mir! Meine Mutter blieb, wie sie war; ich fühlte mich die Minute besser, da diese Worte ausgesprochen wurden. Es war Schlag auf Schlag. Die Krankheit hatte mich schon vorher verlassen, nur ich nicht die Krankheit. Ich getraute es mir nicht zu glauben, dass ich gesund wäre. Lieber Herr Candidat, Sie hätten, unter uns gesagt, den Segen zuletzt lassen sollen, wie es Sitte in der Christenheit ist.

Warum soll ich's läugnen, dass mir jetzt mein letzter Wille zusammt dem Codicill, in Absicht M i n c h e n s , herzlich leid zu tun anfing; ich möchte wissen, was die Ursache war? Ich wurde Mal auf Mal im Bette blutrot, als wenn mir das Gewissen ins Gesicht sähe. Um alles in der Welt willen hätte ich das Testamentum nuncupativum zurück gehabt.

So gern meine Mutter es wissen mochte, wie das ganze Briefmissverständniss entstanden wäre, unterfing sie's doch nicht, die Auflösung in des Candidaten