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, es war nicht fürchterlich. Sie hat ihren Myrtentag nicht erlebt, sagte Gretchen, und liess eine Träne fallen. Natanael küsste sie herzlich. Wer es weiss, wie schön es sei, ein Mädchen in solchen Tränen zu küssen, denke sich die Wonne dieses Paares. Ohne Tränen gibt es keine Trunkenheit der Liebe. Diese Ehe, sagte die Predigerin, hat der Tod geraten; was er rät, ist wohl geraten. – Die Dorfältesten schlossen diese wahre hochzeitliche Scene, sie kamen und fragten im Namen der jungen Dorfleute an, ob es wohl erlaubt wäre, die vier Dorfflinten dem Tage zu Ehren abzufeuern, wie es wohl sonst bei dergleichen Gelegenheiten geschehen wäre? – Das wäre so recht für Junker Gottarden gewesen! Wir alle aber verbaten diess Feuerwerk. Die Anfrager mussten ein Glas Wein dem Brautpaar zu Ehren leeren. Das ist besser als ein Flintenschuss, sagte der Amtmann ohne goldbesponnene Knöpfe; und dann noch eins, und dann das dritte. Aller guten Dinge sind drei, sagte der Prediger, und ich stimmt' ihm, meiner heiligen Zahl wegen, herzlich bei. Im Paradiese, was braucht' A d a m mehr als E v a , um froh zu sein? sagte Natanael. Nach dem Falle haben wir auch Rheinwein nötig, um uns ins Paradies zu bringen Man muss sich hinein trinken. Er fing sich aus lichterloher Galanterie zu wundern an, dass Adam nicht beim blick seines Weibes aus Entzücken, aus Uebermass des Sehens, blind geworden! Der Prediger half ihm zurecht. Es war im Paradiese, sagt' er, wo Adams Auge so gut, wie seine andern Gliedmassen, unsterblich waren. – Der Organist, damit ich sein nicht vergesse, hatte den gesunden Gedanken, da sich das Brautpaar küsste: Lassen Sie uns ihm mit den Gläsern nachküssen! Wir stiessen an, und zur Ehre dieses Einfalls zweimal. – Der heiligen Zahl war er nicht wert. Wir standen auf. Der Prediger schlug einen Spaziergang in das nämliche Wäldchen vor, das uns zu diesem Tage anrätig gewesen, und beschlossen wir also, wie angefangen war. Wahrlich, ein schöner Tag! – Wir kamen in der Dämmerung heim, und eben wollten wir ins Pastorat, da uns der Musenchor überfiel. Der Organist hatte sich der Not angenommen und die Zahl zwölf noch mit zwölf andern vermehrt. Ein wahrer Minnegesang! – Gretchen ging nach vollendetem Ständchen unter diesen schönen Haufen, nannte alles Schwester, und dankte so schön, dass jedes Mädchen glaubte, Gretchen hätte nur ihm gedankt.

Der Prediger konnte sich ohne Abendessen nicht behelfen. Natanael declamirte wider das Abendessen, er ward aber überstimmt: den Alten, sagt' ich, wäre das Abendessen freilich das vorzüglichste, und den Christen, bemerkt' er, sollt' es noch weit mehr sein. Man setzte sich an ein Milchmahl. Die Sängerinnen hatten uns musikalisch gemacht. Alles s a n g und sprang, hätt' ich beinahe mütterlich hinzugereimt. Es war aber wahrscheinlich kein Springen, es war eine stille Freude, eine Milchfreude! O Gott, was liegt in der Unschuld, in der lautern Milch der Unschuld! – Unter tausend andern Dingen liegt auch Vernunft darin. Es heisst v e r n ü n f t i g e lautere M i l c h , und nichts ist einpassender als diese Beiworte zur Unschuld. Es liegt in ihr Vernunft, höchste oder tiefste, wie soll ich sie nennen?

Nun ging das neue Paar ins Schlafgemach. – Es verschwand und das ist das natürlichste Ceremoniel, wenn ein neues Paar zu Bette geht. Die Auskleidung der Braut ist ebenso unwürdig als eine laute Hochzeit. Geht in Frieden, lieben Leute! Es geleite euch der, welcher dem Menschen sein Schöpferbild anhing, mit seinem himmlischen Segen! Das ist mein Hochzeitgeschenk. Auch jedes der Hochzeitgäste ging in sein Kämmerlein, nur ich nicht. Ich schlich mich an Minens Grab und hatte' eine Scene über alle Scenen. – Eine himmlische Hochzeit! Wer war glücklicher, ich oder Natanael? Spät kam ich in mein Kämmerlein und fand, dass der Amtmann, mit dem ich gepaart war, auf mich gewartet. Ich konnte nichts sprechen, nicht einmal ein Wort zum Dank. Auf solch einen Tag, wie schön schläft es sich! – Mein Schlaf war eine Entzükkung in den dritten Himmel. Es fiel keine Schäkerei den andern Morgen vor, keine Strohkranzrede. Die Frau Natanael schlich sich aus der Schlafkammer und ich merkte, sie ward rot auf ihre eigene Hand; sie hätte nicht schleichen dürfen, auch nicht rot werden das gute Gretchen! Natanael und Gretchen waren jetzt so ganz Eins, ein Leib, eine Seele!

Wie sich das Paar benachbarter Freunde kreuzt' und segnete, das zur Hochzeit gebeten war und, wie der Prediger sagte, post festum (nach dem fest) kam, kann man sich leicht vorstellen. Hätte der G r a f et Compagnie zusagen lassen, dann hätten wir den Tag zuvor diese Freude nicht haben können. Mit dem Paar benachbarter Freunde hatte es nichts zu bedeuten. Dieser Nachtag, diess Agio von Hochzeitfest hatte' drei Umstände, die ich ausserdem, dass dreimal mehr Essen und dreimal weniger Vergnügen herrschte, der Bemerkung wert halte. Die erste Denkwürdigkeit. Der Amtmann brachte sein Kleid mit den goldbesponnenen Knöpfen nicht zum Vorschein. Warum sollt' ich? sagt' er; Möstrich nach der Mahlzeit.

So gern ich also auch meinen Lesern des