über: wir haben hier keine bleibende Stätte, sondern die zukünftige suchen wir! welche dir dein Vater auf mein Zudringen, wie sie da geht und steht, senden wird. O Gott, wie hörte Mine diese Predigt, und ich, wie sah ich sie hören! Gleich, dachte ich, ein Mädchen, das so hören kann, kann das böse sein? Es kann nicht. Ich sah Minen manches Predigtwort befeuchten mit ihren Tränen. Ein warmer, fruchtbarer Regen zur Seligkeit! Ich sah sie Abschied von Nummer 5 nehmen, einen sanften, seligen Abschied! O möchte ich doch auch, wenn ich zum letztenmal in das Gotteshaus gehe, von Nummer 1 so Abschied nehmen, und wenn es auch zu mir heisst: wir haben hier keine bleibende Stätte, sondern die zukünftige suchen wir! so von hinnen gehen, wie sie aus Nummer 5. O hätte ich doch nur einen Buchstaben von diesem Abschiede gemerkt, da Minchen ihn nahm, nur ein Uhütchen, ein Ipünktchen! Welch ein schreckliches Licht ist mir j e t z t aufgegangen. Vorigen Sonnabend ging ich allein ins Gotteshaus und wollte versuchen, ob ich mich vielleicht in der Stille mit Minens Bank versöhnen könnte. Langsam ging ich zu ihr, als zu meinem Richterstuhl. Ungefähr kam ich an die Stelle, der sie die Hand gedrückt, und siehe, es waren feurige Kohlen, die da brannten. – Noch jetzt bin ich mit Nummer 5 nicht in Ordnung. Gott sei gelobt und gebenedeit, dass ich Minchen anders grüsste, da sie herausging. Gott! Gott! grosser Gott, ihre Tränen! Ihr Ringen im Auge, ehe die Tränen flossen, die bangen Tränen und die letzte, die Abschieds-Träne, die sie weinte, da sie ging, die ihr mein letzter Gruss erregte. – O sie komme zur Linderung über mich, zum Erquickungstropfen in meiner brennenden Todeshitze, in meiner Todesnot! Vater, vergib! Ich wusste so wenig, als Natanael, was ich tat! Dieser Wehrwolf –
Doch warum klag' ich andre an,
Ich habe alles selbst getan.
Der Stank für Dankbrief! O hätt' ich nie schreiben gelernt! Die Zunge hat viel Unheil angerichtet; allein es geht mit ihr, wie mit dem Brod beim Bäcker. Den andern Tag wird frisch gebacken. – Nie, mein Sohn, das schwör' ich schriftlich vor Gott, der über mir ist, ich schwöre, nie werde' ich Lebenslang einen Brief, ein Promemoria, einen Waschzettel schreiben, wo ich nicht an Minen schriftlich denke, und ihren Namen, wär' es auch nur der erst' und letzte Buchstabe M.e. meinen Stank für Dank zu büssen. Sei mit dieser Busse zufrieden, lieber gütiger Gott, und sieh mich so nicht an, wie ich Minen, vor der letzten Predigt in unserer Kirche! Wie könnt' ich sonst vor dir bestehen! – Straf mich nicht nach meinen Sünden, vergilt mir nicht nach meinen Missetaten! – So du willst, Herr, Sünde zurechnen hier, in der ersten Instanz, vor dem Gewissen, und dort in der letzten, wer kann bestehen?
Gott, du kennst vorhin
Alles, was mich kränket,
Und woran mein Sinn
Tag und Nacht gedenket.
Niemand weiss um mich,
Als nur d u und i c h .
Das! das! mein Sohn, ist mein täglich, mein stündlich Gebet zu Gott, das ich aus der Tiefe herauswinde, wie ein müder Wanderer einen Labetrunk aus einem Brunnen, der dem Reisebecher Tropfen auspresst. Wie gern ich sehe, wenn das Glas beschlägt, kann ich dir nicht sagen. Es ist mir so, mein lieber Sohn, als erquicke sich das Glas selbst.
Du hast mir, es ist nicht zu läugnen, einen stark gewürzten Brief geschrieben; Muskatennuss, Englischgewürz, Pfeffer und Ingwer war darin. Zu sehr indessen zeigt der Brief noch, dass du mein Sohn bist, und ich deine Mutter; zu sehr, dass du unter meinem Herdein Vater, und der nur beiläufig, gesehen hat. O warum, warum vergisst du denn diess nicht alles? Das konntest du leider nicht. Warum denn nicht? Griff ich dir nicht ins Herz hinein? Riss ich dir nicht ein auge' aus? Sohn! zu guter Sohn! – Wisse, dass ich mir selbst, wie jener Gesetzgeber, dessen Sohn ein Gesetz übertrat, worauf zwei Augen standen, auch ein auge' ausgerissen, und zwar das linke, das ich das Herzensauge nenne, so wie das rechte das Verstandesaug' ist. Jetzt, ich weiss selbst nicht, wie's zugeht, da ich diess alles aus der Fülle meines Herzens herausschreibe, fühl' ich mich einigermassen getröstet. Mich soll verlangen, ob es von Bestand sein wird. – – Wundershalber brech' ich auf einen Tag ab.
Gelobt sei der, dessen aufsehen unsern Odem bewacht! Ich bin zufriedener. Ich bitte dem lieben Gott wegen des Fluchs ab, den ich über's Schreiben aussprach! – Es ist grundfalsch, dass das Schreiben nicht auch sein Gutes habe. Freilich hätt' ich an Minen nicht schreiben sollen. Was kann aber das wasser dafür, dass es nicht Taufwasser wird, welches so schönes Grün hervorbringt, dass das Auge fühlbar gestärkt wird? Denke doch weiter über das Schreiben, und schreibe mir mit nächstem, was du gedacht hast. Bei deinem Vater kann ich mir desshalb