ist die Liebe! Das grösste Ueberbleibsel des göttlichen Ebenbildes ist die Liebe. Liebe ist der Funke, den Gott anschlug, da er die Welt schuf. Du weisst das Sinnbild Feuer, Liebe, wasser, Hass! Wo Feuer ist, ist Licht – wo Licht ist, ist Wahrheit. Das Licht der Vernunft ist Liebe, die Luft der Geister ist Liebe. Suche deinen Trost in der Liebe! – Du sollst Gott lieben, den du nicht gesehen hast und nicht siehest. Sieh! ein Hülfs-, ein Hausmittel, dich zu dieser Gottesliebe hinauf zu schwingen, da du Minen liebst, die du gesehen hast und nicht siehest. Um diese Welt gleichgültiger zu finden, ist's gut, einen geliebten Gegenstand in der andern Welt zu haben. Wahrlich! es warten noch Stunden auf dich, wo es dir in dieser Welt nicht gefallen wird. – Du liebst Minen und wünschest sie nicht glücklicher, als du bist? – Ist die Liebe nicht stärker, als der Tod? Sind wir nicht am geneigtesten, allentalben eine Aehnlichkeit von Menschen zu entdekken? Ein Baum in der Entfernung dünkt uns ein Mensch. Wir geben ihm alle Gliedmassen, und alles dünkt uns so. An der Wand, im Dunkeln, überall Menschengestalten! Nichts ist uns wichtiger, als der Mensch, nichts natürlicher, als er; und dir sollt' es schwer werden, Minen darzustellen? – Wer sich selbst nicht liebt, liebt auch andere nicht. In der Schule der Nächstenliebe wird mit der Selbstliebe der Anfang gemacht. Ein Verschwender kann dem Dürftigen sein Brod nicht brechen, weil er selbst nichts zu beissen, nichts zu brechen hat.
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Warum aber so kabinetsverschwiegen? Waren wir denn Vater und Sohn? oder waren wir du und du, und gute Freunde zusammen? Ich find' in diesen Fragstükken Trost; allein du wirst ihn hier schwerlich finden. Auch für mich selbst ist hier Unkraut zwischen dem Weizen. Friede mit Minens Seele, Friede mit der deinigen! Friede mit deiner Mutter, die unaussprechlich leidet. Fällt dir ein, dass ich es euch im Wäldchen wohlfeilern Kaufs lassen können, so wisse, dass dieser Umstand mich oft ergriffen, dass er mich noch ergreift, und mehr, als es Christen geziemt. Gott helf' unserer Schwachheit! Dieser Brief wird mir saurer, als je ein Brief mir worden, obgleich mir jede Schrift schwer wird, und ich meinen Schreibtisch, der aber kaum diesen Herrnnamen verdient, die meiste Zeit widerwillig ansehe. – Trost z u s p r e c h e n , sagt man; wer kann ihn schreiben? und wenn es viele könnten, würde diese Kunst doch nicht mein sein! D e n k e ! mein Sohn! – das heisst: sei mit Minen zusammen. Du hast nur Minens Form verloren! Mine lebt! und wir werden auch leben! – Besorgt sein und sorgen, ist zweierlei. Hier ist so viel von der Predigt über den Text: Wir haben hier keine bleibende S t ä t t e , als ich selbst besitze. Du kennst meine Weise zu concipiren. Hie und da ein Wecker. Betrügen mag ich nicht. So schick ihm doch das Concept, wie es steht und geht, sagt deine Mutter. Da ist es, wie es steht und geht.
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Herzlich geliebter und nach dem Willen Gottes schmerzlich betrübter und nach kurzer Freude viel Leid tragender, einziger lieber Sohn!
Da sitz' ich und lese diese Ueberschrift zehnmal: Herzlich geliebter und nach dem Willen Gottes schmerzlich betrübter und nach kurzer Freude viel Leid tragender, einziger lieber Sohn, und kann keinen Anfang finden, ich, die ihr Lebtage nicht des Anfangs halber eine verlegene Minute gehabt, und auch noch hab' ich den Anfang nicht, denn das ist erst der Anfang zum Anfang. Beim Ende, mein Kind, war ich oft verlegen. Dein Vater pflegte zu sagen, ich könnte das Ende nicht finden, obgleich mit seinen Anfängen, wenn er was schreibt, wahrlich nicht zu prahlen ist. – Bis jetzt hab' ich, Gott sei Dank, noch immer das Ende gefunden, freilich oft in Winkeln, wo es nicht jeder zu suchen gewohnt ist. – O mein Sohn, wenn du wüsstest, wie schwer es mir wird, den Anfang dieses Briefes zu finden, du würdest deine Mutter bedauern, und sie in deinen Schmerz einschliessen, wie ich dich immer in mein Gebet eingeschlossen habe und jetzt in mein Gebet einschliesse. Ich will sie nur nennen – so gern ich diesem Namen auswiche: Mine da ist der Anfang, Mine! o mein Sohn! wie wird mir, da ich diesen Namen, diesen seligen Namen schreibe und spreche. Zacharias schrieb und sprach: Er soll Johannes heissen, und war ein so glücklicher Vater, als ich eine unglückliche Mutter bin, obgleich mein Johannes nicht daran Schuld ist, sondern ich selbst, ich allein selbst. Mine! Mine! Mine! Da ist der Anfang. Ihr Name wird auch das Ende sein! Meine Seele ist betrübt bis in den Tod!
Wohl ihr, dem Kind der Treue!
Sie hat und trägt davon
Mit Ruhm und Dankgeschreie
Den Sieg, die Ehrenkron'!
Gott gibt ihr selbst die Palmen
In ihre rechte Hand,
Und sie singt Freudenpsalmen
Dem, der ihr Leid gewandt.
Aus dem lied: Befiehl du deine Wege, woraus, wie ein Ausgebäube, die