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. Nach einer Weile setzte sie hinzu, deine Töchter werden wie Mine und deine Söhne wie Minens Mann. Gott bewahre die Söhne, im Fall sie Justizräte werden, vor Treibern, vor Revisoren, die Knaben sind, und die Töchter vor Nachstellern der Unschuld, vor v. E – s. – Und nun legte der Prediger den Segen, womit Gott sein Volk zu segnen befohlen, auf beide: der Herr segne dich u.s.w., ohne dass er von einem Candidaten mit langen Manschetten aus der Bauskeschen Präpositur unterbrochen ward.

Die beiden Aeltesten der Gemeinde kamen gemeinschaftlich das Aufgebot für ihre Töchter nachzusuchen, welches den nächstfolgenden Sonntag zum erstenmal geschehen sollte. – Nebenher wollten sie sich erkundigen, wenn heimgefahren werden sollte, und da sie sahen, dass es hier so rasch als mit dem Hochzeittage ging, setzten sich einige junge Ehemänner zu Pferde, um dem neuen Paar bis zur Grenze das Geleit zu geben. Einige junge Frauen, worunter drei gesegnet waren, begleiteten das Paar bis aus dem dorf. So weit ging auch Vater, Mutter und ich. – Der Genius des mir unvergesslichen Kirchdorfs ging weiter mit Gretchen, mit seinem Liebling. – Es gehe dir wohl, liebe Seele, vergiss Minen und ihr Grab nicht!

Ich reiste denselben Tag nach Königsberg und fand bei meiner Ankunft einen Brief nebst hundert Pistolen. Ich brach den Brief und fand weiter nichts als folgende Devise:

"Für Minchens Verwandten in

Mitau."

Ein Zug, an dem ich den Grafen erkannte, obgleich er incognito war und blieb. Aller Mühe, die ich mir gab, unerachtet konnte ich ihn nicht herausbringen. Wahrlich dieser Zug ähnelt ihm! Der Graf, dachte ich, der den Sargtischler nicht in Stand setzen wollte, ein Mädchen zu heiraten, das keinen andern Fehler hatte als den, dass es arm war; der Graf, der diesen Jüngling für Protektion arbeiten und sich das Herz abhobeln liessda fiel mir wieder seine strenge Gerechtigkeit ein. Er war Patron der Kirche und des Hospitals, dem Minchens Anverwandter in L – den Halbscheid seines Vermögens zugewendet hatte. Alsogedankt hätt' ich dem Grafen nicht, wenn gleich ich seines Namens gewiss gewesen wäre. Gott dank' ihm! – Der dankt nicht mit Worten, sondern mit Tat und Wahrheit. Zwar hatte ich meiner Mutter die Worte aus Minchens Testamente bestens empfohlen:

"Kannst du meinen Verwandten in Mitau förder

lich und dienstlich sein, sei es. Gott wird dich loh

nen!"

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indessen kam mir diess ανεχου κα` απεχου, diese Lotteriedevise mit einem Gewinnst sehr willkommen. Willkommner kann es den Anverwandten in Mitau nicht sein! Schwer war es mir, zu diesem allen nichts mehr als ein Franko beitragen zu könnenein Scherflein in den Gotteskasten.

Das Schwere bei einem mässigen und zugemessenen Auskommen ist bloss, dass wir nichts mehr als höchstens die Gabe der Reichen frankiren können! Darf ich wohl bemerken, dass ich gegen den Grafen kein Wort von Minchens armen Verwandten in Mitau verloren? Es wird nicht jeder so neugierig sein zu fragen, ob die Post auch richtig das Haus der Armen gefunden, die in der Welt Angst hatten. Um ihnen keine Minute zu entziehen sandte ich das Geld geraden weges und nicht durch meinen Vater, auch nicht einmal durch Wechsel; allein ich bat meine Mutter, sich nach der Aufnahme dieses Geldes zu erkundigen, da ich hierüber dem lieben Gott unmittelbare Rechnung abzulegen hätte. Er, der ehrliche Alte, war schon seit drei Wochen zur Ruhe eingegangen in jene seligen Wohnungen, wo ihn kein Pachtunglück und kein Contrakt, der ohne den lieben Gott gemacht ward, und kein W . R . I . V . R . W . mehr drücken konnte. Seine Frau lebte noch, zählte bis zehn. Noch mehr? sagte sie, als ob das Geld unter ihren Händen sich mehrte. Sie sprach für den Geber Segen, gab das ungezählte Geld und die gezählten zehn einem ihrer Nachbaren zum Aufheben und starb. – – Der Tod war ihr lieber als hundert Pistolen. Der Sohn, der Amtsgeschäfte halber seinem Vater nicht das letzte Geleite geben konnte, kam zum mütterlichen Begräbniss. Sollten ihn wohl die hundert Pistolen dazu vermocht haben? Meine Mutter versicherte mich, dass der leidtragende Herr Sohn nicht aufhören können, Gottes wunderbare Führung zu verherrlichen! – Das dachte' ich wohl und meine Leser mit mir, dass er diese hundert Pistolen nicht ohn' ein Kirchengebet einstreichen würde. Ich wünsche wohl zu bekommen, lieber Herr Prediger an der Grenze.

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Ein Wort zur Rettung der Ehre meiner Mutter, die ich vielleicht hier und da auf zu frischer Tat beurteilt haben kann. Darf ich bitten, lieber Freund! zu diesem Rettungswort? Auch du urteiltest auf frischer Tat, da ich dir meinen Lebenslauf aus freier Faust erzählte und an den Brief kam, den meine Mutter an Minen schrieb, sich anhebend:

"Es will verlauten."

Hermann machte meine Mutter mit dem Abschiedsbriefe bekannt, den Mine ihrem Vater zurückliess, als sie aus ihrem vaterland und aus ihres Vaters haus in ein Land ging, das ihr der Herr zeigte.

Hier ist die Antwort meiner Mutter und meines Vaters. Was jenes Weib vom Petrus am Kamin sagte, gilt auch von diesen Briefen. Die Sprache verrät sie.

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Fasse dich! bedenke das Ende, so wirst du auch in deinem Schmerz nicht übel tun. Gott