nicht Rats erholen. Das Schreiben kommt mir als ein vernünftiger Monolog vor, die beste Manier, wie man zu sich selbst kommen, und sich ein Wörtchen ins Herz und Seele hineinbringen kann. Wenn man mit sich selbst spricht, läuft jeder für uns: und mit den lieben Gedanken – wer zäunt sie gern ein? und unverzäunt, wie selten halten sie Stich? – Ich weiss, an welchen ich glaube – und bin gewiss, dass er mir meine Beilage bewahren werde bis an jenen Tag, dass der, so meinen Nelkensamen gestreuet, auch die Nelken ablegen, und in ein ander Beet versetzen werde; dass der, so in mir angefangen das gute Werk seiner Verherrlichung, es auch durch seinen heiligen Geist bestätigen und vollführen werde, bis an den lieben jüngsten Tag. O wie es mich entzückt hat, dass die Selige Mosen und die Propheten, Bibel und Gesangbuch, zu ihrem Ein und Alles gemacht, und dass sie besonders in geistlichen und himmlischen Liedern ihre Wonne gefunden! O du mir sonst teures und wertes Lied:
Ich hab' mein sache' Gott heimgestellt,
wie weit teurer und werter bist du mir jetzt, du, Minens Reiselied auf ihrer Wanderschaft zur seligen Ewigkeit! Weisst du auch noch, mein Erst- und Letztgeborner! wie wir unterwegs, da wir die Folianten, die uns kreuzweise zur Verewigung des vetterlichen Kupferstichs dienten, zu haus brachten, wie wir sangen:
Wohl aus den Augen und aus dem Sinn.
Behüte Gott, dass ich dich an diese preiswürdige Stelle darum erinnern sollte, damit auch die hingetragene Mine dir wohl aus den Augen und aus dem Sinn kommen möge! Nein, ewig sollst du an sie denken, aber denke' an sie, als Christ! Sieh! die natur gibt dir die Vorschrift, deinen Schmerz nicht zu verewigen. allmählich, wie Spiritus, duftet er aus. Man merkt wohl, es ist Spiritus gewesen, allein die Hauptkräfte sind in den Wind geschlagen. – Dein Vater pflegte zu sagen, dass er jeder Hand ansehen könnte, auch dann, wenn jetzt kein Ring daran hing, dass einer daran gewesen. Ein gewisser Zwang, ein gewisser Stolz, bleibt darin, und der kleine Finger will mit aller Gewalt der Daumen oder Mittelfinger sein. Das kleine Närrchen! So nicht mit Christenleuten. Sie sind einen Zoll über die natur! grösser, stärker, als sie. – Was die natur nicht kann, vermag die Gnade, die mächtig macht! Dieser Gnade befehl' ich deinen Geist, Seel und Leib, alles müsse unsträflich behalten werden bis zum allgemeinen Concilio, wenn offenbar wird, der Gott dient, und der ihm nicht dient. – Wenn du das schöne Werk: E h r e u n d L e h r e d e r A u g s b u r g i s c h e n C o n f e s s i o n , von J o h a n n W e i d n e r , U l m , 1732, habhaft werden kannst, lass es nicht aus der Hand und dem Auge! Dein Vater hat es heimgestellt, hab' ich nicht ohne die äusserste Rührung meines Herzens nachgeschlagen, dass ein siebenundsiebenzigjähriger Greis, da er sich diesen Kern- und Sterngesang vorsingen liess, und an die Worte kam:
Es wird nicht eins vom leib
mein,
Sei gross oder klein,
Umkommen, noch verloren sein,
sich so angegriffen, dass sein erstorbener Körper sich verjüngte, wie ein junger Adler. Man sah ihn ordentlich auferstehen. Nicht eins, nicht eins, nicht eins, schrie er, vom leib mein, umkommen und verloren sein! und starb ruhig und selig! – Würdest du es wohl gern sehen, wenn du von Minen in der andern Welt nur ein Gemälde, nur einen Kupferstich sehen solltest? Nicht eins, nicht eins, hör' ich dich auffahrend rufen, wie den siebenundsiebenzigjährigen Greis. Nun, du sollst sie wieder haben, ganz und gar! Es gibt plätze in unsern Liedern, wo man in der grössten Sonnenhitze vor dem Sonnenstich sicher ist, wo kein Sonnenfunke hineinblitzt, kein Strahl hineinschleudert und wo es einem so wohl ist, so herzlich wohl! – Ich weiss nicht (mein Gedächtniss fängt mir an so schlecht zu werden, und ich merke selbst bei Liederstellen, dass sie mir wie die Zähne ausfallen), ich weiss nicht, wo ich es gelesen habe, dass ein braver Mann sich alle liebe Morgen, wenn er aus dem Bette gefahren, einen frischen Erdenkloss bringen lassen, daran er eine Weile gerochen. Er behauptete, dass er Gesundheit und Lebensverlängerung daraus röche! Mein Sohn! gibt's einen originalern Menschengeruch? Ein Erdenkloss war noch vor dem Adam, und er ward aus ihm gemacht. Zwar ist die Erde jetzt sehr mit toten versetzt, denn wer weiss, ob ein Stellchen ist, das nicht ein Kirchhof, eine Urne wäre? Und wer kann es läugnen, dass so ein Erdenkoss, aus dem Gott der Herr den ersten Menschen machte, sich ungefähr gegen unsere jetzige Erde verhalten haben könne, als gekochtes Gemüse und rohes Obst. – Indess erfrischt auch das gekochte Gemüse das Blut und auch noch, glaube' mir, auch noch muss man von der Erde was Originales riechen können, wenn man sich nicht an sogenannten wohlriechendem wasser die Nase von Grund aus bis auf die Wurzel verdorben hat, welches aber nicht,