Martin und Caspar waren an dem Tage, da Gretchen Hochzeit hielt, die glücklichen Bräutigame. Wir werden schon nacheilen, sagten die vergnügten Bursche, und Gretchen ward rot, was weiss ich warum? Natanael sah in den Spiegel. Ich glaube nicht, dass es eben so angenehm sei, in Gesellschaft zu heiraten als zu sterben, obgleich ich nicht vom Grafen zu diesem Glauben aufgefordert bin. Ein verliebtes Paar ist Adam und Eva in der ganzen weiten Welt; sie dünken sich die einzigsten Menschen in der Welt zu sein und sich selbst genug.
Eine Gesellschaft wie diese indessen, muss auch bei den Verliebtesten ein Beitrag des Vergnügens sein. Das Dorf kam unserer Hochzeitfreude eben dadurch näher. Es war alles Paar und Paar. Die Dorfältesten hatten sich schon längst vor der Hochzeit festgesetzt, dem Natanael-Gret'schen Myrtenfeste zu Ehren eine Beifreude zu bezeigen. Ein Reihentanz konnte' es nicht sein; denn sie war aus dem Stamme Levi und des Seelenhirten eheleibliche einzige Jungfer Tochter. Nach vielem Hin- und Herdenken waren sie endlich auf einen ländlichen Gesang gefallen, den zwölf der schönsten Mädchen in weissen Kleidern kurz vor Schlafengehen absingen sollten. Ein junger Bursche hatte diesen Gesang entworfen, der Herr Organist aber, wie es hiess, hatte' ihn stylisirt oder die natur verkünstelt. Die beiden Kranzträgerinnen hatten grosse Rollen bei dieser singenden Mitfreude, wobei sich alle zwölf die hände geben und eine Freudenkette machen wollten. – Hätten die Mitfreudigen und selbst der Censor von den neun Musen gewusst, es wären nicht nach Zahl der Monate zwölf gewesen! Unfehlbar aus denen mehr als zwanzig jungen Mädchen, die in die Stelle der Leichenbegleiter traten, nachdem Minens Sarg vor den Altar gesetzt war.
So ward es beschlossen; jetzt aber kam alles in Unordnung. Die beiden Kranzträgerinnen, welche die grossen Rollen hatten, waren aus Text und Melodie gekommen. Niemand wusste, ob das Ständchen heute oder morgen gebracht werden sollte, und doch wollte jedermann es so gut als möglich machen. Kurz, das Dorf war in Unordnung. Diese Unordnung selbst indessen bot Hand zur Freude. Die Freude ist die unordentlichste von allen Leidenschaften. Unser Pfarrhaus war während der Zeit das glücklichste Haus in der Welt. Gretchen so ganz und gar des Natanael, dass sie auch nicht einmal einen blick für mich übrig hatte. Neigung ist so pünktlich nicht. Pflicht aber ist das pünktlichste, was ich weiss. Der gute Pastor liess sich an diesem Tage die Verlagsgeschichte seiner Sünde wider den heiligen Geist erzählen, und war so froh, dass er sein Seelenkind so gut, wie Gretchen, angebracht! Ein wahrer Natanael von Verleger, sagte der Prediger, und feierte ein doppeltes Hochzeitfest. Gretchen und ihre Mutter nahmen wie gewöhnlich keinen teil an diesem Seelenkinde. Natanael indessen musste wegen der in schwarz Corduan eingebundenen Exemplare sein Ohr zu dieser Unterredung neigen. Da er Gretchen hatte, war ihm schon vieles von diesem Ehrenwerk entfallen, das er, als angehender Bräutigam, fast wörtlich wusste. Gretchens Mutter war selbst so heiter, als wäre sie gar nicht lindenkrank, als wäre der Lindenbaum, der so alt wie sie war, und der in ihren letzten Wochen ausging, wieder zu Kräften gekommen; der Organist, so erkenntlich gegen mich, wegen des Schaustücks, dass er nicht aus dem Bücken herauskam, und so ehrerbietig gegen den hochedelgebornen Herrn Justizrat, dass ich immer besorgte, er würde wieder etwas aus dem hut lesen, obschon er nur auf Begräbnissreden fundirt war; der Amtmann so ins Vergnügen verstrickt, dass er den goldbesponnenen Knopf vergessen hatte. Wahrlich, man kann auch ohne goldbesponnenen Knopf vergnügt sein! Und Gretchens beide Brüder, welche der königliche Rat als die Seinigen in Königsberg erzog, die in eine der besten schulen gingen, wo sie gerades weges auf einen Superintendenten losstudirten – die guten Primaner, hatten ein Gedicht zusammen getragen, das sie beim Braten übergaben. Freilich hätten sie bis zum Kuchen warten können, indessen war es ihre erste Autorschaft, die selten den Kuchen abwartet. Der Vater kritisirte die armen Jungens sehr scharf, und nannte ihr Mascopiewerklein ein ährengelesenes Stück! – Guter Pastor, hast du denn schon aller kritischen Tage Abend erlebt? – Die beiden Knaben taten in alle Wege so altklug, dass man ihnen ihre Aaronsbestimmung ohne Fingerzeig ansah. – Es gebrach bei diesem Feste nicht an Wein. – Se. Hochgeboren hatten dem guten Prediger ein gutes Fässchen Rheinwein verehrt, welches wir nicht feierlicher begrüssen konnten. Wein hätte heute getrunken werden müssen. Der Communion wegen wird an allen christlichen Orten Wein gehalten. Da aber die Andacht keinen Geschmack am Körperlichen hat, so ist der Communionwein gemeinhin schlecht, sagte der Prediger. Ich, fuhr er fort, habe noch nie bei dieser heiligen Handlung den Wein geschmeckt. Viele der Herren von Adel schicken den Tag zuvor ein Fläschchen aus ihrem Keller; unser Graf nicht also, obgleich sein Rheinwein sich nicht gewaschen hat. Wir sassen länger als gewöhnlich bei Tisch. heute, sagte der Prediger, fröhlich mit den Fröhlichen! Wir waren traurig mit den Traurigen; wir sind es noch, sagte Gretchen, und dachte so rührend an Minen, ohne sie zu nennen, dass alles an sie dachte. Der Prediger belebte diesen Gedanken durch ein paar rührende Worte. Wer seiner toten nicht denkt, wenn er vergnügt ist, bedenkt nicht, dass auch sie lebten und dass auch er sterben wird. Das war das Gerippe, das er auf gut ägyptisch aufstellte! Wahrlich