Kleides Farbe, Form und nähere Nachricht von den Knöpfen und ihrer Zahl mitteilen möchte, kann ich?
Die zweite Denkwürdigkeit. Die post festum gekommenen Freunde hiessen die neuen Eheleute nicht anders als Brautpaar, und wenn sie's ausgesprochen hatten, schämten sie sich dieser Uebereilung, die sie doch gleich darauf wieder begingen und dann noch einmal. – So fest hatten sie es sich eingeprägt, es ginge zur Hochzeit.
Vielen wird dieser Mittelumstand nicht denkwürdig scheinen. Mag's doch.
Die dritte. Der Graf kam ohne seinen Bruder nach Mittage. Alles voll Freude! Auch zu Ihnen komm' ich, sagt' er, um Sie noch einmal zu sehen und noch einmal zu sagen – hier oder dort. – Was er sich freute, dass die Hochzeit vor der Hochzeit gewesen! Das kommt aus dem Bitten heraus. Das Feine des Vergnügens geht verloren. Die natur lässt sich nicht melden, es wäre denn bei Krankheiten. – Wir mussten dem Grafen den gestrigen ganzen Tag referiren, und wahrlich unsere ganze Freude dieses Tages war, dass wir den vorigen Tag froh gewesen.
Mit den lieben, grossen Hochzeiten, sagte der Graf. – So was nenn' ich nicht leben, wenigstens will ich das Leben bei dieser gelegenheit so wenig observiren, als auf dem Schaffot den Tod! – Allzuviel ist ungesund. Zu Warnungsanzeigen findet sich zwar in beiden Fällen Stoff die Menge, nur zu Lebens- und Sterbensobservationen nicht.
Der Graf konnte nicht lange bleiben. Er hatte, wie er sagte, einen rechten Segen Sterbender bei sich. Obgleich, fügt' er hinzu, ich wenig Heil in meiner Ehe erlebt, ist's mir doch lieb, geheiratet zu haben, um dort einst sagen zu können: hier bin ich und hier sind, die du mir gegeben hast! Kann das ein Eheloser? So rührend mir diese Empfindung war, so schwächte sie doch die Erinnerung an die Grafenkrone, an die weissen Federn und den Orden. – Füllt die Erde! heisst: füllt den Himmel! Wenn Menschen sich nicht Leid klagen könnten, wie unglücklich würden sie sein! Die Ehe ist ein Band, wo sich Mann und Weib auf Lebenslang verbinden sich Leid zu klagen.
Der Organist, der auch diesen Abend herrlich und in Freuden beim Prediger lebte, hielt sich während der Zeit, da der Graf gegenwärtig war, so demütig, dass er nicht vom Ofen kam. Wieviel sind diesen monat im Kirchspiel gestorben? fragte ihn der Graf, und er: ich habe nicht geglaubt, die Ehre zu haben, Ew. Gnaden zu sehen. Zwei Reden hab' ich gehalten, aus diesem Dorf also zwei. Der Prediger musste das Buch holen und wir fanden abermal, dass die Erinnerung des Todes keine Hochzeitfreude verderbe. Die Hochzeitgeschenke, welche der Graf unvermerkt in die Brautkammer setzen lassen, waren Sinnbilder vom Tod und Verwesung. Sie hatten einen ausgemachten Wert. Eine Urne von Porcellan gefiel mir am besten.
Ich blieb noch einen Tag in L – und diesen einen Tag waren wir wieder ganz unter uns. Den Amtmann hatten wir unter uns aufgenommen. Es war ein recht guter, biederer Mann! Wie lang er am Hochzeittage meinetalben seine Ruhe abgebrochen! Mittelmässig war er in allem; allein warum sagen wir: die Mittelstrasse die beste und wanken doch so gern? Warum?
Bei dem Mittelmässigen fällt es mir ein, dass wir den dritten Tag viel von der Schönheit sprachen. Natanael tat sich bei dieser Unterredung recht sichtlich hervor. Er setzte die grösste Schönheit in die Mitte zwischen Feistigkeit und Magerheit, obgleich er selbst mehr fett als mager war. Gretchen aber diente ihm zum Exempel, seine Regel zu beweisen und ausser ihr alle Statuen der Alten. Ich muss es doch wohl wissen, sagte Natanael. Der Amtmann, der seinem Bauche nichts vergeben wollte, fand indessen diess letzte Argument unwiderlegbar, schlug sich auf seine Bauchbürde, sah Gretchen an und schwieg.
Natanael liess nicht ab, mich zur Heimführung einzuladen; allein meine Stunde war gekommen. Ans w e n n ? war gar nicht weiter beim Justizrat zu denken. Diesen Abend weihte ich noch Minens Grab, nahm von Natanael und Gretchen das feierliche Versprechen, dieses Grabes Beschützer zu sein, und nun wollte ich L – (allem Vermuten nach auf ewig) gute Nacht sagen. Die Predigerin machte es mir zur Pflicht, dass ich, wenn ich bei der Heimführung nicht gegenwärtig sein könnte, wenigstens bis zu Gretchens Abreise bleiben möchte. Der Prediger und seine lindenkranke Frau blieben auch zurück. Der Amtmann allein und Gretchens beide Brüder begleiteten das junge Ehepaar. Der Abschied? Bei Beschreibungen der ganzen natur kann man malen oder pinseln nach der Gabe, die jeder empfangen hat. Ist von Menschen die Rede, wer kann ohne lästig zu werden Leidenschaften in Worte ausbrechen lassen?
Gretchen war im Reisekleide ausgegangen und kam mit verweinten Augen zurück. Wo sie gewesen? werden meine Leser nicht fragen. An Minens grab. – Ihre Mutter stand am Fenster, sah unverwandt den Reisewagen an und hatte sich betrübt aufgestützt. Gretchen ging zu ihr, fasste sie zärtlich an und Hanna küsste sie herzlich. Gretchen fiel ihr zu Knien und bat um Segen! Sei gesegnet, sagte Hanna und legte beide hände auf sie, und sei eine so gute Mutter, als du eine gute Tochter gewesen. Nie geh' ein Lindenbaum vor deiner tür aus! – Hier hemmten die Tränen der Mutter und Tochter diese Segenshandlung